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Aus der Stadt Ehepaar übergibt der HAZ Ausgabe von „Der lustige Hannoveraner“
Hannover Aus der Stadt Ehepaar übergibt der HAZ Ausgabe von „Der lustige Hannoveraner“
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13:54 01.12.2012
Von Simon Benne
"Ein echter Volltreffer": Beate und Hermann Ehbrecht übergaben den Band an HAZ-Chefredakteur Matthias Koch (r.).
"Ein echter Volltreffer": Beate und Hermann Ehbrecht übergaben den Band an HAZ-Chefredakteur Matthias Koch (r.). Quelle: Surrey
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Der Schatz war fast schon in Vergessenheit geraten. Dann, bei einem Umzug, entrümpelten Beate und Hermann Ehbrecht Keller und Dachboden - und das dicke Buch kam wieder ans Licht. „Im Krieg war meine Familie ausgebombt, dann kam die Hochwasserkatastrophe 1946 - doch dieser Band hat alles überstanden“, sagt Hermann Ehbrecht. Sein Großvater, ein Lohnmaurer vom Eichsfeld, der in der Südstadt lebte, hatte das Buch einst binden lassen. Dutzende Ausgaben des Satireblattes „Der lustige Hannoveraner“, erschienen zwischen 1904 und 1907, hatte er dafür gesammelt.

Die Hefte sind eine echte Rarität, denn gerade diese ersten Ausgaben des „Lustigen Hannoveraners“ haben sich in keinem Archiv und keiner Bibliothek erhalten. „Der Fund ist wirklich ein Volltreffer“, sagt Matthias Koch. Das Döhrener Ehepaar hat die Hefte dem HAZ-Chefredakteur jetzt übergeben. Sie sollen künftig im HAZ-Archiv verwahrt werden. „Wir wollen, dass sie zu ihren Ursprüngen zurückkehren“, sagt Beate Ehbrecht. Denn einst erschien das Witzblatt, das über Jahrzehnte ein wenig Humor in den hannoverschen Alltag brachte, als Beilage des „Hannoverschen Anzeigers“ - des Vorgängers der HAZ.

Es ist ein Vergnügen, in dem Band zu blättern, denn das Witzblatt von damals ist heute ein Zeitdokument, das für Historiker viele kleine Trouvaillen bereithält. Prächtige Farbzeichnungen schmücken die Titelblätter. Es gibt Karikaturen und Kurzgeschichten, Witze und Gedichte. Illustrationen zeigen Herren mit Zylinder und Frauen mit ausladenden Hüten. Es sind heitere, manchmal sogar freche Impressionen aus dem alten Hannover, das noch keinen Weltkrieg gesehen hatte.

Schon die „Probenummer“ hatte 1904 eine Karikatur von Stadtdirektor Heinrich Tramm auf dem Titelbild. In Admiralsuniform posiert dieser vor dem „Masch-See“ - eine ironische Spitze auf die Pläne zur Anlage des künstlichen Sees, die es schon damals gab. Der 1936 eröffnete Maschsee ist eben mitnichten eine Erfindung der Nazis.

Der Bau des Goseriedebades, der Eilenriedebummel, das Schützenfest - der „Lustige Hannoveraner“, benannt nach dem populären Marschlied, witzelte bevorzugt über hannoversche Themen. Beispielsweise über den neuen „Straßenbahn-,Schnell‘-Zug“ von Hannover nach Hildesheim. Da sagt der Schaffner in Sarstedt zum Landbriefträger: „Nu, Hinrich, heute nich mit?“ Antwort: „Nee, heute muß ich laufen - ich hab’n Eilbrief!“ Zum Personal der (heute oft etwas verstaubt wirkenden) Witze zählten schnarrende Unteroffiziere auf dem Waterlooplatz, schneidige Schutzmänner und die Damen des Großbürgertums. „Der lustige Hannoveraner“ ist ein Spiegelbild der Kaiserzeit. Und die aufwendig gemachte Beilage erzählt von einem Stück Mediengeschichte.

Der „Hannoversche Anzeiger“ war 1904, elf Jahre nach seiner Gründung, in Bedrängnis geraten. Sein beliebtester Autor (und zeitweiliger Chefredakteur) Hermann Löns, der als „Fritz von der Leine“ glänzende Glossen schrieb, hatte gekündigt. Und mehr noch: Der berühmte Schriftsteller hatte überdies ein Konkurrenzblatt aus der Taufe gehoben. Verleger August Madsack reagierte auf den wachsenden Druck im Zeitungsgeschäft, indem er investierte. Er startete eine Qualitätsoffensive. „Der ,Anzeiger‘ begann, spezielle Bedürfnisse der Leserschaft gezielt zu bedienen und seine Verbundenheit mit der Stadt zu betonen“, sagt der Historiker Jens Flemming, der sich mit der Geschichte hannoverscher Zeitungen beschäftigt.

Madsack stellte Personal ein. Mit dem Fortsetzungsroman „Der Fund in der Eilenriede“ von Carl Crome-Schwiening sprach er die lokale Leserschaft an. Neue Beilagen wie das „Hannoversche Familienblatt“ und die „Jugend-Zeitung“ für Kinder setzten auf Nähe zur Lebenswelt der Leser. Die Rubrik „Frauensorgen“ wurde ebenfalls zur regelmäßig erscheinenden Beilage ausgeweitet. Für Frauen (mit Abonnementnachweis) gab es in der Redaktion außerdem jeden Mittwoch Sprechstunden „zur Ertheilung juristischen Rathes“. Und um die gute Laune der Leserschaft zu heben, ließ Madsack von 1904 an in Berlin eben den „Lustigen Hannoveraner“ drucken - in einer wöchentlichen Stückzahl von 100000 Exemplaren.

Leser konnten die Witzbeilage auch separat erwerben. Für Abonnenten ließ sich der Verlag ein etwas makaberes Schmankerl einfallen: Jeder Abonnent war gegen tödlichen Unfall mit 500 Mark versichert. Hinterbliebene mussten allerdings jeden Todesfall binnen 48 Stunden beim „Anzeiger“ melden. Ausnahmen galten für „Tierbändiger, Luftschiffer, Seiltänzer und Akrobaten“. Auch so ungewöhnliche Dinge wie „Automobilunfälle“ waren nicht versichert.

August Madsacks Strategie hatte Erfolg. „Der lustige Hannoveraner“ kam gut an, die Auflage des „Anzeigers“ stieg. Schon Ende 1904 knackte sie die Grenze von 100000 Exemplaren. Das von Hermann Löns gegründete Konkurrenzblatt konnte Madsack schließlich aufkaufen, mitsamt den Rechten am Titel. Als sein Sohn Erich Madsack fast ein halbes Jahrhundert darauf, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem Ende des „Anzeigers“, eine neue Tageszeitung in Hannover auf den Markt brachte, ließ er den Namen des einstigen Löns-Blattes 1949 wieder aufleben. Titel: „Hannoversche Allgemeine Zeitung“.

Veronika Thomas 01.12.2012
Juliane Kaune 01.12.2012
Sonja Fröhlich 30.11.2012