Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Die schwierige Spurensuche im Fall Monika P.
Hannover Aus der Stadt Die schwierige Spurensuche im Fall Monika P.
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:27 03.01.2011
Mehr als 1000 Männer aus dem Stadtteil Linden wurden zu einem Speicheltest aufgerufen. Quelle: Martin Steiner
Anzeige

Noch will die Polizei nicht aufgeben: „Wir können die Akte Monika P. nicht schließen“, sagt Rainer Nöltker, Leiter der Mordkommission „Rose“. Seit einem Jahr suchen die Ermittler nach dem Täter, der die 24-jährige Monika P. umgebracht und ihre Leiche in Stücke zerteilt hat. Vor einem Jahr, am 4. Januar 2010, fanden Spaziergänger den geschundenen Leichnam an der Ihme in Linden-Süd. Der Täter hatte die Beine und den Rumpf der jungen Frau in blaue Müllsäcke gewickelt und sie unter der Legionsbrücke abgelegt, Kopf und Arme fehlten.

Die Zuversicht der Ermittler, den Täter zügig zu überführen, war groß. Doch mit der Zeit schwand der Optimismus, der Gesuchte könnte einen entscheidenden Fehler gemacht haben. Auch zwölf Monate nach dem Tod der jungen Lindenerin haben die Kriminalbeamten keine heiße Spur. „Das heißt aber nicht, dass wir im Dunkeln stochern. Es gibt eine ganze Reihe von Spuren, die wir abklopfen“, sagt Hauptkommissar Nöltker. Der Fall Monika P. ist zu einem aufwendigen Puzzle geworden.

Anzeige

Monika P. verschwand in der Silvesternacht. Nach einer Feier mit ihrer Mutter und einigen Bekannten in einer Bierstube in der Elisenstraße in Linden hatte sie sich gegen zwei Uhr verabschiedet. Vier Tage später machten Passanten den grausamen Fund unter der Legionsbrücke. Was in der Zwischenzeit geschah, wann und wo Monika P. auf den Täter traf, wissen die Beamten nicht. „Ihrer Mutter hat sie gesagt, sie wolle losziehen, um Party zu machen“, sagt Nöltker.

Die Polizei Hannover setzt im Fall der ermordeten Monika P. eine Belohnung für Hinweise auf den Täter aus. Die zerstückelte Leiche der jungen Frau war Anfang Januar am Ihmeufer in Hannover gefunden worden.

Die 24-Jährige arbeitete als Gelegenheitsprostituierte auf dem Straßenstrich und nahm regelmäßig Kokain. Das macht es den Beamten nicht leichter. „Die Ermittlungen im Drogenmilieu und auf dem Straßenstrich sind schwierig“, sagt Nöltker. Im Rausch machen die Zeugen häufig widersprüchliche, mitunter konfuse Aussagen. Im Fall Monika P. kommt hinzu, dass ihre eigene Familie – ihre Mutter, deren Lebensgefährte sowie ihr Stiefvater – nur wenige Angaben zum Privatleben der jungen Frau machen konnten. „Sie haben keine Informationen darüber, was sie in ihrer Freizeit unternahm, mit wem sie sich traf“, sagt Nöltker. So ist bis heute nicht bekannt, ob die 24-Jährige möglicherweise einen Freund hatte.

Nach einem Unfall im Kindesalter hatte Monika P. sich niemals vollständig von den Folgen erholt und war geistig zurückgeblieben. „Sie war sehr naiv. So kann man das wohl umschreiben“, sagt Nöltker. Bekannte der Getöteten berichten, sie sei mitunter aufbrausend gewesen. Die 24-Jährige arbeitete in der Küche einer hannoverschen Behindertenwerkstatt. Auch in ihrem beruflichen Umfeld ermittelten die Beamten, konnten in den Gesprächen mit den überwiegend geistig behinderten Kollegen der Getöteten aber kaum Erkenntnisse gewinnen.

Von Anfang an gingen die Ermittler davon aus, dass sie den Täter im Stadtteil Linden suchen müssen. Das tun sie noch immer, obwohl ein Massengentest im Sommer keinen Erfolg brachte. Mehr als 1100 Männer, die in dem Bereich gemeldet sind, mussten ihre Speichelprobe abgeben. Das Genmaterial wurde im Labor mit Spuren abgeglichen, die Kriminaltechniker an den Müllsäcken mit den Leichenteilen fanden. Erfolglos. „Natürlich hatten wir die Hoffnung, dass der Massentest eine Wende in dem Fall bringen könnte. Das hat es schon gegeben, dass der Täter eine Probe abgibt“, sagt Nöltker. Und die Beamten hatten einen weiteren Hintergedanken: „Wir hatten die Erwartung, dass durch den Test Unruhe im Stadtteil entstehen könnte, bisher unbekannte Zeugen sich vielleicht doch noch entschließen zu sprechen“, sagt Nöltker. Dem war nicht so.

Dennoch konzentrieren sich die Ermittler weiter auf den Bereich Linden. Dort wohnte Monika P., dort wurde sie das letzte Mal lebend gesehen, dort fand man ihre Leiche. Die Profiler sind sich sicher: Der Täter hat einen Bezug zu dem Ort, an dem er die Leiche ablegte. „Ein Täter denkt in einer solchen Stresssituation sehr einfach. Er kannte den Ablageort und hat ihn vermutlich unter praktischen Gesichtspunkten gewählt“, sagt Nöltker.

Und auch darüber sind sich die Beamten sicher: Die Tat war nicht geplant. Ein wichtiges Indiz, dass für diese Annahme spricht, ist die Beschaffenheit der blauen Müllsäcke, in denen der Täter die Beine und den Rumpf der Verstorbenen an der Ihme ablegte. „Sie haben keine hohe Reißfestigkeit. Der Täter musste jeweils zwei Säcke übereinander ziehen, damit sie dem Gewicht standhalten. Das sieht alles nach einer spontanen Handlung aus“, sagt Nöltker. Dafür spricht auch die Art und Weise, wie der Täter sein Opfer verstümmelte. „Nicht sehr professionell“, sagt Nöltker knapp. Vermutlich sei es ihm vor allem darum gegangen, den Leichnam leichter transportieren zu können und Spuren zu verwischen. „Dieser Täter hat pragmatisch gehandelt.“ Die blauen Säcke sind eine der Spuren, von denen die Beamten sich erhoffen, dass sie letztlich zum Täter führen könnten. „Sie werden in Italien hergestellt und können nur über den Großhandel bestellt werden“, erklärt der Leiter der Mordkommission.

Kopfzerbrechen bereitet den Beamten weiterhin die Frage, wann der Täter die Leiche der 24-Jährigen unter der Legionsbrücke ablegte, wie lange die Müllsäcke dort lagen, bis sie entdeckt wurden. Vermutlich schaffte er sie mit einem Schlitten oder Schubkarren dorthin. Dass zu diesem Zeitpunkt kein Blut mehr aus den Gefäßen floss, deutet darauf hin, dass der Körper aufgrund der winterlichen Temperaturen bereits gefroren war. Das wiederum würde bedeuten, dass der Täter den Leichnam an einem anderen Ort zwischenlagerte. Zweifelsfrei ist, dass Monika P. unter Drogen stand, als sie starb. In ihrem Blut fanden Rechtsmediziner Spuren von Kokain. „Die Droge ist innerhalb einer halben Stunde nach Einnahme nicht mehr nachweisbar. Monika P. muss also direkt nach dem Konsum getötet worden sein“, sagt Nöltker. Die Frage bleibt: von wem?

Vivien-Marie Drews


Der Fall Monika P.

Der Mordfall Monika P. hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Eine Chronik der Ereignisse:

4. Januar: Spaziergänger stoßen unter der Legionsbrücke in Linden auf zwei blaue Müllsäcke und verständigen die Polizei. Die Ermittler öffnen die Säcke und finden darin Teile einer weiblichen Leiche. Einen Tag später ist die Getötete anhand eines auffälligen Blumentattoos identifiziert. Seitdem ermittelt die Mordkommission „Rose“ im Fall Monika P. Wenige Stunden zuvor hatte die Mutter der jungen Frau bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgegeben.

8. Januar: Fahnder durchsuchen das Faust-Gelände und nehmen mehrere Gegenstände mit. Spürhunde hatten die Ermittler zu dem Veranstaltungsort geführt. Die Analyse der Fundstücke verläuft negativ.

10. Januar: Kriminaltechniker finden an den Müllsäcken, in denenen die Leichenteile verpackt waren, DNA-Spuren, die nicht vom Opfer stammen.

26. Januar: Die Mordermittler gehen in die Öffentlichkeit. Am Lindener Markt und am Fundort der Leiche verteilen die Polizisten Handzettel mit einem Foto von Monika P. Außerdem wird eine Belohnung von 3000 Euro für Hinweise ausgesetzt, die zur Ergreifung des Täters führen.

21. März: 1105 Männer aus Linden sind dazu aufgerufen, sich freiwillig an dem erstmals in der Geschichte Hannovers durchgeführtem Massengentest zu beteiligen. Bislang wurde dabei keine Übereinstimmung mit den Spuren an den Müllsäcken gefunden.

15. September: Der Fall Monika P. wird in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ einem Millionenpublikum vorgestellt. Abermals gehen nur wenige neue Hinweise bei der Mordkommission ein. Eine heiße Spur fehlt allerdings bis zum heutigen Tag.

tm

Mehr zum Thema

Trotz eines Massengentests und einer Fernsehfahndung ist der grausame Mord an Monika P. vor einem Jahr in Hannover noch ungeklärt. Die zerstückelte Leiche der 24-Jährigen war am 4. Januar in Plastiksäcke verpackt am Ufer der Ihme von Spaziergängern entdeckt worden, Kopf und Arme blieben verschwunden.

02.01.2011

Mit einem aktuellen Bild hofft die Polizei Hannover auf neue Zeugenhinweise zu der tot aufgefundenen 24-jährigen Monika P.

07.01.2010

Im Fall der getöteten Monika P. suchen die Ermittler der Mordkommission „Rose“ nun mit Hilfe eines aktuellen Fotos weitere Zeugen. Die Aufnahme der 24-Jährigen ist am Silvesterabend entstanden – nur wenige Stunden vor ihrem Verschwinden.

Vivien-Marie Drews 07.01.2010
Vivien-Marie Drews 03.01.2011
02.01.2011