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Aus der Stadt Die Ruhe nach dem Sturm
Hannover Aus der Stadt Die Ruhe nach dem Sturm
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00:15 13.04.2015
Von Andreas Schinkel
Forstbetiebsleiter Felix Bettin macht sich ein Bild von den Sturmschäden in der Eilenriede.
Forstbetiebsleiter Felix Bettin macht sich ein Bild von den Sturmschäden in der Eilenriede. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Leise surrt der Elektrokleinwagen über den Waldweg. Im Dickicht ist der Boden aufgewühlt, Wurzelwerk ragt in die Höhe, Kiefernstämme liegen wie Mikado-Stäbe im Stadtwald. Forstbetriebsleiter Felix Bettin stoppt das Auto. „Sturm ,Niklas’ hat hier in der Eilenriede stärker gewütet als der Orkan ,Kyrill’ vor einigen Jahren“, sagt er. Der junge Mann legt den Kopf in den Nacken und nimmt die Kronen der Bäume in Augenschein. Ein Stamm neigt sich bedrohlich zur Seite, ein paar Meter entfernt verläuft der Messeschnellweg. „Kein Problem, der Baum steht weit genug weg von Straße entfernt“, sagt der 29-Jährige.

Die Eilenriede nach Sturm "Niklas" - eine Begehung von Hannovers Stadtwald.

Bettin hat seit vier Monaten die Oberaufsicht über Hannovers Wälder, Wiesen und Auen, ein Gebiet von insgesamt mehr als 3400 Hektar. 55 Mitarbeiter dirigiert der studierte Forstwirt, „Niklas“ war für ihn die erste Belastungsprobe. 150 Bäume hat der Sturm vor den Ostertagen in der Eilenriede umgerissen, überwiegend Nadelhölzer. „Das liegt daran, dass zuvor starker Regen den Boden aufweichte, sodass die Wurzeln nicht mehr genügend Halt fanden“, erklärt Bettin. Da Kiefern nicht so stämmig wie Eichen seien, die Kronen aber viel Angriffsflächen für Wind bieten, habe es vor allem Nadelhölzer erwischt. Ganze 400 Bäume hat „Niklas“ im gesamten Revier des Forstleiters umgeknickt. Es umfasst nicht nur Stadtwälder wie die Eilenriede, den Misburger Wald und den Mecklenheider Forst, auch der Altwarmbüchener See gehört dazu, ebenso die Wiesen jenseits des Kronsbergs.

Mit Blaulicht in den Wald

Die Sturmnacht am Montag, 30. März, wird der junge Förster nicht so schnell vergessen. Um halb acht Uhr abends wollte er zu Hause in Letter gerade den Feierabend beginnen, als das Telefon klingelte. „Die Feuerwehr bat mich, die Sturmschäden in der Eilenriede nahe dem Messeschnellweg zu untersuchen“, erzählt Bettin. Mit Blaulicht habe man ihn abgeholt und zum Waldstück gefahren. Mehrere Bäume hatte der Orkan entwurzelt, der Schnellweg war bereits gesperrt. „Feuerwehrleute schafften das Holz von der Fahrbahn weg, sie hatten aber Sorge, dass weitere Bäume auf die Straßen kippen“, sagt der Förster. Er musste sich die Bäume am Rande des Schnellwegs genauer anzusehen. Bis 23 Uhr tappte Bettin mit einer Taschenlampe in der Hand im Wald herum, während ihm der Wind um die Ohren pfiff. „Tatsächlich haben wir zwei Bäume nachträglich gefällt, um sicher zu gehen“, sagt der 29-Jährige.

Mit welcher Kraft der Sturm ins Gehölz fuhr, lässt sich auch zwei Wochen später noch erahnen. Äste und ganze Stämme liegen verstreut auf dem Waldboden. „Das sieht richtig unordentlich aus“, finden manche Spaziergänger in der Eilenriede. Forstleiter Bettin zuckt die Achseln. „Jetzt, in der Brut- und Setzzeit, schrecken wir die Tiere auf, wenn wir die Stämme mit schwerem Gerät herausholen“, sagt er. Also bleibe alles zunächst an Ort und Stelle. Selbstverständlich schreite man dort ein, wo Gefahr besteht, dass Äste auf Spaziergänger fallen. „Kurz nach dem Sturm haben wir zunächst die Waldwege freigeräumt“, sagt Bettin. Verkehrssicherungspflicht nennt sich das im Verwaltungsjargon. Nach der Brut- und Setzzeit Mitte Juli räumen die Forstarbeiter die Eilenriede auf, aber viel Gehölz bleibt einfach liegen. 30 Prozent der Eilenriede zählt inzwischen zum Schutzgebiet. Hier hat auch das tote Holz seinen Platz und darf nicht angerührt werden. Weniger als ein Viertel des Sturm-Holzes, schätzt Bettin, werde am Ende zersägt und verkauft. „Dieser Umgang mit einem Stadtforst gefällt mir sehr“, sagt Bettin.

Die Holzausbeute wurde immer weiter zurückgefahren

Denn Hannovers neuer Forstleiter versteht sich als mehr Naturschützer und weniger als Ökonom. Nach seinem Studium hatte der gebürtige Hannoveraner ein Revier im Sauerland geleitet. Dort war man vor allem am lukrativen Holzgeschäft interessiert. Aus ihrem Waldgebiet holten die Sauerländer Förster im Jahr sechsmal so viel Holz wie aus den hannoverschen Waldgebieten. „Meine ehemaligen Kollegen wunderten sich, dass ich mich auf den Posten in Hannover bewerben wollte“, erzählt Bettin. Da dürfe man doch gar keine Bäume fällen, hieß es.

Tatsächlich haben SPD und Grüne im Rat die Holzausbeute immer weiter zurückgefahren. Inzwischen ist es Bettin und seinen Kollegen nicht mehr gestattet, nach sogenannten Zielstärken zu roden. Das bedeutet, dass Bäume, die einen festgelegten Durchmesser haben, nicht mehr gefällt werden dürfen. Noch vor ein paar Jahren konnten Eichen mit einem Durchmesser von 80 bis 89 Zentimetern („Zielstärke“) abgeholzt werden, um das Holz zu verkaufen. Stämme dieser Stärke gelten als besonders hochwertig. Der Baum ist noch nicht so alt, als dass im Inneren Fäulnis entsteht. „Ich habe hier meine Traumstelle gefunden“, sagt Bettin lächelnd. Bereits als Kind hat er in der Eilenriede gespielt. Während der Studienzeit absolvierte er ein Praktikum beim hannoverschen Forstbetrieb, der damals noch von Gerd Garnatz geleitet wurde.

Dass der Wald auch zur Erholung gestresster Großstädter dient, ist dem jungen Förster klar. Trimmdich-Pfade will er weiter erhalten, auch gegen einen geplanten Fitnessparcours am Lister Turm hat er nichts einzuwenden. An die Mountainbiker appelliert er, sich künftig auf die offizielle Strecke in der südlichen Eilenriede zu konzentrieren. „Ich muss eine Balance zwischen den Interessen finden. Aber das macht meine Aufgabe so vielfältig“, sagt er.

Vom Brückenbau bis zum Winterdienst

55 Forstbeschäftigte kümmern sich um Hannovers Stadtwald. Dabei geht es nicht nur darum, Bäume zu beschneiden und Spaziergänger vor herabfallenden Ästen zu bewahren. Hannovers Waldarbeiter sind auch exzellente Handwerker: Sie bauen Holzbänke und reparieren etliche Brücken, die über die Gräben in der Eilenriede führen. „18 Brücken müssen wir jetzt erneuern, weil ihre Tragkraft nachlässt“, sagt Forstbetriebsleiter Felix Bettin. Im Winter sind es nicht Aha-Mitarbeiter, die die Wege in der Eilenriede streuen, darum kümmern sich die Forstwirte selbst. Da es verboten ist, im Wald Eisglätte mit Streusalz zu bekämpfen, müssen sie Splitt auf den Wegen verteilen. „Wenn es taut, ärgern sich manche Radfahrer über die spitzen Steinchen“, sagt Bettin. Dann wird es für seine Mitarbeiter höchste Zeit, das Streugut von den Wegen zu entfernen. Im Herbst drehen die Forstbeschäftigten mit Laubgebläse auf dem Rücken ihre Runden durch die Eilenriede.

Zum Kerngeschäft gehört auch die sogenannte Durchforstung. Bettin und seine Kollegen erkunden, welche Bäume mehr Platz benötigen und wo die Säge angesetzt werden kann. Von Oktober bis März wird das geschlagene Holz am Wegesrand verkauft.

asl

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