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Aus der Stadt Die Welt im Kleinen
Hannover Aus der Stadt Die Welt im Kleinen
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17:37 29.11.2014
Von Simon Benne
„Münzen sind unscheinbar – doch sie erzählen Geschichten“: Christoph Walczak in seiner Münzenhandlung. Fotos (3): Eberstein
„Münzen sind unscheinbar – doch sie erzählen Geschichten“: Christoph Walczak in seiner Münzenhandlung. Quelle: Jan Philipp Eberstein
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Hannover

Seine Mutter fand die alte Münze im Garten, neben dem Hühnerstall. Christoph Walczak war gerade zwölf Jahre alt, und seine Familie lebte damals, in den siebziger Jahren, noch in Ostpreußen, das 1945 polnisch geworden war. Mit detektivischem Spürsinn machte der Junge sich daran, die Münze mit der Aufschrift „GW“ zu erforschen: „Sie stammte von Kurfürst Georg Wilhelm, war mehr als 300 Jahre alt - und sie war ein Überbleibsel aus der deutschen Vergangenheit unserer Gegend“, erinnert sich der 49-Jährige heute. Als er die Münze damals in den Händen hielt, habe ihn etwas gepackt, sagt er: „Das war der Anfang einer großen Leidenschaft.“ In diesem Moment wurde er zum Münzsammler.

Die Münzbörse macht Hannover zum Mekka der Münzsammler - ein Besuch bei Münzhändler Christoph Walczak.

Christoph Walczak steht am Ladentresen, als er die Geschichte erzählt. Der Junge von damals lebt längst im Westen, er hat Archäologie studiert, sich in etlichen Münzvereinen engagiert, und 2005 übernahm er mit seiner Frau Agatha die traditionsreiche Münzenhandlung Bühnemann. Vorm Schaufenster rauscht der Verkehr der Marienstraße vorbei, aber hier, in seinem Geschäft, von der Welt draußen abgeschirmt durch die dicke Sicherheitstür, liegen in den Vitrinen ein paar Jahrhunderte Geschichte zum Anfassen. Zwischen gediegenen Büsten und Ölgemälden hütet Walczak hier Hunderte von Münzen.

„Münzen sind kleine Dinge, unscheinbar, man hat sie jeden Tag in der Hand - doch sie erzählen Geschichten, sie sind Spiegelbilder ganzer Epochen und Persönlichkeiten“, schwärmt Walczak. Er kann von einem sächsischen Taler erzählen, der 1610 zu einer Taufe verschenkt wurde - mit einer eigens auf den Rand gravierten persönlichen Widmung, die sich bis heute gehalten hat. Oder von einem hannoverschen Zehn-Taler-Stück aus dem Jahr 1837, von dem nur noch ein einziges Exemplar auf der ganzen Welt bekannt ist. Von Herrschern, die ihr Konterfei auf Münzen massenhaft unters Volk bringen ließen, um ihre eigenen Großtaten propagandistisch zu verbreiten. Münzen sind wie Spiegel, die das ganz Große im ganz Kleinen zeigen. Man muss nur einen Blick für das ganz Kleine haben.

Mehr als 5000 Besucher werden am kommenden Sonntag zur 100. „Münzenbörse Hannover“ im HCC erwartet, die Walczak organisiert. Die meisten sind Enthusiasten: „Sammeln heißt jagen, suchen - und finden“, sagt er. Sammler wollen ja besitzen. Die angeblich in der jungen Generation so verbreitete Ideologie, nach der Teilen im Digitalzeitalter das Haben ersetzt, ist nichts für sie. Der Typus des Sammlers vereint in sich oft große Leidenschaft und kühle Systematik. Und bei so einer Börse sucht jeder ein besonderes Stück: Manche sammeln Münzen mit Tier- oder Sportmotiven, andere suchen Stücke aus einem bestimmten Land oder einer Epoche. „In jüngster Zeit stehen russische, polnische und baltische Münzen hoch im Kurs“, sagt Walczak. Viele russische Sammler hätten sich zur Münzbörse angemeldet, aber auch Ukrainer, Chinesen oder Araber. Liebe zum Geld verbindet - jedenfalls, wenn man im Geld mehr sieht als nur ein Zahlungsmittel.

Während er erzählt, betreten zwei Frauen Walczaks Laden: „Wir haben diese Münze von unserem Vater geerbt“, sagen sie. Mit der Lupe am Auge betrachtet Walczak das Stück. Der Händler macht auch Gutachten für Museen oder Versicherungen. Der Münzhandel hat sich in den vergangenen Jahren stark ins Internet verlagert. Allerdings lassen sich unbedarfte Käufer oft von windigen Händlern billigen Tand andrehen - und Gutachter wie er profitieren von den Streitereien danach. „Als ihr Vater diese Münze gekauft hat, war sie etwa 120 Mark wert - heute bekommen Sie 500 Euro dafür“, sagt er den überraschten Frauen.

Viele Laien verwandelten sich bei der Euro-Einführung vor 13 Jahren zeitweise in kleine Numismatiker: Sie sammelten Euro-Starterkits aus verschiedenen Ländern - und stießen oft schnell an ihre Grenzen: „Dieses Gebiet ist inzwischen zu groß“, sagt Walczak. „Viele sind finanziell gar nicht in der Lage, alle Euro-Münzen aller Euro-Länder zu kaufen.“ In solchen Situationen gilt in seinem Metier ein eherner Grundsatz: „Der Sammler muss seine Sammlung beherrschen - nicht die Sammlung den Sammler.“

Jeder Insider kennt Geschichten von Münzenthusiasten, die sich mit ihrer Leidenschaft um Haus und Hof brachten. Als beispielsweise die DDR unterging, erstand aus münzkundlicher Sicht ein abgeschlossenes Sammlungsgebiet: „Viele kauften sich in großer Euphorie die komplette DDR, 123 Münzen“, sagt Walczak. „Manche nahmen Kredite auf, um 40 000 D-Mark dafür aufzubringen.“ Heute sind die DDR-Münzen gerade noch 4500 Euro wert: „Es gibt einfach nicht genug Sammler für das Gebiet.“

Auch die Münzwelt hat eben ihre Moden: Das Interesse an Gold- und Silber-Münzen aus dem Deutschen Kaiserreich sei derzeit relativ groß, sagt Walczak. Weimarer Republik? „Die Preise sind seit Jahrzehnten konstant.“ Altdeutsche Taler aus dem 19. Jahrhundert? „Sind derzeit beliebt, besonders bei russischen Sammlern.“ Schließlich waren die Zaren mit vielen deutschen Fürstenhäusern verwandt - und die potenten Russen von heute knüpfen gerne an die internationalen Verbindungen ihrer aristokratischen Ahnen im Geiste an. Münzen sind ideale Bausteine, wenn’s darum geht, eine Identität zu errichten - und Börsen wie die im HCC offenbaren auch, welcher Zeitgeist gerade Konjunktur hat.

Fragt man Walczak, ob es etwas gibt, das alle Münzfans verbindet, muss er nicht lange überlegen: „Sammler sind glückliche Menschen“, soll Goethe gesagt haben. „Da ist etwas Wahres dran“, sagt er. „Wer ein besonderes Stück findet, das er lange gesucht hat, noch dazu billiger als im Katalog - der findet ein Stück Glück.“

Die Münzbörse Hannover gilt als größte Veranstaltung ihrer Art im norddeutschen Raum. Seit ihren Anfängen vor 50 Jahren treffen sich Händler und Sammler zweimal im Jahr, um Münzen und historische Banknoten, Fachliteratur und Zubehör zu kaufen oder zu verkaufen. Zur Jubiläumsausgabe der Münzbörse hat der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Medailleur Peter Götz Güttler eigens eine Medaille kreiert: Diese zeigt den Kuppelsaal und erinnert an die „100. Münzenbörse in Hannover“ (oben). Zur Börse werden am Sonntag zwischen 9.30 und 16.30 Uhr in der Eilenriedehalle des HCC mehr als 150 internationale Aussteller und mehr als 5000 Besucher erwartet. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 6 Euro. Mehr Informationen im Internet unter auf muenzenboerse-hannover.de.

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