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Aus der Stadt Die Muskelmafia vor Gericht
Hannover Aus der Stadt Die Muskelmafia vor Gericht
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07:19 13.06.2012
Von Bernd Haase
Dicke Akten: Auf der Anklageliste gegen die vier Männer stehen 481 Straftaten. Quelle: dpa
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Hannover

Wenn man Uwe R. sitzen sieht auf der Anklagebank im Saal H1 des Landgerichts Hannover, dann kommt man nicht auf Anhieb drauf, dass er mal Bodybuilder war. Dass er mal Muskeln um der Muskeln willen trug. Und dass er, damit diese Muskeln noch prächtiger wurden und besser zur Geltung kamen, Medikamente geschluckt und gespritzt hat, die man besser nur dann nimmt, wenn der Arzt sie einem aus guten Gründen verschreibt.

All dies ist nun fast sieben Jahre her. Uwe R., mittlerweile 44 Jahre alt, ist jetzt nicht mehr muskulös. Er wiegt noch 76 Kilo und nicht mehr 95 wie damals. Die Spuren des Medikamentenmissbrauchs von damals sieht man am ehesten an seinen Gesichtszügen. Man ahnt es, wenn er den Richter um eine Pause bittet. Und man hört es, wenn er davon erzählt, dass er wegen Depressionen und Persönlichkeitsstörungen psychiatrische Behandlung braucht. „Ich werde immer noch betreut. Aber ich glaube, dass ich den Prozess durchstehe“, sagt er zum Vorsitzenden Richter Michael Schweigert.

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Uwe R. sitzt im Gerichtssaal, weil er 2007 für zweieinhalb Monate noch tiefer in die Bodybuilderszene hineingeriet als zuvor – in die dunklen Bereiche nämlich, in der der kriminelle Teil spielt. Er produzierte in seiner Wohnung in Döhren illegal Medikamente. „Anabolika, Antiöstrogene, Viagra, Cealis; alles das, was die Szene braucht“, sagt er. Damit war er Teil eines internationalen Netzwerks mit mafiösen Strukturen. Es flog 2008 bei einer von den US-Strafbehörden inszenierten Großrazzia auf.

Jetzt verhandelt das Landgericht Hannover gegen vier Männer, die zur Anabolikamafia gehört haben sollen. 481 Straftaten stehen auf der Anklageliste, der Prozess wird sich über Monate hinziehen. Zwei der Angeklagten, neben Uwe R. noch der 39-jährige Michael G. aus Burgdorf, haben mit dem Gericht eine Vereinbarung getroffen. Sie legen ein Geständnis ab und erhalten dafür keine höhere Strafe als zwei Jahre zur Bewährung. Weil die Männer im Gegensatz zu den beiden anderen Angeklagten nun reden, erhält das Gericht einen Einblick in eine bizarre Welt.

Uwe R. trieb sich schon länger in der Muskelmännerszene herum – „ich war dort kein Unbekannter“, sagt er. Das Problem, das viele haben, hatte auch er: Medikamente, die Bodybuilder wollen, sind entweder wie einige Anabolikasorten in Deutschland verboten, oder sie sind zwar erhältlich, kosten aber ein Heidengeld. Außerdem gibt es sie nur auf Rezept. Der Wunsch nach einem Arnold-Schwarzenegger-Körperbau zählt nicht zu den Krankheitsbildern, bei denen Ärzte sie verschreiben. So entsteht der Nährboden für den illegalen Handel.

Im Juni vor sechs Jahren wurde Uwe R. angesprochen, ob er sich ein paar Euro dazuverdienen wolle. So entstand der Kontakt zur Firma United Pharma, die einen Internethandel mit illegalen Präparaten betrieb. „Das geschah konspirativ. Kommuniziert wurde ausschließlich über verschlüsselte E-Mails“, schildert der 44-Jährige. Zunächst sei er auf seine Zuverlässigkeit getestet worden, indem man ihn Pakete annehmen und weiterleiten ließ. „Dann fragte man mich, ob ich produzieren wollte. Ich willigte ein“, sagt der An geklagte. Er erhielt Gerätschaften wie eine Kapselpresse, einen kleinen Backofen, eine Feinwaage sowie die Rohstoffe, die United Pharma aus China bezog. Damit betrieb er in Döhren ein Untergrundlabor, wie das die Ermittler nennen. Anweisungen zur Handhabung der Geräte sowie Rezepturen erhielt er auf Filmmaterial oder schriftlich per E-Mail.

In der Folge stellte R. Anabolika, Testosterone und Antiöstrogene her, dazu Mittel gegen erektile Dysfunktion, vulgo: Impotenz. „Ich habe die Stoffe nach Rezept zusammengekippt, in Kapseln gepresst oder Ampullen gefüllt“, sagt er und betont, dass die Qualität gut gewesen sei. Kuriere hätten das fertige Material dann abgeholt und an Zwischenhändler weitergereicht – einer von ihnen war Michael G. Diese schließlich hätten die Endabnehmer bedient. Nach R.’s Schätzungen zählten dazu rund 200 Kunden. Die mussten etwa für eine Zehn-Milliliter-Ampulle eines teuren Präparates 90 Euro zahlen und kamen damit eine Woche aus. R. selbst erhielt für seine Dienste auch Geld, aber hauptsächlich Wachstumshormone, die er damals schluckte.

Nach zweieinhalb Monaten, also noch weit vor der Großrazzia, stieg R. aus und ging freiwillig zur Polizei. „Ich bin zu kriminell geworden“, sagt er im Prozess. Die Beamten durchsuchten seine Wohnung und kamen so auch auf die Spuren der Zwischenhändler sowie auf die des Drahtziehers – eines Mannes, der sich Generic nennt. Die Ermittler interessieren sich auch für die Strukturen von United Pharma. R. schwört Stein und Bein, dass die einzelnen Funktionen, also Führung, Produktion und Händler, voneinander abgeschottet agierten. Er will die drei anderen Männer erstmals in der Verhandlung gesehen haben.

Über die wahre Identität von Generic als Kopf des Ganzen hat Uwe R. in einer Polizeivernehmung eine Vermutung geäußert. Demnach wäre es der 27-jährige Andreas H. aus dem Sahlkamp, der zwei Plätze weiter auf der Anklagebank sitzt und sich die Aussagen regungslos anhört. Mittlerweile glaubt R. aber, dass Generic jemand anderes ist. Es könnte damit zu tun haben, dass man ihm damals, als er die Produktion aufnahm, sagte, er sei nun Mitglied der Firma und an einem „Point of no Return“. Wer gegen die Regeln verstoße, werde liquidiert.

United Pharma existiert unterdessen nicht mehr. Der Medikamentensumpf ist damit aber längst nicht trocken. Allein Uwe R. will von 30 weiteren Firmen wissen, die dieses trübe Geschäftsmodell verfolgen.

Conrad von Meding 12.06.2012
Conrad von Meding 12.06.2012
Conrad von Meding 12.06.2012