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Aus der Stadt Die Richtung der Wählerströme: Weg von der SPD
Hannover Aus der Stadt Die Richtung der Wählerströme: Weg von der SPD
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20:53 28.09.2009
Von Bernd Haase
Wahlnachlese im Rathaus: Experten der Leibniz Universität und Statistiker der Stadt haben die Ergebnisse gründlich analysiert. Quelle: Tim Schaarschmidt

Es ist eine kleine Spinnerei, aber eine, die nicht einer gewissen Putzigkeit entbehrt. Wenn Linden-Nord ein eigenes Parlament hätte, wäre dort eine Koalition aus Grünen und Linken unangefochten. Die beiden Parteien kommen zusammen auf 51,2 Prozent der Stimmen und bilden damit eine Mehrheit, die die Stadt in dieser Konstellation bisher nicht gesehen hat. In Linden-Mitte liegen die Dinge ähnlich.

Warum das so ist, haben die Analysten der Arbeitsgruppe interdisziplinäre Sozialstrukturforschung (Agis) der Leibniz Universität und die Statistiker der Stadt Hannover in ihrem Wahlbericht zu ergründen versucht. Er fußt auf Berechnungen und Wählerbefragungen. Sozialdemokraten sollten das Werk mit dem Untertitel „Ergebnisse, Analysen, Vergleiche“ nur im mental gefestigten Zustand zur Hand nehmen. Viel Positives zur Lage ihrer Partei in Hannover können sie darin nicht finden. Als Erbauungsliteratur kann der Wahlbericht dagegen vor allem Liberalen, Grünen und Linken dienen.

Wählerwanderung: Die Wählerströme in Hannover kannten am Wahlsonntag nur eine Richtung: weg von der SPD. Ihre Klientel ist zu einem großen Teil entweder gleich zu Hause geblieben oder aber zu den Linken, zu den Grünen und sogar – wenn auch zu einem kleinen Teil – zur FDP und zur CDU abgewandert. „Das bürgerliche Lager hat Stimmen von der SPD zurückgewonnen, die vor vier Jahren Gerhard Schröder mit dem Kanzlereffekt abgezogen hatte“, sagt Martin Buitkamp von Agis. Auffällig ist auch, dass lediglich die Linken und die Grünen in nennenswertem Umfang vormalige Nichtwähler zurück in die Wahllokale locken konnten.

Jungwähler meiden SPD: In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen hat sich der Wähleranteil für die SPD gegenüber 2005 auf 26,5 Prozent halbiert, bei den nächsten Gruppen in der Alterspyramide sind die Verluste ebenfalls immens. Profitiert davon haben alle anderen Parteien mit Ausnahme der CDU, die aber immerhin quer durch die Altersgruppen stabil geblieben ist. Es ergeben sich zwei Auffälligkeiten: Die stärksten Zuwächse bei den Wählern bis 44 Jahre erzielen die Grünen, bei denen ab 44 die Linken. Die FDP gewinnt in allen Altersgruppen gleichmäßig Stimmenanteile hinzu. Bei den 18- bis 24-Jährigen ist die Wahlbeteiligung mit 64,6 Prozent um sieben Prozentpunkte niedriger als in Hannover insgesamt.

Es gibt eine Geschlechtertrennung: Frauen und Männer legen nach Angaben von Agis in Hannover unterschiedliches Wahlverhalten an den Tag. Von den Jungwählern bis hin zur Gruppe der 45- bis 59-Jährigen gehen mittlerweile deutlich mehr Frauen als Männer zur Wahl. Das bewahrte die hannoversche CDU vor einem schlechteren Ergebnis. Sie hat von allen Parteien mit 59 Prozent den größten Frauenanteil unter ihren Wählern. Die höchste Männerquote weist die Linke auf mit knapp 55 Prozent.

SPD-Hochburgen bröckeln: Die SPD verliert in ihren Hochburgen – vor allem an Grüne und Linke. Die CDU dagegen kann ihre Hochburgen mit der FDP als Juniorpartner halten. Mit Blick auf die soziale Lage der Bürger teilen die Statistiker Hannover auf in privilegierte, zumeist gesicherte und prekäre Stadtteile. Die SPD-Verluste fallen am höchsten in letzteren aus: In Hainholz beispielsweise hat sich mehr als jeder fünfte Wähler von den Sozialdemokraten abgewendet, viele liefen zu den Nichtwählern und den Linken über. Die Grünen wiederum haben ihren Stimmenanteil in den „zumeist gesicherten“ Stadtteilen im Westen und Osten sowie in Linden ausgebaut, wo sie stärkste Partei sind. Auch dies geht zuungunsten der SPD aus. In den privilegierten Stadtteilen wie Kirchrode, Isernhagen-Süd oder Zoo dominieren CDU und FDP. „Die SPD verliert ihre klassische Wählerklientel“, fasst Martin Buitkamp zusammen.

Bürgerliche Erfolge im Norden: Im Umland Hannovers haben CDU und FDP im Norden nennenswerte Zuwächse erzielt, was die Christdemokraten zur stärksten Partei im früheren Landkreis gemacht hat und ihrem Kandidaten Sebastian Lechner beinahe zum Direktmandat verholfen hätte. Ansonsten finden sich im Umland viele Parallelen zur Stadt. Die SPD verliert vor allem in großstadtnahen Bereichen mit teils prekären Wohnlagen – dazu zählen etwa Teile Garbsens und Langenhagens. Profiteur ist auch hier die Linke, aber nicht im selben Umfang wie in Hannover.

Trostpflaster Direktmandate: Die Direktkandidaten der SPD haben ihre Wahlkreise verteidigt und dabei von zwei Dingen gezehrt: „Sie hatten 2005 einen riesigen Vorsprung, außerdem haben ausreichend grüne und linke Wähler taktisch entschieden und ihre Erststimme den Sozialdemokraten gegeben“, erklärt Statistiker Andreas Martin. Selbst Ursula von der Leyen mit ihren bundesweit hohen Zustimmungsraten und ihrer umfassenden Medienpräsenz hat das für die CDU nicht aufholen können: „Arbeit in Berlin ist das eine, Verwurzelung im Wahlkreis das andere“, sagt Martin.

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