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Aus der Stadt Digitalisierung zwingt Filmvorführer zur Umschulung
Hannover Aus der Stadt Digitalisierung zwingt Filmvorführer zur Umschulung
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00:15 06.01.2013
Von Bärbel Hilbig
Foto: Volker Berner arbeitet seit 15 Jahren als Filmvorführer im Cinemaxx. Jetzt muss er über seine Zukunft nachdenken.
Volker Berner arbeitet seit 15 Jahren als Filmvorführer im Cinemaxx. Jetzt muss er über seine Zukunft nachdenken. Quelle: Emine Akbaba
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Hannover

Über seinen Beruf macht sich Filmvorführer Volker Berner keine Illusionen. „Klar, dass der wegbricht, wie früher der Schriftsetzer. In ganz Deutschland, und weltweit.“ Berners Arbeitgeber, das Cinemaxx in Hannover, ist nicht der einzige Kinobetreiber, der auf Vollautomatisierung setzt. Wenn alle Säle mit Projektoren für Digitalfilm ausgerüstet sind, sollen die Filme als nächster Schritt per Internet übermittelt und von der Zentrale in Hamburg aus gesteuert werden.

Berner hat schon von Kollegen aus anderen Städten gehört, die zum Altenpfleger umgeschult haben oder ins Büro ihrer Kinokette wechselten. Im Cinemaxx Nikolaistraße war im Gespräch, ob einer der Filmvorführer zum Haustechniker umschult. „Der könnte sich dann eventuell am Rande noch um die Vorführung kümmern“, sagt Berner, der einst Gärtner gelernt hat. Später, als Gartenbaustudent, kam er übers Jobben ins Cinemaxx, zunächst als Aushilfe im Service. Später leitete er den Bereich und bewarb sich schließlich, vor rund 15 Jahren, als Vorführer. Doch jetzt liegen Gespräche über Fortbildungen auf Eis, weil die Zukunft des Hauses in der Nikolaistraße noch ungeklärt ist. Der Mietvertrag läuft Ende August aus und der Hausbesitzer, Kinokönig Hans-Joachim Flebbe, könnte ja auch selbst Interesse entwickeln.

Bislang hat Berner, wie die anderen Vorführer in Vollzeit, das Angebot bekommen, in den geringer bezahlten Service zu wechseln, bei „abschmelzendem“ Gehalt. Der 50-Jährige würde dann wohl lieber ganz die Branche wechseln. „Dabei hänge ich schon an der Arbeit.“ Anders als so manchem seiner cineastischen Kollegen geht es ihm dabei weniger um den Inhalt der Filme, die er sowieso nicht mitverfolgen kann, wenn etliche Projektoren gleichzeitig zu überwachen sind. „Mich interessiert, welche Art von Kopie ich vor mir habe, damit ich alles gut einstelle und die Vorstellung glatt läuft.“ So ging es ihm auch bei der mit viel Medienrummel begleiteten Mitternachts-Preview von „Herr der Ringe 1“. Der Perfektionist geht schon heute privat kaum ins Kino. „Wenn die Ausleuchtung nicht stimmt oder es Laufstreifen gibt, fällt mir das sofort auf, und das nervt.“

Doch solange bei ihm die Geräte für die Zelluloidfilme gleichmäßig rattern, ist alles in Ordnung. Falls nicht, kann Berner notfalls Schräubchen austauschen. Die Projektoren mit Digitaltechnik dagegen geben bereits heute automatisch viele Meldungen, zum Beispiel über die Betriebsstunden jedes einzelnen Einbauteils. „Da könnte auch jemand in Hamburg entscheiden, dass er mal einen Tag zur Wartung der Geräte nach Hannover kommt.“ Und bei einer plötzlichen Panne während der Aufführung müsste der Mensch in der Zentrale, bei dem die Störmeldung eingeht, schnell einen Mitarbeiter vor Ort alarmieren.

Doch zumindest das Kommunale Kino Koki wird weiter Vorführer beschäftigen. „Wir werden dann mit unseren unterschiedlichen Vorführgeräten wirklich zu einem Filmmuseum“, sagt Leiter Sigurd Hermes. Seit acht Jahren setzt das Koki Digitaltechnik ein, voraussichtlich im Sommer wird sie auf den neuen Stand umgerüstet. „Aber wir bieten alle analogen Formate weiter an. Viele Filmklassiker auf Zelluloid werden nie nachträglich digitalisiert werden.“ Die Kosten dafür wären nach Hermes Einschätzung viel zu hoch. Neue Filme dagegen, die das Koki ebenfalls zeigt, wird es in einigen Jahren nur noch digital geben.

In den Filmkunstkinos am Raschplatz soll ebenfalls auf die neue Digitaltechnik umgestellt werden. Der technische Leiter Wolfram Barwicki geht aber davon aus, dass dort zumindest manchmal noch analoge Filme aus Kinoarchiven laufen werden. „In den Schulkino­wochen zeigen wir oft Filmklassiker, und auch für das Cinema Français brauchen wir die Möglichkeit, Zelluloid abzuspielen.“ Ganz auf den Filmvorführer wird man also nicht überall verzichten können.

Kleine Kinos unter Zugzwang

Die Cinemaxx-Kinos in Hannover wollen in der Digitalisierung einen Schritt weitergehen und damit Personal einsparen. Bisher werden digitale Filme per Festplatte versandt und abgespielt, zum Teil laufen auch noch analoge Filme auf Spulen. In Zukunft werden nur noch digitale Filme per Netz eingespeist. Die Einspielung von Werbeblöcken und der Filmstart können entweder vor Ort oder in der Zentrale in Hamburg gesteuert werden. Im Konzern wird außerdem überlegt, neben Filmvorführern auch Personal an Kassen und Getränketresen weiter zu reduzieren. Bereits jetzt gibt es Automaten, an denen Kunden Karten abholen, Gutscheine oder Getränke kaufen können. Die kleineren Kinos in Hannover stehen unter Zugzwang. Alle wollen ihre digitale Abspieltechnik nachrüsten, um Digitalfilme in Hollywood-Norm spielen zu können. Der neue Standard erfordert Investitionen, die die Häuser allein meist nicht tragen können. Vorteile bringt die Digitaltechnik für Produzenten und Verleiher: Sie sparen Kopier- und Versandkosten.bil

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Andreas Schinkel 04.01.2013