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Aus der Stadt Und warum das alles?
Hannover Aus der Stadt Und warum das alles?
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00:32 14.05.2015
Von Saskia Döhner
Gibt sich viel Mühe: Lehrer Daniel Imhof. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Warum rechnet man mit diesen Zahlen? Was hat man davon, wenn man die Wurzel von etwas kennt?“ Die 13-Jährige aus der Goetheschule hat mit irrationalen Wurzelzahlen noch so ihre Schwierigkeiten. Da mag sich Lehrer Daniel Imhof, 28, noch so viel Mühe geben und die Schüler immer wieder dazu auffordern, sich mit dem Sitznachbarn zu besprechen. „Murmelphasen“ nennt er das.

Zu murmeln haben die Achtklässler im Mathematikunterricht in diesen Zeiten allerlei - denn die Materie ist oft wenig anschaulich, oder, wie ein Schüler es ausdrückt: „Alles etwas schwierig.“ Seit der Umstellung auf das verkürzte Abitur (G 8) müssten Achtklässler oft schon Themen bearbeiten, die sie kognitiv noch gar nicht verstehen könnten, sagt Lehrer Imhof.

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Der Landesschülerrat kritisiert jetzt die Lehrpläne in Mathematik. Viel zu selten werde hinterfragt, wie Ergebnisse zustande kämen. Es werde einfach vom Taschenrechner abgeschrieben. „Wir müssen uns fragen, ob man nur für die nächste Klausur arbeitet oder für ein mathematisches Verständnis, von dem man ein Leben lang profitieren kann“, sagt Tjark Melchert, stellvertretender Vorsitzender des Landesschülerrats. Das Gremium fordert, den grafischen Taschenrechner abzuschaffen und auch an Gymnasien auf günstigere, solarbetriebene Taschenrechner umzusteigen, wie sie an den Realschulen schon längst üblich seien. Dies sei auch ein Beitrag zu mehr Chancengleichheit.

Seit Langem beklagen Hochschulen, dass Studienanfänger nicht die Mathematikkenntnisse haben, die man von einem Abiturienten eigentlich erwartet. „Kein Wunder“, sagt Wilhelm Bredthauer, Leiter der Goetheschule und Vorsitzender des Vereins zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts, und stößt ins selbe Horn wie der Landesschülerrat. „Bei G 8 bleibt keine Zeit, mathematische Beweise zu führen, und zwar so, dass niemand mehr widersprechen kann“, sagt er. „In der Mittelstufe, wenn die Kinder den Stoff durchnehmen, sind sie noch nicht so weit, und in der Oberstufe bleibt dann dafür kein Raum mehr angesichts der Stofffülle.“ Rechengesetze wie den Satz des Pythagoras könne man im Unterricht nur noch mitteilen und dann mit der Klasse die Anwendung üben. „Das, was Mathematik zur Geisteswissenschaft macht, fällt weg“, sagt Bredthauer.

Lehrer Imhof versucht seinen Schülern schon zu vermitteln, wieso bestimmte Rechenergebnisse zustande kommen, falsche Rechenwege werden nicht abgebügelt, sondern sanft korrigiert. Technische Hilfsmittel wie Taschenrechner sollten dabei da eingesetzt werden, wo sie Sinn machten, meint Bredthauer.

Jetzt aber sehen Niedersachsens Mathe-Lehrer Licht am Ende des Tunnels: Wenn ab diesem Sommer auch an Gymnasien wieder das Abitur nach neun Jahren (G 9) eingeführt wird, wie es das neue Schulgesetz der rot-grünen Landesregierung vorsieht, ist das auch eine Chance, die Lehrpläne wieder besser an die Bedürfnisse der Schüler anzupassen. Themen wie quadratische Zusammenhänge (Parabeln), die Reflexion über Zahlbereichserweiterungen und das Wesen reeller Zahlen sollen künftig nicht mehr in Jahrgang 8, sondern in den Klassen 9 oder 10 behandelt werden. Für den, der lange keine Schulbank mehr gedrückt hat, klingt das allemal früh genug.

Insgesamt habe das Ministerium durch die neue Stundentafel für G 9 in den Naturwissenschaften eine riesige Chance vertan, kritisiert Bredthauer. Physik, Biologie und Chemie würden auf einem historischen Tiefstand landen, so wenig Unterricht in diesen Fächern sei zuletzt vor 30 Jahren gegeben worden. Gerade in den Jahrgängen 9 bis 11 müsste der naturwissenschaftliche Unterricht um zwei Wochenstunden aufgestockt werden. Chemie werde in den Klassen 5 bis 9 vermutlich nur noch halbjährlich erteilt, das könne bedeuten, dass manche Schüler ein komplettes Jahr überhaupt keine Chemiestunde haben. Kontinuierliches Lernen sei so nicht möglich.

Das Fach Informatik hätte zusätzlich eingeführt werden müssen, meint Bredthauer. Durch die Umstellung auf dreistündige Grundkurse in der Oberstufe werde vor allem der Mathematikunterricht leiden, da die Jugendlichen nicht mehr an jedem Schultag rechnen würden.

Das Land betont, dass auch an Gymnasien die Berufsorientierung immer wichtiger werde, dazu gehörten die Aufwertung des Fachs Politik/Wirtschaft und zwei jeweils einwöchige Pflichtpraktika in den Jahrgängen 9 und 11. „Da werden den anderen Fächern ohne großes Konzept 120 Stunden gestohlen“, kritisiert Bredthauer.

Bei aller Mühe und allem Murmeln: Mancher in Lehrer Imhofs Klasse jedenfalls könnte beim Thema Wurzeln eine zusätzliche Stunde gut gebrauchen.

Eine Mathe-Aufgabe

Die den Schülern gestellte Aufgabe ist nicht einfach, denn sie verarbeitet zugleich binomische 
Formeln und Quadratwurzeln.
Binomische Formeln sind ein mathematisches Handwerkszeug, um quadratische Gleichungen zu lösen. Wurzeln aus einer Nicht-Quadratzahl (in unserem Beispiel: 2 oder 18) sind irrationale Zahlen, die sich nicht über Brüche darstellen lassen.
Weil man nun zum Beispiel „Wurzel aus 2“ und „Wurzel aus 18“ nicht durch Addition zusammenfassen kann, muss immer erst die binomische Formel angewendet werden, um die Aufgabe lösbar zu machen und das Ergebnis zu erhalten: 32.

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