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Aus der Stadt Ein Kaddisch für die Toten
Hannover Aus der Stadt Ein Kaddisch für die Toten
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19:48 09.11.2015
Von Simon Benne
„So etwas darf nie wieder passieren“: Rund 200 Besucher gedachten in der Roten Reihe der Pogromnacht
„So etwas darf nie wieder passieren“: Rund 200 Besucher gedachten in der Roten Reihe der Pogromnacht Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Die schwermütige Melodie schallt über den Friedhof: „El male rachamim“ singt der Chor der Jüdischen Gemeinde unter der Leitung von Naum Nusbaum: „Erbarmungsvoller Gott, in den Höhen thronend, gewähre vollkommene Ruhe unter deinen Fittichen.“ Das hebräische Totengebet erklingt zwischen den Gräbern, während im Herbstwind trockenes Laub von den Bäumen rieselt.

Zum zwanzigsten Mal haben Bundeswehr und jüdische Gemeinde auf dem Friedhof an der Stangriede der gefallenen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkriegs gedacht. Mehr als 761 Angehörige der hannoverschen Gemeinde waren damals für Kaiser und Vaterland in den Krieg gezogen; viele waren von Patriotismus erfüllt und von der trügerischen Hoffnung, dass ihr Einsatz ihnen endgültig gesellschaftliche Anerkennung bringen würde. Die Namen von 125 Gefallenen sind auf Steintafeln in der Predigthalle verzeichnet. Ausgerechnet unter diesem Monument jüdischer Vaterlandsliebe pferchten die Nazis später Juden zur Deportation zusammen.

„In den dunklen Jahren wurde die Erinnerung an die jüdischen Soldaten ausradiert“, sagt Werner Meyer, der die Andachten auf dem Friedhof 1996 initiiert hatte. „Umso wichtiger ist es, heute an sie zu erinnern.“ Vertreter der Bundeswehr legten nach jüdischer Tradition Steine am Denkmal für die Gefallenen nieder: „Auch nach dem Abzug der 1. Panzerdivision wird die Bundeswehr die Ehrung der gefallenen jüdischen Kameraden fortführen“, versprach der Standortälteste Oberst Manfred Schreiber.

Erst in der vergangenen Woche war ein Grab auf dem Friedhof mit einem Hakenkreuz beschmiert worden. Mehrere Butzenscheiben der Predigthalle, in der zurzeit eine Ausstellung an die jüdischen Soldaten erinnert, wurden eingeworfen. „Man erinnert uns hartnäckig daran, wie wichtig es ist, die Erinnerung wachzuhalten“, sagt Arkadiy Litvan vom Vorstand der jüdischen Gemeinde. Er mahnte Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen an. Zugleich müsse es verbindliche Regeln für alle geben: „Wir müssen dafür sorgen, dass diese Menschen unsere Werte achten.“

An der Gedenkstätte an der Roten Reihe erinnerten anschließend etwa 200 Menschen bei einer Kranzniederlegung an die Zerstörung der Synagoge in der Pogromnacht vom 9. November 1938. Kantor Andrej Sitnov sang das Kaddisch, und Schüler der Heisterbergschule in Ahlem legten Blumen nieder. Als würden sie ein Versprechen auf die Zukunft ablegen, lasen die Jugendlichen vor den Holocaust-Überlebenden Ruth Gröne, Salomon Finkelstein und Henry Korman Texte aus den erschütternden Zeitzeugenberichten des hannoverschen Juden Helmut Fürst vor, der nach Riga deportiert worden war.

In der Marktkirche wurde am Sonnnabend der Reichspogromnacht von 1938 und der Zerstörung der Synagogen in Deutschland gedacht.

Vielen Schülern ging die Veranstaltung sichtlich nahe. „Wir haben uns im Unterricht damit beschäftigt“, sagt der 16-jährige Muhammed: „So etwas darf nie wieder passieren.“ Der 18-jährige Hussam hat seine ganz persönliche Lehre aus der Geschichte gezogen: „Wenn jemand einen anderen mit ,Du Jude!’ beschimpft – das geht gar nicht“, sagt er. Die 82-jährige Ruth Gröne hat die Synagoge als Kind noch gekannt; sie erinnert sich daran, dass es hier beim Purimfest Süßigkeiten gab. Dass gerade Schüler hier an das Unrecht der Vergangenheit erinnern, sieht sie mit Freude: „Es ist gut, dass die Jugendlichen den Ort kennen, an dem es passiert ist.“     

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