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Aus der Stadt Ein Job und drei Zimmer
Hannover Aus der Stadt Ein Job und drei Zimmer
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00:16 27.01.2014
Von Gunnar Menkens
Die Rumänin Alina Predica hat den Sprung zu einem Leben mit festem Job und Drei-Zimmer-Wohnung geschafft. Dennoch begegnen ihr die Deutschen nach wie vor „nicht nett“, wie sie sagt.
Die Rumänin Alina Predica hat den Sprung zu einem Leben mit festem Job und Drei-Zimmer-Wohnung geschafft. Dennoch begegnen ihr die Deutschen nach wie vor „nicht nett“, wie sie sagt. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Alina Predica lebte noch nicht lange in Hannover, als sie begann, öfters zur St.-Clemens-Kirche zu gehen. Nicht, weil sie die Predigten so interessant fand. Sie kam, um vorm Kirchentor auf Gottesdienstbesucher zu warten, und sie hoffte auf die Güte der Gläubigen. Alina Predica aus Rumänien ging zur Kirche, um zu betteln. Es hat ihr nichts ausgemacht, sagt sie, es war wie Arbeit. Sie war knapp 25 Jahre alt, eine junge Mutter, man sah ihr die Armut an. Und auch wenn sie die Kirchgänger nicht aggressiv anging, benahm sich Alina Predica doch so, wie sich viele Menschen Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien vorstellen: als Bettlerin.

Die Geschichte der Rumänin nahm dann eine andere Wendung. Es ist eine Geschichte, die für Klischees keinen Platz lässt, denn Alina Predica, mittlerweile 27, versucht, der Armut aus eigener Kraft zu entkommen. Sie fleht niemanden mehr um Geld an, sie hat eine Arbeit gefunden, sie lernt Deutsch, und es ist ihr wichtig, dass ihre Töchter und Söhne in Schule und Kita gehen. Aber ohne Hilfe wäre ihr dieser Weg kaum möglich gewesen.

Die Rumänin ist eine groß gewachsene Frau, die dunklen Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden. Für kalte Wintertage wie diese wünschte man ihr wärmere Kleidung. Sie spricht leise und zurückhaltend. Vor drei Jahren verließ Alina Predica ihre Heimat, zuerst ging es nach Spanien. Das ist für Rumänen ein naheliegender Schritt, weil viele die Sprache verstehen, so war es auch bei ihr. Aber die Hoffnung auf Arbeit erfüllte sich nicht. Das Land steckte selbst in einer Krise.

Sie entschloss sich, nach Deutschland zu gehen. In Hannover lebt eine Verwandte, hier würde sie unterkommen, und wenn es erst einmal nur dieses eine Zimmer war. Später heiratete Alina Predica einen Roma und lebt heute mit ihrer Familie in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Viel Platz gibt es nicht. Arbeit zu finden blieb schwer, denn deutsche Arbeitslose hatten bis zum vergangenen Jahr Vorrang bei der Stellenvergabe. Das hat sich seit Januar geändert. Seit wenigen Wochen arbeitet sie bei einer Reinigungsfirma. Jeden Nachmittag putzt sie nun, angestellt mit einem richtigen Arbeitsvertrag und bezahlt nach einem Stundensatz, der sogar über dem Mindestlohn liegt. Sie hat alles dokumentiert und in einer Mappe gesammelt.

Der Alltag in der Stadt, die Blicke auf der Straße, daran hat sich für sie dennoch nichts geändert. Fragt man Alina Predica, wie Menschen ihr begegnen, schüttelt sie den Kopf. „Nicht nett“, sagt sie, „nein, nicht nett.“ Und manchmal im Wortsinn nicht der Rede wert. Als sie einmal mit Bauchschmerzen in ein Krankenhaus kam, brach das Personal die Behandlung ab. Sprachschwierigkeiten, hieß es. Niemand redete mit der begleitenden Dolmetscherin. Vielleicht fürchtete die Klinik, auf den Behandlungskosten sitzen zu bleiben. In Warteräumen sozialer Einrichtungen, wo sich Obdachlose, Hungrige und Kranke begegnen, kommt es vor, dass Notleidende sich vordrängeln, ohne ihren Protest zu beachten. Eine Geringschätzung, die sie sich nicht mehr gefallen lassen will.

Stefanie Ganser hört solche Geschichten immer wieder. Sie arbeitet in der Straßenambulanz der Caritas, und wer hierher kommt, hat Hilfe wirklich nötig. Roma, oder Menschen, die dafür gehalten werden, stehen ganz unten in der Hackordnung. „Selbst hier“, sagt die Ärztin. „Selbst hier werden sie schief angesehen.“

Ohne Hilfe der Caritas hätte es Alina Predica erheblich schwerer gehabt in Hannover. Die vielen Behörden, die Krankenkasse, Anträge, Nachfragen, Sprachprobleme - das Beharren und der Einsatz von Stefanie Ganser waren nötig, um doch noch eine Arbeit zu finden und einen Weg, der vielleicht in eine gute Zukunft führt.

Das ist die eine Seite der Geschichte von Armutseinwanderern in Hannover. Rumänen und Bulgaren, von denen die Stadtverwaltung noch deutlich mehr fürchtet, seit auch für diese EU-Bürger Freizügigkeit gilt. Oberbürgermeister Stefan Schostok gab öffentlich die Richtung vor: Man werde helfen, dürfe aber keine Illusionen schüren. Sozialdezernent Thomas Walter sprach davon, dass „Anstrengungen wie noch nie“ nötig seien, um die Menschen zu integrieren, die derzeit in der Stadt lebten.

Schon jetzt ist die Lage schwierig. Zuwanderer leben oft in Häusern, die auf dem normalen Markt kaum zu vermieten wären. Mitten im Zentrum steht so ein Haus. Wände und Türen sind mit Graffiti beschmiert, die Fenster haben keine Gardinen, vereinzelt schützt Zeitungspapier notdürftig vor Zug. An Briefkästen stehen manchmal Namen, oft nicht, viele sind kaum zu lesen. Klingelschilder gibt es nicht. Die Stadt geht davon aus, dass Wohnungen in solch heruntergekommenen Häusern oft überbelegt sind und Miete, ohne Vertrag, bevorzugt in bar kassiert wird. Oft sollen Türken die Besitzer sein. Obdachlose Zuwanderer leben in städtischen Unterkünften, 140 Rumänen und Bulgaren sind es im Januar. Manchmal weit weg vom nächsten Lebensmittelladen. „Fürchterliche Verhältnisse“, sagt ein Verwaltungsmitarbeiter.

Viele Einwanderer haben auf dem regulären Arbeitsmarkt wenig Chancen. Meist fehlen ihnen Deutschkenntnisse, Männer kommen oft bei türkischen Geschäftsleuten als Subunternehmer unter. Aber wer auf Zeitarbeit wartet, hat keine Zeit für Sprachkurse. Unter den Prostituierten steigt die Zahl von Frauen aus Südosteuropa.

An den Schulen stellen Lehrer fest, dass Kinder und Jugendliche der Zuwandererkinder nicht lesen und schreiben können, in überfüllten Deutsch-Kursen bemühen sich Lehrer um diese Schüler. Wenn sie denn kommen: Manches Kind erscheint nicht mehr im Unterricht, sobald die Eltern eine Schulbescheinigung haben - der Schulpflicht zum Trotz. Kliniken bleiben oft auf Behandlungskosten sitzen, weil Krankenversicherungen fehlen. Das Friedrikenstift bekam für 330 Geburten nur von einem Drittel der Familien Geld. Und manchmal strapazieren Roma die Geduld derjenigen, die ihnen helfen wollen, schon sehr. Eine Gutscheinaktion für Babynahrung und Windeln wurde eingestellt, weil in den Läden plötzlich viel gestohlen wurde.

Ganser, die Caritas-Ärztin mit dem großen Herz, führt solche Diebstähle auf die extreme Armut zurück, die diese Menschen in ihrer Heimat erlebt haben. Für sie kann es nur einen Weg geben: „Wenn man den Menschen mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet, lässt sich auch Integration auf den Weg bringen.“ Kinder fördern, Eltern in Sprach- und Integrationskursen helfen, Arbeitsplätze finden, einen langen Atem haben. So, glaubt sie, kann es gehen.

Alina Predica hat sich entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen, weil sie erlebt hat, dass dieser Weg wirklich möglich ist.

Sozialhilfe „auf niedrigem Niveau“

Hannover hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen Zuwachs von Menschen aus Südosteuropa verzeichnet. Nach Angaben der Stadtverwaltung sind in Hannover rund 3900 Rumänen und Bulgaren gemeldet – 2008 waren es 1100. Gleichzeitig ist die Zahl der Gewerbebetriebe rasant gestiegen, die Zuwanderer angemeldet haben. Selbstständige genießen in der EU Niederlassungsfreiheit, und wenn die Einnahmen aus dem Betrieb nicht zum Leben reichen, stockt das Job-center auf Hartz-IV-Niveau auf. Anspruch darauf haben alle Gewerbetreibenden, ihre Staatsangehörigkeit spielt keine Rolle. Im Januar 2014 sind 917 Unternehmer mit rumänischer oder bulgarischer Herkunft bei der Stadt registriert – Ende 2010 waren es rund 150. Sie arbeiten als Hausmeister, Gebäudereiniger, Fliesenleger und auf dem Bau. Nach Auskunft des Jobcenters stocken im September 80 von aktuell 917 Gewerbetreibenden Einkünfte mit Hartz IV auf. Oberbürgermeister Stefan Schostok hatte im Dezember angekündigt, dass die Stadt verstärkt beobachte, ob ein Gewerbe tatsächlich ausgeübt wird oder nur als „Schlupfloch“ diene, um soziale Leistungen zu kassieren. Tatsächlich haben Kontrolleure der Stadt mitunter den Verdacht, dass es nicht darum geht, einen Beruf wirklich auszuüben. Sie sehen nach, wenn ein Anmelder in Häusern lebt, die der Stadt als überbelegt bekannt sind. Ist die Adresse eine städtische Unterkunft, sehen Fahnder nach, ob Lagerflächen für Arbeitsmaterial vorhanden ist. Misstrauisch werden Prüfer auch dann, wenn der potenzielle Unternehmer mit bestens informierten Dolmetschern zum Anmeldetermin erscheint, sich selbst aber kaum verständigen kann. Fehlen dann noch Ideen fürs geplante Geschäft und Vorstellungen, wie Kunden zu gewinnen sind, steigt der Verdacht, dass das, meist unqualifizierte und nicht überwachungspflichtige Gewerbe, nur zum Schein angemeldet werden soll – oder, um als billige Scheinselbstständige für einen Auftraggeber zu arbeiten. Allerdings führt die Stadt keine Statistik darüber, wie viele Anträge nach Kontrollen abgelehnt wurden. Ein Sprecher sagte, dass „in den vergangenen zwei Jahren kein formelles ?Gewerbeuntersagungsverfahren durchgeführt wurde“. Wie die Zahl der Selbstständigen steigt auch die Zahl von Rumänen und Bulgaren, die Hartz IV beziehen. Im September 2013, der aktuellsten Auswertung des Job-centers, erhielten 862 Einwanderer Hartz IV oder Sozialgeld – 240 mehr als ein Jahr zuvor. Heute bekommen 638 Menschen Hartz IV, 201 Beschäftigte stocken ihr Gehalt auf, wie auch, siehe oben, 80 Selbstständige. Laut Statistik sind derzeit 0,77 Prozent aller insgesamt fast 83?000 Hartz-IV-Bezieher rumänische und bulgarische Staatsbürger. Michael Stier, Geschäftsführer des Jobcenters Region Hannover, kommentierte diese Entwicklung so: „Es ist ein Anstieg der Leistungsberechtigten festzustellen, allerdings bleiben die Zahlen bislang auf einem niedrigen Niveau. EU-Bürger aus Bulgarien und Rumänien machen weniger als ein Prozent der Leistungsberechtigten aus.“

Veronika Thomas 27.01.2014
Klaus Wallbaum 24.01.2014