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Aus der Stadt Ein Tag auf der Fahrradstraße in der Langen Laube
Hannover Aus der Stadt Ein Tag auf der Fahrradstraße in der Langen Laube
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09:43 01.12.2010
Laut Straßenverkehrsordnung dürfen Radler auf Fahrradstraßen nebeneinander fahren. Autofahrer müssen Rücksicht nehmen. Schneller als mit Tempo 30 darf niemand unterwegs sein. Quelle: Martin Steiner

Die Fahrradfahrer

Sie sind die offiziellen Herrscher der Fahrbahn. „Eigentlich eine gute Idee“, findet Tanja Minsch. „Aber die Leute müssten sich auch daran halten.“ Was die Studentin meint, wird deutlich, wenn im Laufe des Vormittags ein Fahrradfahrer abrupt abbremsen muss. Eine Dame parkt ihr Auto mitten auf der Straße, um – ebenfalls mitten auf der Straße – einer herbeischlendernden Freundin eine Tasche zu übergeben. Jörg Meyer, der aus Linden kommend durch die Lange Laube radelt, ärgert sich über Rücksichtslosigkeit. „Viele parken in der zweiten Reihe“, schimpft er. Lastwagen, mit denen Einzelhändler an der Straße beliefert werden, nehmen Fahrradfahrern die Sicht. Aus Einfahrten und Zufahrtstraßen einbiegende Autos können erst spät gesehen werden. Morgens um 7 Uhr biegt ein Lastwagen sportlich – und regelwidrig – von der Otto-Brenner-Straße ein. Er wird an diesem Tag nicht der Einzige bleiben. Häufiger noch nehmen Autofahrer den verbotenen Weg von der Münzstraße. Radler müssen ausweichen. Der Autoverkehr lässt ein Fahrradstraßengefühl so nur selten aufkommen.

Die Autofahrer

Fahrradstraße, welche Fahrradstraße?: Ein VW-Golf-Fahrer, der gerade ausparken möchte, ist ahnungslos. Dass die Lange Laube zur Fahrradstraße umgewandelt wurde, ist ihm neu. Ein Volvo-Fahrer hat ebenfalls noch nichts von der Herrschaft der Fahrradfahrer auf den rund 500 Metern gehört. „Die Schilder übersieht man“, sagt er mit Verweis auf die alle paar Meter angebrachten Markierungen. Von den Zufahrtstraßen aus wird die Fahrradstraße aber nicht angekündigt. Probleme machen den Autofahrern zudem Umzäunungen, die Bäume umranden und vom Fahrersitz aus kaum zu sehen sind. So kratzt ein Mercedes beim Ausparken entlang der Metallstangen. Mehrere davon sind – offenbar durch Autofahrer, die sie übersehen haben – bereits zerbeult oder aus der Verankerung gerissen. Im nördlichen Bereich der Langen Laube sind die metallenen Umrandungen bereits durch höhere Holzpflöcke ersetzt worden.

Die Fußgänger

Es ist eindeutig besser geworden.“ Bettina Nehrhoff ist begeistert über die neue Lange Laube. Die 40-Jährige ist auf ihren Rollator angewiesen, wenn sie eine Freundin besucht. Seit dem Umbau sind die Bürgersteige abgesenkt – und das kommt ihr, wenn sie die Straße überquert, besonders entgegen. Andere veranlasst die fehlende Hürde Bordstein jedoch offenbar dazu, einfach ohne zu schauen, auf die Straße zu laufen. Viele Fußgänger ärgern sich wiederum über die Fahrradfahrer. Einige führen konsequent auf dem Bürgersteig, und das auch noch äußerst aggressiv, beklagen Andreas Grünhage und sein Kollege Dieter Ziebeil. Sie fragen sich, warum die Fußgängerwege so breit gebaut wurden. „Da sollten lieber Parkplätze hin“, meinen beide. Sowieso sei die Parkplatzsituation entlang der Langen Laube sehr schwierig. „Man weiß nicht, wo das Halteverbot endet. Am nächsten Baum? Oder am nächsten Schild?“. Cornelia Ellermann setzt auf den Faktor Zeit. Sie findet die Idee, Fahrrädern den Vortritt zu lassen gut. „Viele Dinge brauchen eben ihre Zeit“, sagt sie.

Die Händler

Artur Funkler beobachtet den Verkehr auf der Langen Laube jeden Tag ab 6 Uhr. Dann öffnet er den Kiosk, in dem er seit einem Jahr arbeitet. Durch das Verkaufsfenster bekommt der 21-Jährige alles mit, was auf der Straße vor sich geht: Den Zulieferverkehr. Die trotz Verbots vom Steintor einbiegenden Autos. Die Wildparker, die für eine kurze Erledigung Einfahrten zustellen. „Es wird viel gemeckert“, sagt er. Schön sei die Straße aber geworden, findet Hülya Bikmaz, während sie in der Bäckerei Ecke Lange Laube/Stiftstraße Schülern Kakao und Brötchen verkauft. Nur gehe das Konzept Fahrradstraße noch nicht auf. „Irgendwie rasen alle durcheinander“, hat sie festgestellt. Besonders frustriert ist Rizwan Rana. Große Hoffnungen hatte er mit dem Umbau der Langen Laube für seinen Handyladen verbunden. Nichts davon sei in Erfüllung gegangen. Dauernd seien die Hofeinfahrten zugeparkt. „Die Stadt tut wenig bis gar nichts dagegen“, schimpft der 31-Jährige. Dass Bäume vor die Ausfahrten gepflanzt wurden, ärgert ihn besonders. Laufkundschaft verirre sich zudem fast nie in seinen Laden, für den er 25 Euro Miete pro Quadratmeter zahlen muss. Drei oder vier Monate will er sein Geschäft noch halten, dann sei Schluss. Kioskmann Funkler ist da optimistischer. Er hofft, dass sich die Verkehrsteilnehmer irgendwann an die neuen Gegebenheiten gewöhnen.

Die Tester

Die HAZ-Volontäre Julia Sellner und Sebastian Harfst haben einen Arbeitstag lang alle zwei Stunden an der Kreuzung Lange Laube/Münzstraße den Verkehr gezählt.
8.50 bis 9 Uhr: 44 Fahrräder, zwölf Autos (drei davon biegen entgegen der neuen Vorschrift von der Münzstraße in die Lange Laube ein).
10.50 bis 11 Uhr: 21 Fahrräder, 27 Autos (davon acht Falschabbieger).
12.50 bis 13 Uhr: 26 Fahrräder, sechs Autos (davon ein Falschabbieger).
14.50 bis 15 Uhr: 29 Fahrräder, 15 Autos (davon drei Falschabbieger).
16.50 bis 17 Uhr: 13 Fahrräder, zehn Autos (davon zwei Falschabbieger).
18.50 bis 19 Uhr: 21 Fahrräder, 13 Autos (davon drei Falschabbieger).

Julia Sellner / Sebastian Harfst

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