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Aus der Stadt Die Trauerrede von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff
Hannover Aus der Stadt Die Trauerrede von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff
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14:06 15.11.2009
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und seine Frau Bettina Quelle: lni

Es folgen Auszüge aus der Rede:

„Liebe Frau Enke, liebe Angehörige, verehrte Trauergäste. Wir alle sind seit Dienstagabend erschüttert. Auch wir können nicht fassen, dass Robert Enke nicht mehr unter uns ist. Den wir am letzten Sonntag mit vielen von Ihnen hier noch haben spielen sehen. Wir verlieren einen großartigen Sportler. Ein Vorbild für viele und einen besonders sympathischen Menschen. Die Anteilnahme, die Robert Enke, seiner Frau und seiner Familie zu Teil wird, ist überwältigend. Millionen haben ihn gekannt und bewundert. Dass, was Martin Kind und Theo Zwanziger hier eben gesagt haben, ist eine große Sache, weil es hinausreicht über diese Tage und zu einem veränderten Zusammenleben in unserem Land führen kann. Unsere Gedanken und vor allem unser Mitgefühl sind bei Ihnen, liebe Frau Enke, bei Ihrer Familie und Ihren Angehörigen. Aber auch bei den Fans, vor allem den ganz jungen, bei den Mannschaftskameraden von Hannover 96, der Nationalmannschaft, allen Spielern, die in den letzten Jahren mehrfach Robert Enke zum besten Torhüter der Liga gewählt hatten. Unsere Gedanken sind auch bei den Zugführern des Regionalzuges, der am Dienstagabend Robert Enke erfasst hatte.

Es gibt in dieser Stadt und in unserem Land eine eindrucksvolle Anteilnahme. Spontan, um mit der Trauer nicht allein zu sein und zu zeigen, dass andere nicht alleine sind. Ob beim Trauergottesdienst in der Marktkirche, ob bei dem Gang zum Stadion. Die Anteilnahme ist spürbar in Lissabon, Barcelona oder Teneriffa, wo Robert Enke zeitweilig spielte, beliebt und anerkannt war.

Wir alle spüren in den letzten Tagen das intensive Bedürfnis zum Innehalten. Die Welt ist nicht im Lot. Unzählige spüren das in Momenten wie diesen. Man muss aber nicht gleich alles erklären können. Es ist manchmal besser, sich mit den Ursachen und den Folgen länger zu beschäftigen. Miteinander reden, statt übereinander schreibend und redend. Viele Menschen empfinden in unserem Land, es muss sich etwas ändern. So kann es nicht weitergehen. Doch damit alleine ändert sich gar nichts. Ich muss mich verändern. Ich muss etwas ändern. Den Sportler nicht als Übermenschen oder Versager sehen, sondern mit seinen Stärken, aber auch seinen Fehlern und Überforderungen.

Liebe Familie Enke, ich spreche Ihnen mein Beileid aus. Liebe Frau Enke, Sie haben viel mehr durchgemacht als öffentlich bekannt war. Neben der tödlichen Krankheit Ihrer kleinen Tochter Lara, haben sie Ihrem Mann in seiner Krankheit jahrelang zur Seite gestanden. Das, was sie durchlitten haben, können wir nur erahnen und der warmherzige Beifall eben hat gezeigt, dass wir bei Ihnen sind. Mit Ihrem Mut und Ihrer Geradlinigkeit haben Sie sich eindrucksvoll an die Öffentlichkeit gewandt und dadurch für uns alle erst erkennbar gemacht, was wir nicht wussten, aber auch uns geholfen zu verstehen. Dafür möchte ich Ihnen danken und meine Hochachtung aussprechen. Wir alle wünschen Ihnen und Ihrer Tochter Leila, dass sie eines Tages Ihren Frieden mit dem Geschehenen machen können. Ich formuliere es anders. Sie werden eines Tages Ihren Frieden mit dem Geschehenen machen und dann in Dankbarkeit auf vieles Schöne zurückblicken, was sie gemeinsam erlebt haben und was Robert uns geschenkt hat.

Warum mögen wir alle Ihren Mann? Weil er ein stiller, bescheidener und zurückgenommener Star war. Ein Mensch kleiner Gesten, der einen Kreis um sich zog, der besonders war. Auf seinem Lebensweg hat er Höhen und Tiefen kennengelernt. Er hat hart gearbeitet und trainiert. Großen sportlichen Erfolgen standen Krankheiten und Verletzungen gegenüber, beispielsweise der besonders tragische Tod seiner Tochter Lara nach nur zwei Lebensjahren. Es hat viele Stationen gegeben für diesen Ausnahmesportler. Er hat sich aber niemals vor allem um sich gekümmert, sondern sich mit Ihnen gemeinsam engagiert im Tierschutz oder bei Projekten der Herzforschung. Er wurde niedersächsischer Sportler. Er wurde zur Nummer Eins unserer Nationalmannschaft. Wir haben ihn in Erinnerung, weil er Mensch geblieben war. Viele von uns hier im Stadion sind ihm immer wieder persönlich begegnet und er hatte Geduld und Zeit für seine Fans. Er hat mit ihnen geredet und sich insbesondere mit den Kindern, seinen jüngsten Fans, stets unterhalten und ihnen zugewandt.

Ich habe ihn erlebt jedes Jahr hier in Hannover bei der Behinderten-Sportlerwahl des Jahres. Es war bemerkenswert, wie viel Einsatz und Sympathie er für Sportlerinnen und Sportler mit Handicaps zeigte. An ein Erlebnis erinnere ich mich auch in den letzten Tagen. Er saß hier im Stadion bei einem Konzert mit Ihnen gemeinsam, mitten unter den Zuschauern. Er hatte sich nicht in die VIP-Loge begeben oder sich darüber Karten besorgt. Und auch im Fußball hätte er, wenn er nicht hier gespielt hätte, mitten unter den Fans hinter dem oder dem Tor gestanden und mit den Fans gefeiert und gelitten. Noch letzten Sonntagnachmittag vor nicht einmal einer Woche hatte er durch tolle Paraden Tore verhindert und inzwischen wussten wir dann, dass er seit langem schwer krank war.

Er litt unter Depressionen. Einer Krankheit, die ihn letztlich in die vermeintliche Ausweglosigkeit geführt hat, aus dem Leben zu scheiden. Wie groß, wie hoch mag der Druck gewesen sein, der auf ihm lastete. Ein Druck der Versagensängste auslöst, Angst, den Erwartungen der Öffentlichkeit, also unseren Erwartungen, nicht genügen zu können. Gerade Torhüter scheinen keine Fehler machen zu dürfen. Gerade sie stehen unter besonderem Druck. Das ein begnadeter Ausnahmetorwart, der immer wieder seine Mannschaft vor Niederlagen bewahrt hat, sich dem Leben geschlagen gibt, erschüttert uns alle.

Der Druck ist extrem im Leistungssport. Aber auch in anderen Berufen. Wir alle spüren auch hier im Stadion und bei denen die mittrauern, dass von uns allen regelmäßig erwartet wird, dass wir funktionieren. Wer das nicht schafft, wird all zu schnell abgestempelt. In Zukunft sollte auch ein Nationalspieler eine psychische oder sonstige Krankheit oder Beeinträchtigung offen einräumen können und eine Auszeit mit Verständnis gewährt werden bekommen. In der Zukunft wird das eher der Fall sein, als in der Vergangenheit. Wir alle brauchen keine fehlerfreien Roboter. Wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten und all ihren Schwächen und all ihren wunderbaren Eigenschaften, die jeder Mensch hat. Erst das macht unser Zusammenleben wirklich menschlich. Deshalb trauern wir besonders um einen großartigen Menschen und einen überragenden Sportler.

Liebe Frau Enke, ich möchte Ihnen, nicht nur im Namen der Niedersachsen, wünschen, dass sich Ihre Trauer und Ihr Schmerz verwandeln in Hoffnung und Trost. Möge Ihnen die Erinnerung an Ihren Mann und Ihre tiefe Liebe zu ihm über den Tod hinaus Zuversicht geben. Sie wissen, nicht nur in diesen schweren Stunden sind wir bei Ihnen und Ihren Angehörigen. Sie können sich auf uns alle in den nächsten Jahrzehnten verlassen."

lni

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