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Aus der Stadt Selbst der Güllewagen hat Eleganz
Hannover Aus der Stadt Selbst der Güllewagen hat Eleganz
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00:23 13.11.2015
Von Uwe Janssen
Unter dem Grimac 3500 können kleine Autos problemlos parken. Quelle: Surrey
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Hannover

Messe ist Business. Business ist Fachgespräch, Netzwerk, Verhandlung, Vereinbarung, Vertiefung von Geschäftsbeziehungen bei einem Glas Wein. Messe ist aber auch: bunte Hüte, Currywurst, Pommes, Gilde am Mittag und Netzwerken im Brauhaus Ernst August. Jedenfalls diese Messe. Auch das lernt man auf der Fachmesse Agritechnica, wenn man nicht vom Fach ist. Wer vom Fach ist, weiß das.

Vom Fach sind die meisten auf dieser riesigen Landwirtschaftsmesse, die der Cebit längst den Rang abgelaufen hat, sogar in technischer Hinsicht. Sie könnte auch Sähbit, Mähbit oder Muhbit heißen. Alles ist durchdigitalisiert. Maschine denkt, Bauer lenkt. Wer es nicht mehr aushält, stellt sich kurz in Halle 5 vor den 12-PS-Porsche-Traktor von 1956, den die VGH aufgetrieben hat, und atmet durch. Machen einige. Männer. Natürlich.

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Ist ja eine echte Männermesse hier. Gegen die Agritechnica sind Fußballspiele und AC/DC-Konzerte Feministenveranstaltungen. Ein paar Hostessen und wenige Besucherinnen stemmen sich in Halle 9 gegen die Übermacht, da, wo der Versatile 550 den Besucher empfängt. Ein Knickschlepper mit unabhängigen Raupenlaufwerken, sagt der Profi. Ein rotes, panzerartiges Monster, sagt der Laie. Eine Gruppe macht ein Selfie mit dem Versatile, die drei Ostfriesen sind für Landsleute gut am plattdeutschen Hochdeutsch zu erkennen und daran, dass sie viele Sätze mit „oder watt?“ beenden.

Über 2900 Aussteller aus 52 Ländern präsentieren bei der weltweit größten Landtechnik-Messe Agritechnica ihre Traktoren und Landmaschinen. 

Monströse Maschinen gibt es hier so einige, und wenn man nicht wüsste, dass hier der Bauer gemeint ist, könnte das auch eine Requisitenhalle für einen Hochglanz-Endzeitfilm sein. Der knallrote Grimac 3500 beispielsweise hat etwas Saurierartiges. Die Räder sind so hoch, dass man sich unbehelligt überfahren lassen kann. Der Grimac 3500 ist übrigens eine selbstfahrende Feldspritze, was so klar zu sein scheint, dass es auf der Datentafel gar nicht erwähnt ist. Weiß doch jeder. Man sollte sich beim googeln nicht erwischen lassen.

Alles ist groß und bunt und glänzend, viel mehr Glamour strahlt der Genfer Autosalon auch nicht aus, selbst ein Güllewagen hat Eleganz, wenn er geruchlos in einer Halle steht und seine Bestimmung nicht Güllefahren ist, sondern „die leichte Ausbringung Ihres wertvollen Naturdüngers“. Zumal eine Landmaschine mittlerweile nicht nur voller digitaler Technik steckt, sondern auch durch die kreativen Finger von Produktdesignern geht. Der Agrio Dino, kein böser Rapper, sondern eine „kompromisslose tschechische Spritzmaschine“ mit 210 Kilowatt und 6600 Litern Tankinhalt, ist vom Spezialisten Adam Design auf futuristische Feldechse getrimmt worden. George Lucas hätte seinen Spaß daran.

Da tut es gut, das staunende Auge zwischendurch mal auf kleinen Dingen ruhen zu lassen. Zum Beispiel lockt die Fachzeitschrift „Lohnunternehmen“ mit dem Angebot „Jetzt abonnieren – Badehandtuch sichern“. Auf dem grauen Badehandtuch steht in weißer Blockschrift „Lohnunternehmen“. Das hat am Strand nun wirklich nicht jeder.

Und ein „Mais-Maskottchen“ auch nicht. Der mannshohe Gelbling ist optisch eine Mischung aus Spongebob und Bernd, dem Brot, und hüpft beim Pflanzenquiz der Saaten-Union in Halle 8 vor den Kandidaten herum. Frage: Was hat die größten Samen – Wicke, Raps, Klee oder Senf? Alle loggen souverän A ein. „Wicke, ganz klar“, sagt die Moderatorin. Ganz klar. Wer Feldspritze weiß, weiß auch Wicke.

Kleine Checks in Halle 6: Das Restaurant Nelson ist zur Mittagszeit voll ausgelastet, es wird sittsam, aber stetig Bier geordert, nicht jeder Tisch sieht nach einem Geschäftsessen aus. Auch außerhalb der gastronomischen Oasen wird das eine oder andere Pils gelupft, besonders gut ist die Laune bei Gruppen, die sich mit gleichartigen Strohhüten als Mannschaft kenntlich machen.

Auch Gerrit, Thomas und Florian aus dem bayerischen Landsberg sind nicht nur zu Fachgesprächen hier, was schon ihre Krachledernen erahnen lassen. Am Vorabend hat es die angehenden Landwirte ins Brauhaus Ernst August verschlagen. „Und sofort haben wir Leute kennengelernt“, sagt Gerrit, „das gehört eben auch dazu.“ Heute wollen sie es ruhiger angehen lassen. Sie haben eine Wohnung in Wettbergen gefunden, drei Leute, eine Woche, 700 Euro, da kann man in Messezeiten nicht meckern. 

Das können Brian und Joy Lin schon gar nicht. Die beiden freundlichen Herren aus Taiwan sind zum dritten Mal bei der Agritechnica, ihr kleiner Stand für Steuerelemente hinten in Halle 17 fällt kaum auf. Trotzdem wollen sie nicht auf den Messebesuch verzichten. „Wir haben schon jetzt wieder viele Leute getroffen, die wir nicht kannten“, sagt Geschäftsführer Brian Lin, „solche Begegnungen kann das Internet nicht ersetzen.“ Sie haben zwei Fähnchen aufgestellt, ein deutsches und eins aus ihrem Heimatland. Hannover finden beide „very nice“, besonders die Restaurants.

Beim staunenden Laien ist Halle 17 mit seinen Kardangelenkwellen, Turboladern und Kraftstoffpumpen chancenlos gegen die Monstermaschinen in den anderen Hallen. Einzig Achsenhersteller Teknoax sorgt für Aufmerksamkeit: Die Bauteile sind ausnahmslos in grellem Pink gehalten, als ob Barbie beim Streichen der Farbeimer ausgerutscht wäre.

Da können selbst die Herren Schlipsträger nicht mithalten, die nicht selten Krawatten in Standoptik tragen. Grün-orange bei Amazona, grün-grün bei Merlo. Und bei Horn-Technic in Halle 6, wo ein Dinkelschäler vor sich hinrüttelt, tragen sie grün-weiß um den Hals nebst ärmelloser Weste.

Darauf noch ein Gilde.

Technik ohne Tiere

Die Agritechnica deckt zwar den ganzen Landwirtschaftsbereich ab, allerdings der Landtechnik. Tiere gibt es – im Gegensatz zur Eurotier, die im nächsten Jahr wieder nach Hannover kommt – auf dieser Messe nicht zu sehen, weder auf Ausstellerseite, noch an der Leine von Besuchern, denn auch das Mitbringen von Hunden ist verboten.

Die weltgrößte Fachausstellung ihrer Art ist noch bis zu diesem Sonnabend jeweils zwischen 9 und 18 Uhr geöffnet. Die Tageskarten kosten 24 Euro (online 20 Euro), ermäßigt 13 Euro, ein Zweitagesticket kostet 36 (30) Euro, ein Dauerticket 60 (52) Euro, Kinder bis 12 Jahren haben freien Eintritt, es gibt im Convention Center auf dem Gelände eine Kinderbetreuung für Kinder ab 3 Jahren. Weitere Infos: www.agritechnica.com.

lok

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