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Aus der Stadt Ein Stück Kneipengeschichte im Rückspiegel
Hannover Aus der Stadt Ein Stück Kneipengeschichte im Rückspiegel
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00:19 02.04.2015
Von Volker Wiedersheim
Neustart 2013: Tom Fix hat umgebaut.
Neustart 2013: Tom Fix hat umgebaut. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

„Bloß keine Trauergeschichten!“ fordert Holger Metelmann mit Nachdruck, wenn er in diesen Tagen auf den Laden zu sprechen kommt. Er hat dort 1975 als Abiturient angefangen zu zapfen, 1981 übernahm er das Geschäft als Pächter von seinen Chefs, irgendwann erwarb er sogar die Immobilie. Der Laden hat ihn wohl nicht vermögend, aber immerhin wohlhabend gemacht. Und zu einem der umtriebigsten Gastronomen der Stadt - der Typ, der nicht hinterm Tresen bleibt, der eher seltener ein Bier in der Hand, dafür aber immer zehn neue Ideen im Kopf hat. Sentimentalität wegen des Aus im Spiegel? „Neeeee, das war eine tolle Zeit, aber: neeee“, sagt Metelmann.

Bei ihrer Eröffnung hieß die Kneipe noch Gilde-Winkel. Das klingt nach dem Mief der Sechziger. Als aber die Studenten der Pädagogischen Hochschule (PH) nur 200 Meter entfernt anfingen, Haupt und Barthaar wachsen zu lassen und Pullover selbst zu stricken, da ist eine Gastronomentruppe um Winfried Kirchner auf die Idee gekommen, den Laden zu übernehmen und nach der bevorzugten Lektüre der Studentenschaft zu benennen. Die Wanddekoration bestand aus gerahmten Magazintiteln. Falsche Hitler-Tagebücher, Aids, Flicks „Landschaftspflege“, der Abtreibungsparagraf 218, Reagan und Raketen, immer wieder Kohl und Strauß - die großen Kampfthemen als Deko fürs Kampftrinken.

„Früher galt es eben als schick, links zu sein“, sagt Metelmann. Vielleicht ist es dem besonderen Fluidum des Viertels geschuldet, dass sich die Revoluzzer den Spiegel ohne groß zu murren mit der Südstadt-Schickeria teilten. Kinokönig Joachim Flebbe wohnte um die Ecke und kam oft vorbei, der kürzlich gestorbene Konzertveranstalter Wolfgang Besemer hat im Spiegel Hochzeit gefeiert. Bodo Linnemann, der Ohne-Socken-Wirt vom Casablanca in der List, und Marian Felsenstein, Schlüsselfigur der Spielbanken-Affäre, ließen sich blicken.

Ganz nebenbei, reklamiert Metelmann für sich - mit einem Augenzwinkern -, wurde im Spiegel das Public Viewing von Fußballspielen erfunden. „Wir hatten drei Geräte im Laden; Farb-TV - das war schon was zu der Zeit“, sagt er milde schmunzelnd. Erst gab es bei Länderspielen ein Runde „Sauren“ bei jedem deutschen Tor und Schmalzbrote umsonst in der Halbzeit. Später - der Bezahlsender Premiere war gestartet -, gab’s das gleiche Programm bei 96-Spielen.

Metelmann hat den Spiegel 2002 abgegeben, bis 2013 hat ihn Detlef Georg Knust weitergeführt. 2013 hat Thomas Fix übernommen. Die Spiegel-Titelseiten verschwanden von den Wänden, es wurde noch mal ein bisschen schicker - und dann war Schluss. Metelmann hat unterdessen im Loriot im Zooviertel, im Lorettas an der Culemannstraße, im Turm auf dem Lindener Berg und in der Sylt Lounge auf dem Maschseefest gezeigt, dass er versteht, was beim Publikum geht.

Ob das Aus im Spiegel für den Niedergang der guten, alten Eckkneipe steht? „Spiegel und Loriot, diese Art von Gastronomie hat sich überlebt“, sagt Metelmann. „Vor 15 Jahren wurde noch gezapft und gekippt. Heute nippen die Leute stundenlang an einer Buddel mit einem Mixgetränk oder am Wein. Das ist halt der Zeitgeist“, resümiert der Gastronom trocken.

Aber die beiden Spiegel-Schriftzüge vom Dach, die werden nicht verschrottet, sondern eingelagert. Für später? Man kann ja nie wissen. In den nächsten Tagen eröffnet erst einmal an der Stelle des Spiegels eine Tapas-Bar. Tapeo soll sie heißen.

Sieben hannoversche Kneipen werden zu Krimi-Schauplätzen

Zur Recherche in die Bar: Diesen feuchtfröhlichen Traum eines Arbeitsalltages konnten sich sieben Autoren um den hannoverschen Schriftsteller Bodo Dringenberg beim Schreiben einer neuen Krimianthologie erfüllen. Statt um das Kneipensterben geht es im demnächst erscheinenden Buch „Ein Pils, ein Sekt, ein Todesfall“ um das Sterben in Kneipen. Auf 130 Seiten werden sieben verschiedene Szenarien in sieben verschiedenen hannoverschen Trinklokalen wie der Gaststätte Max Walloschke oder dem Lindener Eliseneck erzählt. Dabei wird nicht nur der lokalen Trinkkultur gehuldigt. Die Autoren entwickeln packende Mordszenarien. Mitautor und Herausgeber Dringenberg spricht im Vorwort von der Gastwirtschaft als ideale Szenerie für lyrische Geschichten, als Orte gelebter Öffentlichkeit und sozialen Interaktionen, die vielseitiger und erfüllender als jegliche Smartphone-Kontakte seien.

„Wirt und Autor sind wesensmäßig verwandt, denen zum Beispiel der Wunsch nach beruflicher Unabhängigkeit gemein ist“, schreibt Dringenberg. In der Anthologie erzählt die erfolgreiche Krimiautorin Susanne Mischke („Der Tote vom Maschsee“) von einem toten Stammgast im Alexander an der Prinzenstraße 10. In Limmer kreiert Klubbetreiber, Musiker und Bühnenkünstler Christian Friedrich Sölter ein Verbrechen in eigener Wirkungsstätte. Die Geschichte „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ spielt beim Auftritt einer Band in den Gewölben des Béi Chéz Heinz an der Liepmannstraße. Und Kersten Flenter beschreibt die Harmonie zwischen Gastwirtschaft und Schriftstellertum in seinem Beitrag „Schlechtes Timing“, der in der Alten Liebe in der Oststadt spielt.

Dringenberg selbst beginnt mit gewohnt sprachlicher Finesse seine Krimierzählung „Stille in der Destille“ mit einer detaillierten Beschreibung einer für eben diese Kneipe so typischen Krökelpartie. In der traditionsreichen Studentenkneipe sind die Hauptakteure dieser Krimigeschichte – wie sollte es auch anders sein – Herrenhäuser trinkende Studenten mit Hang zum Tischfußball. Interessierte Krimileser, die schon immer fiktive Kriminalgeschichten an tatsächlichen Orten mit realem Gerstensaft beiwohnen wollten, werden mit diesem Erzählungsband bestimmt ihren Spaß haben. Das Buch „Ein Pils, ein Sekt, ein Todesfall – Sieben hannoversche Kneipenkrimis“ erscheint im Verlag zu Klampen in Kooperation mit der HAZ. Ab dem 13. April ist die Anthologie im Handel und in den HAZ-Geschäftsstellen wie zum Beispiel an der Langen Laube für 7,99 Euro erhältlich. Vorbestellung sind schon jetzt unter shop.haz.de möglich.

  • Vater & Sohn
    Zu wenig Umsatz: Kurz vorm endgültigen Aus, im Dezember, konnte man keinen Tisch mehr bekommen im Vater&Sohn, der Traditionsgaststätte im Warmbüchenviertel. Jeder wollte noch mal hin, zu Schnitzel, Bratkartoffeln und Weihenstephan im Krug. Aber die ausverkaufte Plätze reichten nicht. Im Sommer war der Umsatz zu schwach, weshalb sich die Betreiber entschlossen, die Gaststätte zu schließen. med
  • Offenbachs Keller
    Der Kellerclub: Bis 2007 war der urige Keller in der Drostestraße 14 (Oststadt) eine erste Adresse für Livemusik. Jeden dritten Dienstag gab es die „Open Stage Jam-Session“ für 4 Euro Eintritt – und weil Hannover viele gute Musiker hatte, kam bei den Spontankonzerten sogar oft Hörbares heraus. Nur die Besucherzahl ging ständig zurück. Die Herrenhäuser Brauerei schloss die Traditionskneipe kurz vor Weihnachten 2007. med
  • Philharmonie
    Wegen Sanierung geschlossen: Nach 35 Jahren ist im September 2014 die Philharmonie am Theodor-Lessing-Platz gegenüber des Neuen Rathauses ausgezogen. Der Grund: Das VHS-Gebäude, in dessen Erdgeschoss die Philharmonie liegt, wird grundlegend saniert. Die gemütliche, mit ausrangierten Musikinstrumenten geschmückte Kneipe war eine hannoversche Institution in Sachen Rock-, Blues- und Jazzmusik. rm
  • Üme Ecke
    Gerade 32 Quadratmeter groß war das üme Ecke neben dem Bühneneingang des Aegi-Theaters. Aber die Intimität lockte Prominenz: Freddy Quinn, die Ministerpräsidenten Schröder, Wulff und McAllister aus der nahen Staatskanzlei ... Vor gut einem Jahr hat Renate Hermsdorf den nach 33 Jahren am Tresen geschlossen. Jetzt heißt der Laden Wohnzimmer, Wirt Michael Solms bietet Bier-Spezialitäten. wie
Tobias Morchner 30.03.2015
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