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Aus der Stadt Die Zukunft wird heiß
Hannover Aus der Stadt Die Zukunft wird heiß
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09:15 01.06.2015
Von Bernd Haase
Schweiß lass nach: Die Durchschnittstemperatur steigt bis 2100 um 3,5 Grad. An 80 Tagen im Jahr prognostiziert das Gutachten dann Temperaturen von mehr als 30 Grad. Damit steigt auch das Risiko, dass Mücken und Zecken Krankheiten übertragen. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa/r.
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Hannover

Die Entfernung zwischen Hannover und der Kleinstadt Bützow in Mecklenburg-Vorpommern beträgt rund 250 Kilometer Luftlinie. Bützow geriet in die Schlagzeilen, als Anfang Mai ein Tornado durch die Hauptstraße tobte und eine Schneise der Verwüstung hinterließ. „Tornados kannte man bisher nur aus dem Fernsehen. Dass so etwas bei uns passieren könnte, war unvorstellbar“, sagt Sonja Papenfuß, Fachbereichsleiterin Umwelt bei der Regionsverwaltung in Hannover. „Die Einschläge kommen näher.“ Mit dem Begriff Einschläge meint sie die Folgen des Klimawandels. Und zu denen zählen Forscher auch das Aufziehen von Tornados in Regionen, wo man sie bislang nicht für möglich hielt.

Wenn das Klima auf dem Globus durcheinandergerät, trifft das auch Hannover: Deshalb will die Region vorbereitet sein. „Auch für den Raum Hannover ist eine eigene Anpassungsstrategie sinnvoll und notwendig“, erklärt Papenfuß. Um abschätzen zu können, wie sich das Wetter bis zum Jahr 2100 ändert, hat die Verwaltung ein Gutachten in Auftrag gegeben. Die Berechnungen, die die Büros Meteoterra und Geonet jetzt vorgelegt haben, verheißen viel Hitze. Es wird insgesamt trockener. Und wenn Regen fällt, dann heftig - die Meteorologen nennen das Starkregenereignisse. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Wind. Er weht seltener, aber dafür vermehrt in Form von Stürmen.

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Die computergestützte Auswertung von Messreihen der Wetterstation am Flughafen Hannover in Langenhagen belegt nach Angaben von Meteoterra, dass sich das Klima schon verändert hat. Die mittlere Lufttemperatur liegt für den Zeitraum von 1981 bis 2010 um 1 Grad Celsius höher als für den zwischen 1951 und 1970. Es gibt mehr heiße Tage im Jahr - so nennen die Wetterkundler solche, an denen die Temperatur über 30 Grad Celsius steigt. Gleichzeitig herrscht seltener Frost. In den Sommermonaten Juni, Juli und August regnet es seltener.

„Da die Zukunft niemals exakt vorhersehbar ist, können nur begründete Vermutungen angestellt werden“, sagt Christine Land von Meteoterra. Unter anderem weiß man nicht, ob die Menschheit weiterhin wirtschaftliches Wachstum in den Mittelpunkt ihres Strebens stellt und welche Rolle Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Wasser künftig spielen wird. Es gibt aber laut Land standardisierte und anerkannte Modelle, mit denen sich aus Klimadaten Prognosen ziehen lassen.

Demnach passiert in der Region Hannover Folgendes: Die Jahresdurchschnittstemperatur wird sich bis 2050 um 2,5 Grad Celsius erhöhen, bis 2100 dann um 3,5 Grad Celsius. Die Bevölkerung muss sich auf bis zu 80 heiße Tage im Jahr einstellen, das wäre eine Verzehnfachung gegenüber heute. Gleiches gilt für sogenannte Tropennächte mit Werten über 20 Grad Celsius. Eiskratzer für Autoscheiben braucht die nächste Generation nur noch selten, weil es viel weniger Frosttage geben wird. Der Sommer wird nicht länger die regenreichste Jahreszeit sein, sondern Winter und Frühling. „Die Region sollte Zukunftsverantwortung übernehmen“, heißt es in dem Gutachten, das gleichzeitig Handlungsfelder definiert:

  • Gesundheitswesen: Die Gefahr, dass Viren durch Mücken, Zecken oder Nagetiere übertragen werden, steigt. Im Trinkwasser könnten häufiger Krankheitserreger auftreten, in Badegewässern wie dem Steinhuder Meer oder dem Maschsee Blaualgen. Dagegen könnten Erkältungskrankheiten und Grippewellen zurückgehen. Hitzeperioden bringen insbesondere in dicht besiedelten Gebieten wie Teilen der Städte Hannover, Garbsen und Laatzen erhöhte Risiken für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit sich. Allergiker werden zu spüren bekommen, dass sich die Pollenflugsaison verlängert und bisher unbekannte Pflanzen von Süden her in die Region gelangen.
  • Wasserwirtschaft: Bei größeren Flüssen wie der Leine steigen die Anforderungen an den Hochwasserschutz, bei kleineren wie der Wietze gewinnt Niedrigwassermanagement an Bedeutung - sie könnten trockenfallen. Auch die Belastung für die Kanalisation ändert sich - bei heftigen Güssen droht Überlastung, bei länger anhaltender Trockenheit Gestank.
  • Bodenschutz: Forscher prognostizieren abnehmende Humusgehalte und zunehmende Erosionsgefährdung.
  • Land- und Forstwirtschaft: Verändertes Klima hat unmittelbare Auswirkungen auf Fruchtfolge und Anbautechniken. Sie sind schon spürbar: „Wir bekommen immer mehr Anträge von Bauern, die Felder beregnen lassen wollen“, sagt Fachbereichsleiterin Papenfuß. Wintergetreide komme besser mit sich ändernden Verhältnissen klar als beispielsweise Mais oder Sommergerste. In den Wäldern, vor allem aber an den Straßenrändern dürften wärmeliebende und trockenheitsresistente Baumarten das Bild verändern. Die Förster in der Eilenriede haben beobachtet, dass Rotbuchen schon jetzt Probleme haben, wenn es lange trocken bleibt. An den Straßen gilt die Robinie als einer der Bäume der Zukunft.
  • Verkehr: Im Sommer 2013 musste die Autobahn 7 im Bereich der Wedemark gesperrt werden - Hitze hatte den Belag ruiniert. Das dürfte in der Region kein einmaliges Ereignis bleiben.
  • Energie: Der Bedarf an Heizenergie sinkt in Zukunft - kein Wunder, wenn es wärmer wird.
  • Industrie und Gewerbe: „Für die weitaus meisten Wirtschaftszweige weisen klimatische Faktoren eine untergeordnete oder gar keine Relevanz auf“, heißt es lapidar in dem Gutachten.
  • Tourismus: Der Tourismus könnte sogar profitieren, weil Städte-, Rad- und Wandertourismus als vorrangige Erscheinungsformen im Raum Hannover bei schönem Wetter mehr Spaß machen.
04.06.2015
Sabrina Mazzola 01.06.2015
01.06.2015