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Aus der Stadt Zu braun für einen Straßennamen
Hannover Aus der Stadt Zu braun für einen Straßennamen
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00:15 13.07.2013
Von Klaus Wallbaum
Um seinen Namen ist ein Streit entbrannt: Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz vor dem niedersächsischen Landtag in Hannover.
Um seinen Namen ist ein Streit entbrannt: Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz vor dem niedersächsischen Landtag in Hannover. Quelle: Frank Radel
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Hannover

Am Ende könnte Hinrich Wilhelm Kopf, der erste Ministerpräsident Niedersachsens, posthum ein Zeugnis ausgestellt bekommen: 15 Punkte für seine Leistung zum Aufbau Niedersachsens, 14 Punkte für seine Rolle als einer der Gründerväter der Bundesrepublik, 0 Punkte für sein dubioses Wirken während der Zeit des Nationalsozialismus – und noch einmal 0 Punkte wegen fehlender Reue. Das klingt kühl und unpersönlich – aber vielleicht ist es gar nicht anders möglich, die historische Bedeutung des vor mehr als 50 Jahren gestorbenen Sozialdemokraten möglichst nüchtern einzuschätzen.

Diese Gewichtung nämlich erwarten der Landtag und die Landesregierung dringend. Seit vor wenigen Wochen die junge Göttinger Wissenschaftlerin Teresa Nentwig eine neue Biografie über Kopf vorgelegt hat, sind die Politiker irritiert. Taugt Kopf, der jahrzehntelang verehrte Landesgründer, noch als politisches Vorbild? Dürfen nach ihm weiter Straßen, Plätze und Schulen benannt werden? Einerseits war er die große Integrationsfigur der Nachkriegszeit. Aber Nentwig hat detailliert herausgearbeitet, dass Kopf zu NS-Zeiten mitgeholfen hat, jüdisches Eigentum in Polen zu enteignen und die Betroffenen in die Enge zu treiben. Er war damit ein Rad im Getriebe des Unrechtsregimes. Die Zwiespältigkeit einer Biografie wird in seinem Fall nun besonders deutlich.
Inzwischen richten sich die Blicke auf die „Historischen Kommission“, ein mehr als 100 Jahre altes Gremium, das von ehrenwerten Professoren geleitet wird. Die „Hiko“, wie sie kurz genannt wird, wurde inzwischen vom Ältestenrat des Parlaments mit einem Gutachten beauftragt. Sie soll „das publizistische Echo“ auf die neue Kopf-Biografie analysieren und einen „Katalog von Kriterien erarbeiten, der eine Bewertung der Lebensleistung“ von belasteten Personen erlaubt. Gefordert wird also ein Zeugnis über Kopf, das die Kommission ausstellen soll. Aber sind dafür Historiker die richtigen Ansprechpartner? Gemeinhin hält sich die „Hiko“ in weiser wissenschaftlicher Neutralität mit Werturteilen zurück. In Sachen Kopf liegt ja auch schon alles vor, Licht und Schatten der Persönlichkeit sind in der Biografie umfangreich dargestellt, erforscht werden muss wohl nichts mehr. Es geht jetzt vielmehr um ethische Fragen – und um das Thema, wie die Gesellschaft mit gefallenen Helden umgehen soll.

Dabei kommt den Niedersachsen zugute, dass derzeit bundesweit über solche Themen diskutiert wird – und zwar auf höchst unterschiedliche Weise. Manchmal werden Straßen recht schnell umbenannt, etwa im Fall des früheren Celler Oberbürgermeisters Kurt Blanke. Manchmal zieht sich die Debatte jahrelang hin und scheint zu versanden, etwa in Hannover um den früheren Stadtbaurat Karl Elkart, der – ähnlich wie Kopf, wenn auch in einer anderen Rolle – bei der Enteignung von Juden mitgewirkt haben soll. Der Stadtbezirksrat will einen neuen Namen, doch man hat sich verständigt, einen Rechtsstreit abzuwarten. In einem Gutachten hat der hannoversche Politologe und Jurist Joachim Perels festgestellt, dass die von der Stadt Hannover selbst festgelegten zwei Bedingungen für eine Namensänderung im Fall Elkart zutreffen: Die Tätigkeit des Namensgebers stand im Widerspruch zu den Grundsätzen der Verfassung. Außerdem diente sein Wirken einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit – nämlich der Judenverfolgung. Ob das im Fall Kopf auch so zu sehen ist?

Neben dem sachlichen Grund einer Namensänderung sind auch die Wirkungen zu beachten, die gravierend sein können. Welchen Wirbel so etwas auslösen kann, zeigt ein anderer Fall aus dem nordrhein-westfälischen Münster. Dort ist der zentrale Platz in der Stadt seit 1927 nach dem früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg benannt, Feldmarschall im Ersten Weltkrieg und später Staatsoberhaupt in der Weimarer Republik. Hindenburgstraßen und -plätze gibt es immer noch viele in Deutschland, auch in Hannover. Dem Politiker wird keine Judenverfolgung zur Last gelegt, aber er hat als greiser Mann und Reichspräsident Hitler den Weg zur Macht geebnet – und die Anfänge seiner Gewaltherrschaft abgesegnet.
Im März 2012 entschied eine Mehrheit des Rates in Münster, den fraglichen Platz künftig „Schlossplatz“ zu nennen. Dagegen aber bildete sich eine Bürgerinitiative, sammelte Unterschriften und erzwang im September einen Volksentscheid. Das Thema erregte bundesweit Interesse. Am Ende sprach sich eine Mehrheit von fast 60 Prozent gegen die Rückbenennung und damit gegen den Namen Hindenburgplatz aus.

In der Debatte hatten die Hindenburg-Befürworter jedoch ein wichtiges Argument – Straßennamen seien, wenn sie schon lange bestehen, „Teil der Erinnerungskultur“ einer Gemeinschaft. Es gehe also weniger um die Ehrung des Namensgebers, sondern um die Tradition der  Stadt. Vermutlich aus diesem Grund gibt es heute in der früheren DDR noch viele zentrale Straßen, die nach früheren KPD-Größen benannt sind, die auch als demokratische Vorbilder nicht taugen.

Streit um Namen tobt vielerorts

Überall in Niedersachsen wird engagiert diskutiert über das Andenken an frühere Politiker und Militärführer. In Hannover wurden einige Straßen und Plätze, die an frühere Kolonialisten erinnerten, umbenannt. Bei der Elkartallee jedoch, die an den früheren Stadtbaurat Karl Elkart erinnert, ruht die Sache – die Politiker in der Stadt zögern. Man wartet auf die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts in Lüneburg. Dort wehren sich Anwohner einer anderen hannoverschen Straße, der Lettow-Vorbeck-Allee, gegen die Namensänderung in Namibia-Allee. Die Richter prüfen diesen Fall: Darf man sich von Paul von Lettow-Vorbeck, General im Ersten Weltkrieg, dem als Afrika-Feldherr Gräueltaten zugeschrieben werden, distanzieren – auch wenn viele Anwohner der Straße den alten Namen verteidigen wollen? Ist er ein ehrenwerter, international geachteter  Mann oder nicht?

In Celle ging eine Umbenennung ganz zügig vonstatten. 2008 wurde enthüllt, dass der frühere Oberbürgermeister Kurt Blanke im Nationalsozialismus bei der Judenverfolgung in Frankreich mitgewirkt hatte. Wenige Monate später schon trug eine Straße nicht mehr Blankes Namen. Auch ein anderer früherer OB, Helmuth Hörstmann, wurde belastet. In einer heftigen Debatte darüber, ob auch ein nach ihm benannter Weg einen neuen Namen bekommen soll, wurde ein wichtiges Argument erwähnt: Hörstmann hatte sich nach 1945 nicht klar zu seinen Fehlern bekannt.

In Peine hat der frühere Kultusminister Richard Langeheine gewirkt, eine Straße ist nach ihm benannt. Als der Politologe Stephan Glienke Anfang 2012 in der Untersuchung über die NS-Belastung früherer Landtagsabgeordneter auch Langeheine erwähnte, flammte in Peine kurz eine Diskussion über eine mögliche Umbenennung der Richard-Langeheine-Straße auf. Doch vertieft wurde das nicht – obwohl Langeheine sogar hoher NS-Funktionär im Kreis Stolp in Pommern gewesen war. Sein Neffe Günter Langeheine sagte, sein Onkel habe seine braune Vergangenheit nie verschwiegen, daher sei die Umbenennung nicht gerechtfertigt.

Damit zeichnet sich ab, wie ein Nein zur Umbenennung des Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platzes in Hannovers Innenstadt, direkt am Landtag, begründet werden könnte: Möglich wäre, auf die Erinnerungskultur zu verweisen – es helfe nicht, Kopfs Name aus dem Stadtbild zu tilgen, denn er gehöre zur Geschichte Niedersachsens und Hannovers. Möglich wäre dann, mit einem Hinweisschild unter dem Straßenschild über die zwiespältige Rolle Kopfs aufzuklären.

Wenn man aber doch bei der Persönlichkeit Kopfs ansetzen will, wird es schwierig: Nach 1945 hat er über seine Rolle in der NS-Zeit geschwiegen und auch falsche Angaben gemacht. Ein Bekenntnis zu eigenen Fehlern hat er nicht abgegeben – das belastet ihn heute umso mehr und ist ein wichtiges Argument derer, die für die Umbenennung sind. Will man nun die Leistungen Kopfs nach 1945 höher bewerten als seine Verwicklung ins NS-System? Der Auftrag des Ältestenrates an die „Hiko“ hat den Anschein, als ob über Kriterien festgestellt werden könnte, was höher gewichtet werden soll. Der Politologe Stephan Glienke, der eine Untersuchung über die NS-Belastung der früheren Landtagsabgeordneten geschrieben hat, warnt vor einem solchen Versuch: „Kopf kann als Politiker nicht getrennt vom Verwalter des enteigneten Vermögens für das NS-Regime gewertet werden.“

Unterdessen hat die politische Debatte über den Umgang mit Kopf schon begonnen, wenn auch auf kleiner Flamme. Der Journalist Rolf Zick (92), der Kopf noch als Berichterstatter begleitet und damals als „größte politische Leitfigur der Nachkriegszeit in Niedersachsen“ geschätzt hat, warnt heute vor „emotionalen politischen Schnellschüssen“. Im Kontrast dazu steht Jürgen Gansäuer, früherer Landtagspräsident. Die Konsequenzen aus den neuen Erkenntnissen über Kopf dürften „nicht ausgesessen, sondern sie müssen beantwortet werden“, fordert er im Mitteilungsblatt „Rundblick“. Kopf, sagt Gansäuer, könne kein Vorbild für junge Menschen mehr sein – deshalb müsse der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz künftig einen anderen Namen bekommen.

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