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Aus der Stadt „Die Not vereint die Menschen“
Hannover Aus der Stadt „Die Not vereint die Menschen“
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07:51 23.06.2014
Von Rüdiger Meise
Per Lastwagen wurden die Hilfsgüter der hannoverschen Gemeinde zu  den Flutopfern in der bosnischen Stadt Maglaj gebracht.
Per Lastwagen wurden die Hilfsgüter der hannoverschen Gemeinde zu den Flutopfern in der bosnischen Stadt Maglaj gebracht. Quelle: privat
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Hannover

Auch diesen Moment wird Miljhat Maslic wohl nicht vergessen: Bosniens Stürmerstar Edin Dzeko dreht sich im Strafraum, zieht ab – und der Ball trifft nur die Latte. Sekunden später in der Nacht zu Sonntag ist das WM-Spiel Bosnien gegen Nigeria aus. Bosnien hat die große Chance aufs Achtelfinale verpasst. Etliche hannoversche Bosniaken sitzen vor der Großbildleinwand in der Moschee Schulenburger Landstraße – und hadern mit der Welt. Mit der umstrittenen Entscheidung des Schiedsrichters, mit ihren Team, das schwächer spielte als erhofft – und mit dem Schicksal, das mal wieder nicht auf ihrer Seite war.

Nicht nur das Fußballergebnis schmerzt. Abseits der WM beschäftigt Hannovers Bosnier in diesen Tagen ein anderes großes Thema. Die Folgen der Flutkatastrophe in ihrem Land sind längst nicht beseitigt. Während sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit anderen Krisenherden zugewandt hat, herrscht im Flutgebiet noch immer blanke Not. „Es fehlt an allem: Trinkwasser, Nahrung, Hygieneartikel, Wasserfilter, Medikamente und Desinfektionsmittel“, erzählt Amira Batic, Leiterin der Bosniakischen Kulturgemeinschaft (BKZ), die sich ein paar Hundert Meter von der Moschee entfernt in einem ehemaligen Fabrikgelände eingemietet hat.

In wenigen Wochen hat die kleine Gemeinschaft 25 Tonnen Hilfsgüter gesammelt und per Lastwagen in ein Camp des Roten Kreuzes nach Bosnien-Herzegowina gefahren. Die Hilfsaktion dauert an: Vor wenigen Tagen brachte ein deutsches Ehepaar 400 Kilo Hilfsgüter für die BKZ per Flugzeug in die Stadt Maglaj. Und im Versammlungsraum des BKZ stapeln sich schon wieder Kartons. Per Fernbus soll die nächste Ladung von Hannover nach Sarajevo gebracht werden.

„Die Hilfe ist dringend nötig“, sagt Uwe Bentlage, der gerade aus Maglaj zurückgekehrt ist. Bewegt erzählt er von zerstörten Krankenhäusern, verwüsteten Ortschaften und Hunger. „Hier in Deutschland denkt man, das Schlimmste sei überwunden – aber so ist es nicht.“

Schon einmal hat die bosnische Gemeinschaft die Aufmerksamkeit der Welt in größter Not vermisst – im Jugoslawienkonflikt. Mit Bitterkeit in der Stimme erzählt der ehemalige BKZ-Vorsitzende Behaija Sokolovic: „An dem Tag, als das Krankenhaus in Bihac völlig zerstört wurde, galt die erste Meldung in der Tagesschau einem neuen Gesetz zu Viehtransporten.“ Vor dem Krieg, in der ersten Hälfte der neunziger Jahre, gab es in Hannover keine bosnische Gemeinschaft. Jugoslawiens Völker waren im gemeinsamen Zentrum in Garbsen organisiert – bis sie zu Feinden wurden. Während des Krieges wuchs die Gemeinde schnell, viele Flüchtlinge fanden in Hannover eine neue Heimat. 1992 beteten die Bosniaken noch als Gäste in einer türkischen Moschee, 1993 funktionierten sie ein kleines Mietshaus zum Gebetshaus um. 2005 bauten sie ein Wohngebäude in der Schulenburger Landstraße 222 zur Moschee aus. Das Haus sei fast abbezahlt, sagt Maslic.  „Auch daran erkennt man die große Spendenbereitschaft unseres Volkes.“ Heute leben

4500 Bosnier in Hannover, 1600 sind Mitglieder der Gemeinde – man kennt sich und trifft sich an Feiertagen.

Langsam normalisiert sich das auch Verhältnis zum einstigen Kriegsgegner, sagt Amira Batic von der BKZ: „Wenn sich Serben und Bosniaken treffen, grüßen und unterhalten sie sich.“ Gemeinsame Veranstaltungen mit der Serbischen orthodoxen Gemeinde am Mengendamm gebe es zwar nicht, aber viele Serben hätten Spenden für die Flutopfer in Bosnien abgeliefert, sagt Behaija Sokolovic. „Die Not vereint die Menschen.“ So wie der Fußball. „Weil Serbien nicht für die WM qualifiziert ist, halten viele Serben den Bosniern die Daumen.“ Glück gebracht hat das allerdings auch nicht.

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