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Aus der Stadt Die Toten Hosen in Hannover: Gott sei Punk!
Hannover Aus der Stadt Die Toten Hosen in Hannover: Gott sei Punk!
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23:56 12.12.2012
Punk mit Power: Sänger Campino von den Toten Hosen ist mit seinen 50 Jahren kein junger Hüpfer mehr. Aber die Kraft reicht immer noch für einen energiegeladenen Auftritt.
Punk mit Power: Sänger Campino von den Toten Hosen ist mit seinen 50 Jahren kein junger Hüpfer mehr. Aber die Kraft reicht immer noch für einen energiegeladenen Auftritt. Quelle: Petrow
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Hannover

„Wir alle spüren ihn doch“, singt Campino. Den „Ballast der Republik“. Ob Ost, ob West, alle tragen den selben Ballast der Vergangenheit auf ihren Schultern. Trotz der Wiedervereinigung sei nicht alles gut in Deutschland, singt Fußballfan Campino: „Wir haben keine Zeit mehr / für Politik und Religion / Wenn wir an Götter glauben / dann tragen sie Trikots.“

Am Dienstagabend bestritten die Toten Hosen das erste von zwei aufeinander folgenden Konzerten vor jeweils 12.000 Zuschauern in der TUI Arena auf dem Expo-Gelände. Beide Shows waren seit Monaten ausverkauft, so wie die anderen 24 Konzerte der „Krach der Republik“-Tour – es ist neben dem Stadionauftritt von Coldplay, der Doppelshow der Ärzte in der TUI Arena sowie der schrillen Revue von Lady Gaga und dem Dreierschlag von Komiker Mario Barth an gleicher Stelle eines der spektakulärsten Popereignisse des Jahres in Hannover.

„Auswärtsspiel“ ist der erste ältere Song. Es geht um Fußball und darum, dass es Wichtigeres als Siege gibt, aber auch um das Unterwegssein. Danach wieder ein paar neue Songs. Den Fans scheint es egal, den fast alle können auch die jüngsten Stücke mitsingen. Wie das über „Zwei Drittel Liebe“.

Die Toten Hosen sind heute auf dem kommerziellen Höhepunkt ihrer Karriere. Das aktuelle Album „Ballast der Republik“ schaffte es als erstes „Hosen“-Album zeitgleich auf Platz eins der Hitlisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die 26 Konzerte der Mitte November gestarteten „Der Krach der Republik“-Tour sind allesamt ausverkauft. Das „Handelsblatt“ analysierte vor einigen Monaten das Geschäftsmodell der Band, die über eigene Firmen Musik, Fanartikel und Konzerte weitestgehend selbst vermarktet: „Einen Großteil des Umsatzes (…) sackt die lärmende Combo selbst ein, indem sie die Marke der Toten Hosen nach allen Regeln der Betriebswirtschaft auf eigene Rechnung ausschlachtet.“ Die Frage, die zwischen den Zeilen still gestellt wird, ist keine neue für die Toten Hosen: Ist das noch Punk?

Wer den Begriff so eng definiert, dass ein Punkmusiker demnach immer „druff“ sein muss, schlecht riecht, nicht weiß wo er abends schläft und noch nicht einmal die wenigen Punk-Akkorde fehlerfrei auf den Saiten schafft, muss wohl verneinen. Diesen engen Maßstab haben die Hosen selbst nie an sich angelegt. Im Song „Helden und Diebe“ beschreibt die Band schon 1999, wie aus Grölpunks plötzlich eine Gruppe wurde, die Sinn stiften sollte. „Wir waren die Jungs von der Opelgang“, heißt es da. Vergangenheit. Die Fans sollten den „ganzen Mist vergessen“, den man über sie erzählt. Und: „Wenn ihr an etwas glauben wollt, glaubt an euch selbst und nicht an uns.“

An diesem Abend in der TUI-Arena befolgen die Fans die Vorgabe. Im Innenraum der Arena schleudern sie ihre Körper aneinander, Pogo heißt das. Eine Art Rempeltrance. Weiter oben mühen sich Ordner aus Gründen der Sicherheit, die Sitzplatzgäste zum Sitzenbleiben zu bewegen. Mäßig erfolgreich.

„Wir würden euch gern ein Lieblingslied vorstellen“, sagt Campino. Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“ folgt. Wär es nicht Zeit, etwas anderes zu tun? „Ist mir egal, dass es bleibt, wie es war.“ Campino sagt, das er ja doch nichts anderes machen möchte als dieses hier.

30 Jahre bewegende Punkrock-Geschichte liegen hinter den Toten Hosen. Am 11. und 12. Dezember geben die Düsseldorfer in der TUI-Arena in Hannover eine Kostprobe ihrer alten und neuen Ohrwürmer.

Dann Bewegungsübung. Campino erklärt, wie das geht mit den Armen, die erhoben von Links nach Rechts und wieder zurückschwenken sollen. „Und dann müsst ihr noch schwingen, das macht es auch den Taschendieben nicht so leicht. Campino erklärt, dass bei der Tour schon mehrfach Taschendiebe die Hosen-Fans beklaut haben. Die Fans sollen Diebe festhalten, bis die Ordner kommen. „Dann betet für sie, dass die Bullen sie eher sprechen als ich“. Danach kommt „Bonny & Clyde“, das Lied von den raubenden Mördern. Lustig.

Aber es geht auch ernst. Campino bittet die Fans, Pro Asyl und Oxfam zu unterstützen. Und singt dann, einen Tag nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU, den Song „Europa“. Europas Grenzpolitik töte Flüchtlinge, die das „Paradies“ Europa nie erreichen.

Noch mehr Politik? Klar, mit großer Geste. „Schrei nach Liebe“ steht auf dem Programm – der Song der Ärzte, die dieses Jahr schon zweimal die TUI Arena gefüllt haben. Das umarmt irgendwie alles. Das Publikum brüllt im Refrain die Beleidigung, die mit „A“ beginnt und mit „loch“ endet, inbrünstig heraus. Danach „Nazis raus!“-Gesänge. Campino: „Diese Chöre sind mir nach all den Jahren noch die liebsten.“

Und „Tage wie diese“ darf natürlich nicht fehlen, der Überhit vom aktuellen Album, der zur inoffiziellen Hymne vom Fußball-Bundesligisten Fortuna Düsseldorf, dem Heimatverein der Hosen, geworden ist. Campino allerdings kann dabei verschnaufen. Mikrofon ins Publikum halten – die erledigen den Rest und wünschen sich Unendlichkeit.

Bei der letzten Zugabe des Abends blickt Campino dann noch auf den letzten Spieltag der Bundesliga, wenn die Roten aus Hannover in Düsseldorf bei der Fortuna antreten müssen: "Egal wie das ausgeht, You'll Never Walk Alone". Und dann singen die 12.000 in Hannover mit den Toten Hosen aus Düsseldorf diese universelle Hymne des Fußballs.

Am Freitag, 6. Juni 2013 spielen Die Toten Hosen erneut in Hannover. Für das Freiluftkonzert auf dem Expo Plaza gibt es noch Karten (45,50 Euro).

Vom Bürgerschreck zum Konsenspunk

Wie die Karriere einer Dagegen-Band über Jahre zum Mainstream mäandert.

1. Beim ersten Konzert 1982 werden sie versehentlich als Tote Hasen vorgestellt.
2. „Eisgekühlter Bommerlunder“ ist ein Jahr später der erste Hit.
3. Bei ihrer 1986er-Tour werden die „Hosen“ von einem Kondomhersteller gesponsort.
4. „Alex“ ist 1988 der kommerzielle Durchbruch.
5. Die „Hosen“ nehmen 1991 mit Posträuber Ronald Biggs Songs auf.
6. „Opium fürs Volk“ erscheint 1996 bei der selbst gegründeten Plattenfirma – seither liegt die Vermarktung allein in der Hand der Bandmitglieder.
7. Beim 1000. Konzert 1997 im Düsseldorfer Stadion stirbt eine Besucherin im Gedränge – danach spielen die „Hosen“ zwei Jahre nicht mehr in großen Arenen.
8. Der Musiker ist die Message – die Bandmitglieder erzählen 2003 in der MTV-Serie „Friss oder stirb“ aus ihrem Privatleben.
9. Die Band spielt 2005 ein Unplugged-Konzert – im Wiener Burgtheater.
10. Campino singt 2006 unter der Regie Klaus Maria Brandauers in Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ den Mackie Messer.
11. Seit 2005 ist Campino phasenweise häufiger in Talkshows als auf Konzertbühnen zu sehen.

Gerd Schild