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Aus der Stadt Wie ich lernte, Hannover zu lieben
Hannover Aus der Stadt Wie ich lernte, Hannover zu lieben
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00:16 06.12.2016
„Ich schwelge in unimportierten Genüssen“: Sophie Mühlmann auf dem Markt am Stephansplatz. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Es war ein Abend kurz nach heftigem Tropenregen, in der dampfenden Luft hing der Geruch nach Bananenblattfisch und Curry. Ich saß mit Freunden unter freiem Himmel am Plastiktisch einer Garküche in Singapur, als der Anruf aus dem düsteren Himmel kam: Ein neuer Job für meinen Mann, wir ziehen nach Hannover. Es war, ich geb’s zu, wie ein Tritt in den Bauch. Der Abend war gelaufen.
Zurück in die Heimat nach 13 Jahren in Südostasien. Aber konnte es ein Zuhause sein? „Die Fremde ist nicht Heimat geworden”, schrieb Alfred Polgar, „aber die Heimat Fremde.“ In Hannover kannte ich keine Seele. Meine Herzensfreunde, meine Eltern, alle leben sie anderswo in der Republik. Niedersachsen war Niemandsland, bedeutungsloses Terrain mit miesem Ruf. In meinem Kopf war Hannover nichts als eine Karikatur in vergilbten Farben, anziehend wie der Resopaltisch in einer Siebzigerjahre-Raucherküche. Kriegszerstört, Messehallen, Stau auf der A  2. Sonst noch was? Hannover?

Ein Tritt in den Bauch

Die Sache mit dem reinsten Hochdeutsch half nicht. Eine gebügelte Sprache ohne mundartliche Kanten weckte in mir Assoziationen von Keimfreiheit, von mangelnder Fantasie und Sinnlichkeit. Vor meinen Asienjahren lebte ich lange in Köln, dann in Berlin. Ich mochte die rheinische Nonchalance, die große Umarmung des „Leben und leben lassen“, die sich im weichgeschunkelten Singsang des Rheinischen ausdrückt. Mir gefiel auch das rotzige Berlinerische mit seinen gehackten Konsonanten. Weiches Deutsch und hartes Deutsch, beides hat was. Aber Deutsch mit Reinheitsgebot?

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Am Maschsee fand ich ein Lieblingsplätzchen. Quelle: Katrin Kutter

Dann kam ich an in Niedersachsen. An einem klammen Julitag ohne Sommer. Stand entwurzelt am Flughafen Langenhagen mit Abschiedsschmerz in den Knochen. Ich kannte mich nicht aus, verstand nicht das Gefüge dieser Stadt: Wo kaufe ich ein, was kaufe ich überhaupt, und ist denn eigentlich noch Erdbeerzeit?
Mit meinen Kindern spazierte ich am ersten Tag der Rückkehr die recht hässliche Hildesheimer Straße entlang, auf der Suche nach Heimat oder Heimeligem. Irgendetwas, auf das ich zeigen könnte, und sagen: „Schaut mal, wie schön!“ Doch die Fronten der Häuser waren flach und trugen Unfarben, die abwaschbar aussahen, ohne abgewaschen zu sein. Wir fanden Pfandhäuser, Discountmärkte und Drogerieketten. Jedes dritte Geschäft war eine Apotheke. Warum? Was bedeutet ein solch offensichtlicher Bedarf für den Neubürger? Macht Deutschland krank? Oder leben dort mehr Hypochonder?

Wir schlenderten nicht, wir bewegten uns tastend wie im Häuserkampf, wehrhaft von einer Deckung in die nächste. Immer wieder musste ich meine Kinder vom Radweg wegreißen. Dass Fahrradfahrer hier Rechte haben und diese durch Alarmklingeln und Bremsverzicht einfordern, war uns neu. Gefährlich neu.

Radler haben Dauervorfahrt

In Hannover haben Radler gefühlte Dauervorfahrt mit der Lizenz zum Pöbeln. Getrieben von ihrer moralischen Überlegenheit, jagen sie ihrer Wege und bremsen nie. Sie sind überall: Wie Insekten mit schnittigen Kunststoffhelmen in Leuchtfarben, die mit keiner Mode gehen. Seit wann tragen erwachsene Menschen Fahrradhelme und scheinen ausgerüstet wie zu einer Drei-Länder-Fahrt?
In einer selbst ernannten „Fahrradstadt“ wie Hannover sind sie die Stärkeren. Undenkbar in einem Ort wie Singapur, wo sich die Geldhierarchie eins zu eins im Verkehr widerspiegelt: Bentley und Maserati haben Vorfahrt, und muskelbetriebene Zweiräder stehen am untersten Ende der Bedeutungskette. Man kann sie eigentlich genauso gut umfahren oder von der Straße drängen – was erschreckend oft tatsächlich so geschieht.
Aber hier: Gesetzte Damen mit Einkaufskorb auf wackeligen Drahteseln, schlingernde Kinder mit übergroßem Ranzengepäck auf dem Rücken, engagierte Väter mit ihrer Brut im Anhängerwagen, und immer machen die Autos die Bahn frei. Es ist eigentlich fabelhaft. Wir waren fassungslos. Aber konnte man der Sache trauen?

Also kaufte ich mir auch ein Rad. Für 70 Euro bei Ebay, holte es ab aus einem Hinterhof in der List. Mein neues Gefährt war ausgewählt hässlich, damit es nicht gleich geklaut wird wie das meines Mannes nach nur einer Woche direkt vom Fahrradständer des Dormero-Hotels, wo wir die ersten Wochen kampierten, bevor die Umzugscontainer eintrafen.
Allein diese Haltung, nicht das hipste Rad zu wählen und zur Schau zu stellen, ist ein Bruch mit der neureichen Denkweise in Asien  – und ein Befreiungsschlag. In Deutschland kann man sich bewusst und mit gutem Grund für etwas Billiges, Hässliches entscheiden, und versteckt es trotzdem nicht. Status und Selbstwert, scheint es, entstehen anderswo.
Secondhand liegt wie schon vor Jahrzehnten im Trend. Alter Kram ist auf dem wöchentlichen Flohmarkt am Ufer der Leine hoch begehrt. „Vintage“, das Einmalige, ist schick, das Teure nur Dutzendware. Nicht auszudenken in Singapurs Konsum-Mentalität. Getragen? Benutzt? Nicht originalverpackt mit Markenschildchen? Verseucht, ekelhaft, nicht mal geschenkt.

Hannover machte es mir leicht

Zum ersten Mal seit 13 Jahren fuhr ich wieder Rad. Mit der Umgebung entdeckte ich mein Selbstgefühl als Bewohnerin dieser Stadt. Ich war nicht mehr zu Besuch, ich war gekommen, um zu bleiben. Heimat­alltag fühlt sich anders an als Heimaturlaub, nicht unbedingt schlechter. Ich durchkämmte meine neue Welt mit Ausleseblick: Wo gibt es potenzielle Lieblingsplätzchen? Wo eine mögliche Stammpizzeria? Und wo können die Kinder sicher alleine langgehen, wenn es jetzt früher dunkel wird?

Sophie Mühlmann hat 13 Jahre lang als Asienkorrespondentin in Singapur verbracht. Von dort aus bereiste und beschrieb sie die riesige Region zwischen Afghanistan, Ozeanien und Nordkorea. Zuvor war sie für den ARD-Hörfunk mehrmals als Korrespondentenvertretung und „Feuerwehr-Reporterin“ in China im Einsatz. Seit dem vergangenen Sommer ist sie nun Neu-Hannoveranerin.

Hannover machte es mir leicht. Es begann mit der Frau hinter der Bäckertheke bei Göing, wo ich deutsche Brötchen mit Ritze in der Mitte erstand. Die gibt es nämlich auch nicht in Asien. Sie sind mindestens am ersten Tag nicht weich oder quellen im Mund auf wie Zahnarztwatte, sondern sie knacken, wenn man hineinbeißt. Sie hatten uns gefehlt.
Fast schien es, als hätte man mich in Hannover vermisst. Jedenfalls begrüßte die Bäckersfrau mich mit einem herzlichen „Gu’n Tach!“. Mit kurzem „a“ und verschluckten Konsonanten. Sie sprach nicht klinisch rein wie ein Hochdeutschautomat. Und sie wies mich ohne Umschweife darauf hin, dass ich mein T-Shirt falsch herum trüge. „Ich kenn’ Sie ja nicht, aber ich würde so was wissen wollen.“ Trocken, aber herzlich, beiläufig einfühlsam. So sind viele Hannoveraner, stellte ich bald fest und mochte es. Der Niedersachse ist so viel besser als sein Ruf.

Der Humor hier umarmt nicht, er zupft am Ärmel. Die Menschen dröhnen nicht vor Lachen, sie schmunzeln. Sie ziehen das „a“ gern lang, wie um die Spannung zu erhöhen, bevor der Kern ihrer Botschaft oder die Pointe kommt. Und sie sind hilfsbereit. Das Deutschland, das ich hier wiederfand, enttäuscht mich angenehm: Es ist gar nicht so übellaunig und kleinlich, wie man es mir in Warnungen beschrieben hatte. Denn das hatte sich nicht verändert: Niemand kann die Deutschen so wenig leiden wie die Deutschen.

Neun Kartoffelvariationen und 13 Apfelsorten auf dem Wochenmarkt am Stephansplatz in der Südstadt. Quelle: Katrin Kutter

Ich eroberte mir das Biotop eines Stadtviertels zurück, denn ich bin jetzt Südstädterin. Der Aldi fünf Minuten entfernt, ein Schuster, eine Schneiderin, sogar ein prachtvoller Wochenmarkt ein paar Straßen weiter am Stephansplatz, auf dem ich zwischen neun Kartoffelvariationen und 13 Apfelsorten aus der Region meine Favoriten picken kann. Ich schwelge in diesen unimportierten Genüssen. In Singapur waren Äpfel Exoten und Kirschen fast so teuer wie Kaviar.

Die Schulen sind in Spuckweite

Dazu haben wir – welch ein Luxus – die Schulen der Kinder in Spuckweite. Meine Tochter, ein ausgeprägter Morgenmuffel, kann ihr Glück kaum fassen. In Singapur mussten die beiden um zehn vor sieben morgens in den Schulbus steigen, der sie quer durch die Metropole in die Deutsche Schule karrte. Es gab keinen Schulweg, es gab Schülertransport, passiv, nicht aktiv. Nun lernen sie Selbstständigkeit. Deutsche Kinder können das schon. Sie sind im Viertel aufgewachsen, sie bewegen sich allein.

Sie haben eine eigene, neue Sprache, die meine beiden – und ich mit – nun ganz neu erlernen müssen. Mein Sohn (gerade neun geworden) beherrscht es inzwischen fließend, aber ich muss mich immer noch daran gewöhnen, dass ein nachdrücklich ausgestoßenes „Alter!“ ein Ausdruck der Verblüffung oder der Anerkennung ist – und nicht eine Beleidigung.

Zur Person

Sophie Mühlmann hat 13 Jahre lang als Asienkorrespondentin in Singapur verbracht. Von dort aus bereiste und beschrieb sie die riesige Region zwischen Afghanistan, Ozeanien und Nordkorea für die Zeitungen „Die Welt“ und „NZZ am Sonntag“. Zuvor war sie für den ARD-Hörfunk mehrmals als Korrespondentenvertretung und „Feuerwehr-Reporterin“ in China im Einsatz. Sophie Mühlmann hat Sinologie und Afrikanistik studiert und lebte während ihres Studiums mehrere Jahre in China und Mali. Seit dem vergangenen Sommer ist sie nun Neu-Hannoveranerin. Sie ist mit dem Leiter des ZDF-Landesstudios Niedersachsen, Peter Kunz, verheiratet und hat zwei Kinder.

Manches hat sich geändert in den 13 Jahren: In der hannoverschen Grundschule wurde die „Weihnachtsbastelei“ angesichts der Multikulti-Klassen von heute inzwischen offenbar durch „Winterbastelei“ ersetzt, und die Läusewarnung kommt auf Deutsch. Türkisch und Arabisch ins Haus. Letzteres macht Sinn, aber warum verleugnen wir unsere eigene Tradition? Weihnachten gehört doch, so meine ich, zur deutschen Seele. Dafür hat beim Italiener um die Ecke Eros Ramazotti in der Endlosschleife überlebt, als wäre die Zeit stehen geblieben seit meinem Umzug nach Singapur.
Am Maschsee fand ich mein Lieblingsplätzchen. Auf der Ufermauer unter riesigen Laubbäumen, mit Blick aufs Wasser und das grüne Dach des Neuen Rathauses. Der See pinselt ein Postkartenidyll mitten in die Stadt. Enten schnattern, Ruderer trainieren im Gleichschlag, ein Tretboot in VW-Käferform dümpelt vorbei. Kein Abgas-Skandal hier.

Die Stadt gibt nicht an

„Wir wollen mit unseren Pluspunkten nicht so angeben”, erklärte mir ein Hannoveraner, als ich ihn fragte, warum die Stadt so im Understatement lebe. Unterm Radar segle man besser, meinte er. „Sonst werden die Mieten noch teurer!” Bescheiden sind die Leute hier, anderswo würden sie prahlen mit den Errungenschaften und Superlativen ihrer Stadt: Schließlich wurde hier der Butterkeks erfunden. Und die Schallplatte. Und der Stadtwald Eilenriede ist bitte schön größer als der Central Park in New York. Aber Hannover gefällt sich als Geheimtipp.

„Sind sie angekommen? Wirklich, richtig angekommen?”, fragte mich jüngst ein hiesiger Politiker. Ich sagte Ja, und meinte es auch so zu fühlen. Er nickte zufrieden.
Inzwischen bin ich sicher. Freunde lieferten sich über Facebook ein wahres Hannover-Mobbing. „Die hässlichste Stadt der Welt”, „so öde wie Bielefeld, nur ohne Mittelgebirge” höhnten sie, außer dem „prügelnden Pipi-Prinzen” habe Niedersachsens Landeshauptstadt nichts zu bieten. Inzwischen spüre ich tatsächlich den Drang, „meine” Stadt zu verteidigen. Ich muss angekommen sein.

Hannover liegt nicht am Arsch der Welt, man kann ihn von dort aus aber sehr gut sehen“, schmähte Harald Schmidt einst meine Stadt. Ich widerspreche. Im Übrigen: Was ist schlimm am – pardon – „Arsch”? Am Leibnizufer recken die üppigen Nanas der Künstlerin Niki de Saint Phalle, Hannovers einzige Ehrenbürgerin, ihre prachtvollen Hintern in den Himmel. Wenn so der Arsch der Welt aussieht, dann bin ich hier genau richtig.

Von Sophie Mühlmann

Tobias Morchner 03.12.2016
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