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Aus der Stadt Seit 64 Jahren immer wieder straffällig
Hannover Aus der Stadt Seit 64 Jahren immer wieder straffällig
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00:15 19.04.2015
Von Michael Zgoll
Mehr „drin“ als „draußen“: Wilhelm P. (80 Jahre alt) hat mehr als 50 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht.
Mehr „drin“ als „draußen“: Wilhelm P. (80 Jahre alt) hat mehr als 50 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Quelle: dpa
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Hannover

Amtsrichterin Gesine Irskens verurteilte den Senior mit dem Goldkettchen für zwei Taten, ein Delikt zeugt von besonderer Unverfrorenheit. Denn einen Kosmetika-Diebstahl in einem Herrenhäuser Drogeriemarkt beging P. im Oktober 2014 einen Tag nach einem Gerichtstermin, bei dem er Irskens Besserung gelobt hatte. Am Donnerstag verurteilte ihn die Richterin wegen Vortäuschens einer Straftat und Diebstahls zu einer weiteren Haftstrafe von sechs Monaten ohne Bewährung. Die Bewegungsmöglichkeiten des Senior-Straftäters sind aber ohnehin eingeschränkt: Seit drei Monaten bindet ihn eine elektronische Fußfessel an seine Wohnung in Stöcken.

Rund 20 Vorstrafen hat Wilhelm P. aufzuweisen. Er wurde wegen Diebstählen und Betrügereien verurteilt, aber auch mehrfach wegen Körperverletzung und sexueller Nötigung. Die erste Verurteilung datiert aus dem Jahr 1951, zu den besonders grausamen Verbrechen zählt die Vergewaltigung einer Schwangeren. Gutachter bescheinigten ihm ausgeprägte Verantwortungslosigkeit, voyeuristische Neigungen und eine dissoziale Persönlichkeitsstörung.

Nach seinen Entlassungen wurde P. oft schnell wieder straffällig, die erste Sicherungsverwahrung von mehreren derartigen Sanktionen folgte in den Sechzigerjahren. 2011 monierte das OLG Celle, dass die Sicherungsverwahrung für den damals 76-Jährigen unangemessen sei und unverhältnismäßig lange gedauert habe. Er wurde entlassen, bekam mehrere zehntausend Euro Entschädigung zugesprochen – und geriet 2012 als messerschwingender Spanner an der Medizinischen Hochschule Hannover erneut ins Visier von Polizei und Justiz.

Ein Teilbetrag dieser Entschädigung von knapp 37.000 Euro spielte im gestrigen Verfahren eine Rolle. Denn im Januar 2014 war P. mit einer abenteuerlichen Geschichte bei der Polizei aufgekreuzt: Ein Makler, mit dem er in einem Café am Springhorstsee über den Kauf einer Wohnung ins Gespräch gekommen sei, habe ihm einen Umschlag mit 37.000 Euro entwendet. Was P. übersah: Das Café war zum behaupteten Tatzeitpunkt wegen Renovierung geschlossen.  

Tatsächlich habe P. die Haftentschädigung, so Verteidigerin Susanne Frangenberg, für Zahlungen an Anwälte, Gerichte und private Schuldner verbraucht. Die Idee des vorgetäuschten Diebstahls sei aus „purer Verzweiflung“ erwachsen. Die Anwältin erwähnte auch, dass sie Verfassungsbeschwerde eingelegt habe, weil die Fußfessel ein unverhältnismäßiges Instrument sei, das gegen die Menschenwürde von P. verstoße. Die Verurteilung zu weiteren sechs Monaten Haft konnte sie allerdings nicht verhindern.

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