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Aus der Stadt Die Stadt hat einen Lauf - das Phänomen an der Leine
Hannover Aus der Stadt Die Stadt hat einen Lauf - das Phänomen an der Leine
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11:46 07.06.2010

Hier lassen selbst im Sommer die lustigsten Blumen die Köpfe hängen, hieß es lange Zeit. Aber seit einigen Monaten wandeln sich die Dinge. Lena, Margot, Ursula, Christian – sie alle wirken in Hannover.

Wer mit auswärtigen Menschen spricht, bekommt regelmäßig zu hören: Was ist denn bei euch alles los? Auch professionelle Beobachter haben es bemerkt.
Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt vom „Phänomen an der Leine“, um sogleich auf das alte Motiv zurückzukommen und erklärt „Durchschnittlichkeit“ urplötzlich zur Stärke. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat am Wochenende entdeckt: „Der Bär steppt an der Leine“.

Tatsächlich hat die Stadt einen Lauf, Menschen aus Hannover spielen bedeutende Rollen in Politik, Kultur und Religion. Sowieso durch den Erfolg der 19-jährigen Gesamtschülerin Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest in Oslo, wo sie aufstieg zum kleinsten gemeinsamen Sonnenstrahl der Republik. Ein Sieg, der gleich wieder Zehntausende auf die Straßen trieb.

Auch Christian Wulff, vor wenigen Tagen noch nur Landesvater und kein Kandidat fürs Bundespräsidentenamt, wollte bei der Begrüßung am Flughafen Punkte sammeln wie Lena in Oslo, nur beim Volk. Unvergessen bleibt die trunkene Fahrt von Landesbischöfin Margot Käßmann, heftig diskutiert in Wirtshäusern der Republik. Der Glanz des puppenspielenden Gesundheitsministers im Berliner Kabinett, auch ein hannoversches Gewächs, verblasst gegen solche Großmeister der Sympathien ein wenig. Philipp Rösler muss allerdings unpopulärere Aufgaben bewältigen, darunter die FDP.

Hannover ist das Herz, die Seele, der Bauch der Republik“, schreibt diese Woche die „Zeit“ und meint Käßmann und Lena zugleich. Ein Bauch, der Futter braucht. Gerade eben schien ein wenig Ruhe um die Landeshauptstadt einzukehren, als in Berlin Merkel in Not war. Ein neues Staatsoberhaupt musste her, das alte war beleidigt. Kurze Zeit schien es sogar auf eine Staatsoberhäuptin hinauszulaufen. Aus Hannover.

Ursula von der Leyen aber scheint zu wichtig im Kabinett. Und offenkundig ist die Personallage in Hannover so „fett“ (Lena), dass immer jemand zur Verfügung steht. Kanzler kann Hannover schon seit 1998. Merkel weiß das und denkt: Ein Niedersachse muss Bundespräsident werden. Und von ganz weit oben schreibt die „Süddeutsche“, Wulff sei „wie seine Stadt, ohne Ecken und Kanten und ohne Akzent“.

Was ist der Grund dafür, dass die Stadt plötzlich Bedeutung weit über Deutschland hinaus erfährt? Haben die Menschen an der langen Leine eine besondere Mentalität, die, betrachtet man das Leben einmal kurz als Strafraum, hier natürlich bestehen wollen, aber bevorzugt nach Art des Per Mertesacker allein mit fairen Methoden? Ein neues Hannover, frei im Geist, unverbiestert und in dieser Lockerheit Vorbild für Deutschland? Betrachtet man die Leben der drei Frauen jüngerer Stadthistorie, erklärt sich ihre Beliebtheit wohl mit der Normalität ihrer Erfahrungen. Margot Käßmann erzählte von Scheidung und Krebserkrankung, sie erkannte ihren Fehltritt und gab Ämter in perfekter Haltung auf, als die katholische Kirche noch nicht einmal verstanden hatte, was die Leute bloß alle hätten mit dem ewigen Missbrauchsgerede.

Meyer-Landrut überraschte die Menschen mit ihrer noch so wenig abgebrühten Art. Von der Leyen wird von vielen bewundert, wie sie Beruf und achtköpfige Familie organisiert. Alle drei Frauen sind eigene Wege gegangen, haben Erfolg, abgehoben und verbissen erscheinen sie trotzdem nicht. Sie haben vorgemacht, dass auch einem öffentlichen Leben das menschliche Maß nicht fehlen muss. Das liebten die Menschen an Robert Enke: Der 96-Torhüter wurde über Hannover hinaus verehrt, weil er kein distanzierter Fußballheld war. Das wär's auch schon.

Es gibt kein Hannover-Gen, verantwortlich dafür, dass die Stadt zuletzt stets im großen Zusammenhang auftaucht. Niemals sollten Vertreter aus der Landeshauptstadt nun betonen, die Stadt sei keine Provinz mehr.

Es gilt der alte Spruch: Wer es sagt, der ist es. Die Häufung hannoverscher Dominanz hat nur einen Grund. Und der heißt: Zufall. Zu einfach? Vielleicht weiß der Berliner „Tagesspiegel“ in der Hauptstadt mehr. Dort schreibt man den jüngsten Erfolg den Messen zu. „Wer ständig Dienstleister aus aller Welt beherbergt, der beherrscht die Kunst, es allen recht zu machen.“

Diese Stadt bringe keine Charismatiker hervor, „aber doch einige Leute, die in der Beliebtheitsskala ganz vorne liegen“. Das alte Hannover existiert unterdessen weiter, wie überall anders. Ein Politiker hastet zur Gangway, um Ruhm abzuschöpfen. Ein Anwalt lädt zur bizarren Pressekonferenz mit Rockergangs. Und Lena Meyer-Landrut soll ihren Titel verteidigen. Es ist der kalte Krieg der Revierkämpfe.

Gunnar Menkens

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