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Aus der Stadt Die Markthalle feiert ihr 125-jähriges Bestehen
Hannover Aus der Stadt Die Markthalle feiert ihr 125-jähriges Bestehen
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00:17 10.11.2017
Verschiedenste Händler bieten ihre Waren in der Markthalle an. Quelle: Clemens Heidrich
Hannover

Es lohnt sich, mitten in der Markthalle einmal kurz stehen zu bleiben und die Augen zu schließen. Gerüche wabern durch die Luft - viel zu viele, um sie einzelnen Leckereien zuzuordnen. Von allen Seiten dringt ein umtriebiges Gemurmel in die Ohren. Links klirren Gläser beim Anstoßen, rechts wird ein Teller abgestellt, geradeaus diskutiert eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter über die perfekte Orange - und überall wird gelaufen, geredet, geräumt. Marktbetrieb vom Feinsten.

Bilder der Markthalle in Hannover - früher und heute.

Seit 125 Jahren kennen die Hannoveraner diese Geräusche und Gerüche: Im Oktober 1892 öffnete die Markthalle erstmals für Besucher. Das soll am Mittwoch gefeiert werden. Als „Bauch von Hannover“ kennt die Markthalle fast jeder. Sie ist Einkaufserlebnis, Treff- und Angelpunkt - für die Prominenz nicht weniger als für die Familie. Und doch scheint der „Bauch“ ein anderer geworden zu sein.

Gastronomie steht im Fokus

„Den rustikalen Markthallencharme gibt es nicht mehr“, sagt Markthallen-Händlerin Diana Schulz. Wer zwischen den mehr als 60 Ständen in der Altstadt Publikum locken wolle, müsse sich breit ausrichten. Schulz ist ein gutes Beispiel dafür. Zwar steht sie aktuell noch täglich zwischen Eichsfelder Wurtswaren - in wenigen Wochen wird der Traditionsstand aber einen neuen Namen tragen: Gourmet Guru. Zwölf Sorten Champagner, Trüffel-Salami, österreichische und istrische Spezialitäten werden dann statt auf Bierbänken in einer Lounge serviert. „Wir wollen das gehobene Klientel anlocken“, sagt Schulz. Mit Wiener Flair soll das gelingen. „Heute beherrscht die Gastronomie nun mal die Markthalle.“

Im Jahr 1892 eröffnete die Markthalle in Hannover. Ein Rundgang.

Wenige Meter weiter ist davon nichts zu sehen. Man muss anscheinend nicht mit dem Trend gehen, um Erfolg zu haben. Seit 1980 gehört die „Grüne Insel“ mit ihren meterlangen Obst- und Gemüseauslagen zum Bild der Markthalle. Nicht weniger ihr Betreiber Muzaffer Seyrek. „Die Markthalle ist mein Leben, mein Wohnzimmer. Ich bin immer hier“, sagt der 62-Jährige. „Ich habe dank meiner Kunden die größte Familie Hannovers.“ Ein persönlicher Plausch gehört an seinem Stand zu jedem Kauf dazu. „Bananen-Opa“ nennen ihn die Kinder, weil er diese stets an sie verschenkt.

Supermärkte als Konkurrenz

Den Wandel der Markthalle spürt aber auch Seyrek: „Die Supermarktketten sind eine große Konkurrenz“, sagt er. Früher sei sein Angebot noch exotisch gewesen - „heute bekommt man eine Mango in jedem Laden“. Dennoch wolle er die Markthalle nicht missen: „Es geht hier nicht nur ums Einkaufen, sondern um das Miteinander. Alles lebt und bewegt sich. Das ist toll.“ Für ihn ist kein Ende in Sicht: Einer seiner drei Söhne werde den Stand einmal übernehmen.

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Auch das Da Enzo besteht inzwischen in dritter Generation als Familienbetrieb. Seit 2005 sorgt der Stand mit italienischen Weinen, Pizza und Pasta für einen Hauch Mittelmeerambiente mitten in der Markthalle. Seit Neuestem ist auch hochwertiges Lammfleisch im Angebot. „Wir haben etwas für jeden Geldbeutel“, sagt Daniela De Matteo. Und das sei auch nötig: Ob Jugendliche, Anzugträger oder Senioren - das Publikum sei bunt gemischt. „Sehen und gesehen werden ist vielen hier wichtig“, weiß De Matteo. Wer alleine durch die Tür komme, finde schnell Anschluss - aus kleinen Grüppchen würden größere, aus zufälligen Treffen feste Stammtische. „Die Markthalle ist einfach Kult.“

Der Südafrikaner Dean Yon geht noch einen Schritt weiter: „Es gibt den Markthallen-Virus. Wer hier war, muss einfach wiederkommen“, sagt der 47-Jährige. Er persönlich sehe seine Mission darin, Südafrika zu repräsentieren - mit 160 afrikanischen Weinen, 30 afrikanischen Biersorten und Biltong mag das gelingen. Ein wichtiger Schritt für Yon war dennoch die Eröffnung der Busch-Bar. Seitdem ist sein Marktstand auch zum Verweilen da. „In Afrika schauen wir auf wilde Tiere, hier sitzen wir jetzt und beobachten die Deutschen beim Einkaufen.“

Die Markthalle ist „multikulti“

Wenn Integration und Multikulturalität mancherorts auch scheitere: „In der Markthalle verschmelzen die Nationen. Hier ist alles multikulti“, sagt Yon. Dieses Miteinander erlebe man bei den Besuchern durch alle Schichten und Kulturen hinweg, aber auch bei den Ständen - vom Chinesen über den Italiener bis eben zum Südafrikaner oder deutschen Keksverkäufer. „Wir halten hier zusammen.“

So wird am 8. November gefeiert

Das Fest zum 125. Geburtstag beginnt am Mittwoch um 11 Uhr in der Markthalle an der Karmarschstraße 49. Bis 14 Uhr gibt es für die Besucher ein buntes Programm: Radio 21 bietet ein Songtest-Gewinnspiel an. Die Spielbank Hannover lädt zum Black Jack ein. Zudem gibt es eine Tombola der Aktion Sonnenstrahl – unter anderem gesponsert von Hannover 96. Der hannoversche Pop-Art-Künstler Della, der die Markthallen-Tasse entworfen hat, wird mit dabei sein und die Becher signieren. Zudem werden die neuen Markthallen-Produkte von der Keksdose über die Einkaufstasche bis hin zum Gourmet-Guide vorgestellt. In dem kleinen Reiseführer durch die Markthalle stellen sich die einzelnen Stände mit ihren Angeboten vor. Der Eintritt ist frei. Das letzte Markthallenfest feierten Besucher und Händler im September 2016 – damals anlässlich des 60. Jahrestages des Wiederaufbaus.

Eine Meinung, die ein paar Stände entfernt Jamil Salah nicht teilt. Der 57-Jährige Markthallen-Händler steht am Mittag leicht zerknirscht hinter dem Tresen seines spanischen La tapa. Noch keinen einzigen Capuccino habe er bis 12.30 Uhr verkauft. „Ich mache Ende des Jahres Schluss“, sagt er. Die Kündigung sei verschickt. Einnahmen und Miete passten nicht mehr zusammen. „Die Markthalle ist nicht mehr das, was sie einmal war“, sagt Salah. Früher hätten die Menschen mittags Schlange bei ihm für eine Paella gestanden - heute würden viel zu viele Stände Essen und Getränke anbieten. „Das ist kein Markt mehr. Alle machen das Gleiche und sich so selbst Konkurrenz.“ Zudem sei die Markthalle renovierungsbedürftig. „Der Boden ist so kaputt, und keiner kümmert sich.“ Er glaube nicht daran, dass die Markthalle ein weiteres Jubiläum feiern wird.

"Auf jeden Markt gehören Blumen"

Der Blick in die gut gefüllte Markthalle am Mittag scheint diese Prognose nicht zu bestätigen. „Wir können uns nicht beklagen“, sagt denn auch Noreen Nadebor mit Blick auf ihre Blumenpracht. Die Kundschaft reiche vom kleinen Mädchen bis zum alten Herren - „Stammkunden und Spontankäufe wechseln sich ab.“ Dass Blumen, zumal nicht essbar, auf den ersten Blick nicht in den „Bauch Hannovers“ passen, dementiert sie: „Auf jeden Markt gehören Blumen. Das war schon vor 125 Jahren so.“ Und so scheint der Hannoveraner auch in der „Zaubernuss“ etwas zum „Bauch“ passendes zu finden: „Am beliebtesten sind bei uns die Blumen-Torten“, sagt Nadebor. Erwischt.

Feierabend. Kaum fällt die schwingende Glastür hinter einem ins Schloss, herrscht Ruhe. Das Surren fehlt. Das Gemurmel auch. „Das ist für mich immer ganz komisch, wenn ich zu Hause bin“, sagt Gemüsehändler Seyrek. Auch Floristin Nadeboor hat sich längst an das ganz eigene Markthallen-Geräusch im Ohr gewöhnt. Die beiden werden am Mittwoch früh wieder da sein. Weil es ihr Beruf ist, und weil die große Feier zum 125-Jährigen ansteht. „Eine Party hilft uns allen. Denn kein Besucher bleibt nur an einem Stand“, betont Seyrek. „So funktioniert die Markthalle.“

Von Carina Bahl

Einrichtung von großer Nützlichkeit

Regelmäßig dienstags und sonnabends ist in Hannover Markttag. Von der Steintorstraße bis zum Aegi und rund um die Marktkirche drängen sich 2200 Händler. Bauernfahrzeuge, Leiterwagen und Zugtiere verstopfen die Straßen, durch die ein atemberaubender Gestank wabert. Angesichts dieser Situation beklagt die Königliche Polizeidirektion in einem Schreiben unhaltbare Zustände. Sechs Wochen später beschließt die Stadt, Bürgerhäuser in der Köbelinger- und der Leinstraße abzureißen und stattdessen eine Markthalle zu bauen. Vier Jahre später, genau am 18. Oktober 1892, öffnet die Halle, die einem Jugendstil-Gebäude der Pariser Weltausstellung nachempfunden war. „Ungemütliche Kälte machte den Händlern wie den Käufern die große Nützlichkeit der neuen Einrichtung in erwünschter Weise klar“, notiert Stadtbauinspektor Paul Rowald. Das Leben dort pulsiert bis zum ersten großen Luftangriff auf Hannover im Juli 1943. Die Halle wird getroffen und brennt aus. Obwohl 75.000 Hannoveraner ihren Namen auf Unterschriftenlisten für einen Neubau setzen, stehen bis 1955 Holzbuden als Provisorium in den Resten der Brandruine. Dann steht der Neubau auf alten Kellerräumen. Er ist kleiner als sein Vorgänger und als funktionaler Stahlskelettbau gestaltet. Der Funktion schadet es nicht: Der „Bauch von Hannover“ brummt wieder.
Von Bernd Haase

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