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Aus der Stadt Am Ende – und noch ein bisschen weiter
Hannover Aus der Stadt Am Ende – und noch ein bisschen weiter
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22:03 21.10.2013
Schulenburg-Nord: Ein Dorf, was es bald nicht mehr gibt. Quelle: HAZ

Wieder waren die Gärtner da. Wie im Oktober vor einem Jahr. Als Karl-Heinz Dahlke damals aus seinem Küchenfenster schaute, aus seinem Haus mit der Nummer 39, da rodeten die Männer im grünen Drillich gleich nebenan Büsche und Bäume – machten Platz am Nachbarhaus für die Abrissbagger.

In diesem Oktober kann Dahlke aus keinem Fenster schauen. Aus keiner Küche. Aus keinem Haus. Alles weg. Abgerissen und abgeräumt. Doch wieder waren die Gärtner da. Und diesmal haben sie Dahlke einen rechten Schrecken eingejagt. Dass Häuser verschwinden seit geraumer Zeit zwischen den Landebahnen, daran mag er sich gewöhnt haben. Aber dass jetzt über Jahrzehnte gewachsenes Dickicht gänzlich verschwunden ist, jede heckenverwurzelte Grundstücksgrenze förmlich ausradiert, das verschlägt ihm die Sprache. So hat er sein Dorf noch nie gesehen. Es gibt kein Dorf mehr zu sehen. Schulenburg-Nord ist verschwunden, weil der Flughafen es einfach gekauft hat. Grundstück für Grundstück. Jetzt soll hier ein Gewerbegebiet entstehen.

In diesem Oktober 2013 besteht der Ort Schulenburg-Nord nun nur noch aus drei bewohnten Häusern. Zwei davon stehen an der einzigen Kreuzung des Dorfes. In nach der Rodung ungewohnter Sichtweite sind zwei leer stehende Gebäude erkennbar. Sie werden noch in diesem Herbst abgerissen und folgen damit vier Gebäuden, die allein in 2013 buchstäblich in Einzelteilen das Dorf verlassen haben. Eine vermutlich vierstellige Zahl an Lastwagenladungen voller Erde hat aus der letzten Tonkuhle, dem sogenannten NJK-Teich, ein Paradies für Raupenfahrer gemacht. Die einst drei Hektar große Wasserfläche ist zur grünlichen Pfütze verkümmert. Am Rand wächst Ladung für Ladung ein Erdhügel heran. Feuchtbiotope sollen hier einmal entstehen. So weit die nüchterne Bilanz eines sterbenden Dorfes.

Wie verlässt man seine Heimat am besten?

Das Jahr, das hinter Schulenburg-Nord liegt, ist eine Mischung aus Gewohntem und Neuland. Aus Neuanfang und Trennungsschmerz. Aus erfüllten Verträgen und Wut über Juristen. Es beginnt mit einem geplatzten Traum. Wie verlässt man seine Heimat am besten? Familie Dahlke wäre gerne nach Weihnachten in den Urlaub gefahren und von dort direkt ins neue Haus gezogen. Es wird für Karl-Heinz Dahlke, Jahrgang 1954, der erste Umzug seines Lebens werden. Nach langen Verhandlungen hat er dem vom Flughafen angebotenen Tausch seiner Nummer 39 gegen einen Neubau im Nachbardorf Engelbostel zugestimmt. Das ist alles zufriedenstellend. Aber wie sich der Auszug letztlich anfühlen wird, aus dem Haus, das seine Eltern für ihn gebaut haben, vermag er noch nicht zu ermessen. Der Traum jedenfalls platzt, weil das neue Haus erst im Mai bezugsfertig ist. Danach ist für ihn nur eines sicher. Noch mal umziehen wird er sicher nicht.

So ungewohnt das Ein- und Auspacken eines Zuhauses für ihn sein mag, das von ihm organisierte Zeltlager für Kinder der Umgebung in den Sommerferien darf Dahlke noch einmal in Schulenburg-Nord aufbauen. Ein zweites Mal im Garten des Nachbarhauses. Dieses steht zwar schon länger leer. Aber die Benutzung von Toiletten und Stromanschluss hat ihm der Flughafen einmal mehr erlaubt. Gute Nachbarschaft bleibt wichtig, beiden. Es wird der letzte Kinderlärm sein, der dort oben unweit der Nordbahn zu hören ist. Als das Zeltlager der AWO Schulenburg seine Siebensachen wieder einpackt, sind Dahlkes schon umgezogen. Und nur wenige Wochen später verlässt auch Bernd Schuldt, der letzte Mieter des Hauses gegenüber, das Dorf. Danach gehören die drei leer stehenden Häuser Buntmetalldieben und der Polizei. Sie kommen allerdings zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Plänen. Nach dem letzten Besuch der Polizei klaffen im Mauerwerk des Vierfamilienhauses, das einst für die Ruhrgas AG gebaut wurde, zwei übergroße Löcher. Auch Sondereinsatzkommandos müssen offenkundig irgendwann einmal üben.

Das Haus mit der Nummer 6, das unweit der Kreuzung seit einigen Wochen leer steht, beherbergt in diesem Jahr viel Kummer. Denn das Fertighaus, das Erika und Wolfgang Pfeif mit der Entschädigung des Flughafens in Engelbostel bauen wollten, wird nicht fertig. Schon seit eineinhalb Jahren nicht. Der Ärger ist groß. Rechtsanwälte werden beschäftigt. Und nicht selten wünscht sich das Ehepaar, es könnte die Zeit zurückdrehen und einfach bleiben, wo es sich 1986 aus einer tristen Baracke ein Heim gezaubert hat. Das geht nicht. Die Verträge sind unterschrieben, das Geld ist geflossen. In den letzten Sommertagen haben die Bauunternehmer ein Einsehen, Pfeifs ziehen aus.

Auch Schilder wurden geändert

Noch bevor Ende September die Abrissbagger den drei verlassenen Häusern oben an der Nordbahn zu Leibe rücken, verschwindet das Dorf an anderen Stellen. Klein, aber symbolträchtig: Während die Hinweisschilder auf Schulenburg-Nord in Engelbostel beziehungsweise draußen in der Feldmark vermutlich mit heimatverbundenen Sammlern nach Hause gefahren sind, ist die Stadt Langenhagen am Ortsausgang von Engelbostel ganz offiziell tätig geworden. Nun ist dort ausschließlich vom Ende der Ortschaft zu lesen. Das nahe gelegene Ziel Schulenburg-Nord existiert auf diesem Schild nicht mehr. Drei bewohnte Häuser hin oder her.

Und jetzt? Abgesehen von dem Abriss von noch mindestens drei Häusern bis zum kommenden Sommer passiert – erst einmal nichts. Denn die Stadt Langenhagen und der Flughafen werden sich nicht einig über den Fortgang der Geschichte. Mag das Dorf auch aufgekauft und abgerissen sein. Für die Stadt ist das allein kein Argument, für den Flughafen Baurecht zu schaffen zwischen seinen Landebahnen. Auch wenn die Entwicklung des Unternehmens gen Westen seit mindestens 20 Jahren offizielle Linie der Stadt ist: Der Streit geht um die Wahl der Branche, die dort angesiedelt werden soll. Noch mehr Logistiker möchte die Stadt Langenhagen nicht auf ihren Straßen hören. Es geht auch um Grundstücke, die die beiden Verhandlungspartner sich gegenseitig vor der Nase weg kaufen. Und um eine Schranke, mit der der Flughafen die jetzt abgeräumte Straße durch das Dorf für den öffentlichen Verkehr sperren möchte. Die ansässigen Landwirte fremdeln mit dem Plan und fürchten von Flugzeugspottern zugeparkte Feldwege.

Sicher ist deshalb nur eines: Gärtner kommen so schnell nicht wieder.

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