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Aus der Stadt Spitzenmann auf Zeit
Hannover Aus der Stadt Spitzenmann auf Zeit
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00:15 29.08.2013
Von Sonja Fröhlich
In Eile: Bernd Strauch ruft seinen Chauffeur. Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

Bernd Strauch steht in der Mitte des geschichtsträchtigen Ratssaals und heißt die jugendlichen Gäste aus Bosnien willkommen. Die sitzen wie sonst die Politiker auf den Parlamentsplätzen und blicken neugierig zu dem Bürgermeister mit den schlohweißen Haaren, der ihnen Hannover, das Rathaus und die Kommunalpolitik in einem munteren 20-minütigen Crashkursus erklärt. Strauch hat gerade die Aufgaben des Rates und der Dezernenten zusammengefasst, da meldet sich eine junge Frau, die auf dem Platz von Kulturdezernentin Marlis Drevermann sitzt, und fragt den Redner: „Und für was sind Sie zuständig?“ Bernd Strauch, bekannt für seine herrliche Selbstironie, muss lachen: „Ja, das frage ich mich auch.“

Er unternimmt dann doch den Versuch, den Gästen seine Rolle in der Zweigleisigkeit zu erklären, die derzeit im Rathaus regiert. Dass er die Stadt repräsentiert, während die Erste Stadträtin die Verwaltung leitet. Aber dass es nach dem 22. September doch wieder einen Oberbürgermeister gibt, der für beides zuständig ist. Dann ist Strauch wieder Stellvertreter.So einfach ist das gesagt. Die besondere Rolle indes ist auch eine Belastungsprobe für den Bürgermeister. Ein ganz normaler Tag besteht aus zehn bis zwölf Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Heute listet das Tagesprogramm acht Termine auf: Um 8 Uhr tagt der Fraktionsvorstand  seiner SPD, um 10 Uhr sitzt Strauch dem Kommunalen Kriminalpräventionsrat vor – Thema: Spielhallen in Hannover aus Sicht der Stadtverwaltung. Um 11 Uhr will er einer 100-Jährigen zum Geburtstag gratulieren, um 12 Uhr empfängt er die bosnischen Jugendlichen gemeinsam mit Genossin Doris Schröder-Köpf, um 13 Uhr bittet seine Vorzimmer-Chefin Susanne Vogeler zur Terminrunde in sein Rathaus-Büro. Weiter geht es nach dem Mittagessen mit dem Runden Tisch für Gleichberechtigung, der zum Thema Rassismus im Alltag tagt, dann Fraktionstreffen, und am Abend ist er Ehrengast beim Sommerempfang des Türkischen Wirtschaftsclubs.

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Hände schütteln, gratulieren, eröffnen: Nach fast zwei Jahrzehnten als Stellvertreter steht Bürgermeister Bernd Strauch vorübergehend an der Spitze Hannovers. Ein Tag mit dem obersten Repräsentanten der Stadt.

Zu Spitzenzeiten gibt es noch mehr Termine. Nachdem Stephan Weil Anfang des Jahres seinen Posten des Oberbürgermeisters aufgegeben hatte  und dann Ministerpräsident Niedersachsens wurde, zählt dessen früherer Stellvertreter ein Drittel mehr an Terminen. Strauchs eigentlicher Arbeitgeber, der Landespräventionsrat, hat den vorsitzenden Mitarbeiter für diese Zeit so gut wie freigestellt. Für sein Jazztrio habe er kaum noch Zeit, sagt der Schlagzeuger. Zum Leidwesen seiner Frau fielen ihm nach zwei Minuten die Augen zu, wenn sie am Abend gemeinsam auf dem Sofa sitzen. Er bedauert dies – aber nicht so sehr. Es geht um eine überschaubare Zeit.Strauch, studierter Sonderschullehrer, ist seit 40 Jahren in der SPD und seit 17 Jahren Bürgermeister der Stadt, bis dato war er hinter Herbert Schmalstieg und Stephan Weil immer zweiter Mann. Nun ist der 64-Jährige an die Spitze gerückt, leitet damit auch den Verwaltungsausschuss und nimmt erstmals selbst hochrangige Staatsgäste in Empfang. Seitdem waren Bundespräsident Joachim Gauck zum Antrittsbesuch in Hannover und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die zusammen mit Russlands Präsident Wladimir Putin die Hannover Messe eröffnete. Ein denkwürdiger Termin für Strauch, stürmten dabei doch barbusige Aktivistinnen auf den Kreml-Chef zu. Strauch stand daneben. „Das war das einzige Mal, dass ich eine Unsicherheit verspürt habe“, sagt er. Ansonsten sei er froh, dass es viele Mitarbeiter im Rathaus gebe, die ihm zuarbeiten und „aufpassen, dass ich nicht in ein Fettnäpfchen trete“.

„Die Menschen überschätzen meine Rolle"

Seitdem gab es aber auch den 100. Geburtstag des Rathauses und das Schützenfest, bei dem Strauch erstmals vorneweg marschiert ist und nicht wie gewohnt als Vorsitzender auf dem Wagen des Jazzclubs saß. Und seitdem kommen die Menschen mit Problemen direkt zu ihm ins Rathaus und wollen, dass er hilft, wenn ein Anbau nicht genehmigt worden ist oder sie keine Arbeit finden. Dann kann sie Strauch nur an die entsprechenden Stellen verweisen. „Die Menschen überschätzen meine Rolle. Sie denken, der Bürgermeister hat das Sagen.“ Aber dafür gibt es eben Regeln und Gesetze und demokratisch gewählte Vertreter.Und natürlich gibt es immer noch das „Business as usual“ – all die Goldenen Hochzeiten, Jubiläen, Festeröffnungen, Diskussionsrunden, schriftlichen Grußworte, die ohne die zwei stellvertretenden Bürgermeister der Stadt nicht zu schaffen wären.

Der 100. Geburtstag von Luise Hohendahl ist heute Chefsache. Der „Zentrale Ermittlungsdienst“ des Ordnungsamtes hat herausgefunden, dass die Dame Trägerin des Bundesverdienstkreuzes ist und im Seniorenheim Eilenriedestift wohnt. Adressen und Anmerkungen für die Termine stehen auf Strauchs Tagesprogramm. „Ich brauche die Infos und verlasse mich darauf.“Im Stift kennen sie den hochgewachsenen Mann mit den auffälligen Haaren und dem Blumenstrauß im Arm schon lange. Im roten Salon sitzt die 100-Jährige zwischen Verwandten, Strauch überreicht den Strauß, gratuliert im Namen der 523 241 Einwohner und setzt sich zwischen die Gäste. Er will nicht stören. „So etwas muss man mit Fingerspitzengefühl machen, man kennt sich ja nicht“, sagt er über die Besuche. Gern erzählt er auch die Anekdote, wie er bei einem Besuch von den Bewohnern eines Seniorenheims gefragt worden sei, „wie lange er denn dort schon lebt“. Und dass er mit seinem Jazztrio schon Stammgast auf der Messe Seniora ist.

Luise Hohendahl ist 36 Jahre älter als Strauch und ausgesprochen rüstig. Sie habe einst für die Gründung des Agnes-Karll-Krankenhauses in Hannover gekämpft, deshalb die hohe Auszeichnung, erklärt sie auf seine Nachfrage hin. Sie sagt: „Diese Verdienstkreuze sind für Männer gemacht, die haben so dicke Nadeln, dass sie die Blusen ruinieren.“ Strauch nickt und lacht. Die Frau Hohendahl wird ihm im Gedächtnis bleiben, wie so viele Begegnungen. Vielleicht kommt er nächstes Jahr wieder, wenn sie 101 Jahre alt wird – und einen Vertreter der Stadt empfangen möchte. Aber vielleicht will der neue Oberbürgermeister den Besuch dann selbst übernehmen.Gewünscht ist das meistens, vielleicht nicht gerade bei Frau Hohendahl, die das Angebot der Stadt vielleicht nur aus Höflichkeit angenommen hatte. Aber bei all den anderen Feierlichkeiten und Eröffnungen und Grußworten. „Die Menschen wollen immer am liebsten den ersten Repräsentanten einer Stadt sehen – das steckt irgendwie in ihnen“, weiß Strauch. Allzu oft haben Gastgeber schmallippig auf ihn gewirkt, wenn nicht der Oberbürgermeister auf ihre Einladungen hin persönlich vorbeigekommen sei.

Ein Mann mit Selbstbewusstsein

Strauch macht keinen Hehl daraus, dass es ihm gut gefällt, noch einmal aus der Rolle des Ersatz- in die des Spitzenmanns gewechselt zu sein. Ein Glücksfall für ihn. Und gut für die Eitelkeit.Hätte er schon früher nach dem höheren Amt streben sollen? Strauch überlegt kurz, wie er es formulieren soll. „Das wäre auch eine Idee gewesen“, sagt er dann verschmitzt. Doch als sich Herbert Schmalstieg nach 34 Jahren in den Ruhestand verabschiedete, hielt sich Bernd Strauch schon für zu alt. Und mit Stephan Weil hatte die SPD einen ehrgeizigen Bewerber. Während Weil die Ansiedlungen des Tierversuchslabors Boehringer und des Logistikzentrums Netrada trotz großer Widerstände im Rat durchsetzte, konzentrierte sich Strauch auf seine Paraderolle, die er selbst so beschreibt: „Ich bin dazu da, um der Stadt ein Gesicht zu geben und Frohsinn in die Welt zu bringen.“ Andere werfen ihm dafür Naivität vor.

Aber die meisten schätzen ihn als loyal und großherzig. Wenn Strauch einen Raum betritt, versprüht er warme Sympathie, die Menschen reden gern mit ihm. Strauch nimmt sich nicht so wichtig. Er hat sich aus dem politischen Kleinkrieg meistens herausgehalten. Ob das für einen Bürgermeister gut ist, kann man so oder so sehen. Auf jeden Fall ist Strauch einer zum Anfassen. Und einer, mit dem man herzlich lachen kann.Beim Mittagessen im Gartensaal des Rathauses wählt er ein Baguette aus, weil dort Strauchtomaten drauf sind: „Ich weiß ja, was in mir steckt.“ Den beiden Damen, die sich neben ihn setzen und erfreut feststellen, dass es sich ja um den Bürgermeister handelt, sagt er belustigt: „Na, hoffentlich schmeckt es Ihnen noch.“ So etwas sagt nur einer, der ein gesundes Selbstbewusstsein hat.Später werden sie in der Fraktionssitzung der SPD noch darüber beraten, wie sie der beantragten aktuellen Stunde der Opposition begegnen wollen. Die soll den Titel tragen: „Hannover ohne Oberbürgermeister – ohne Ideen, ohne Führung, im Stillstand.“Strauch ärgert sich darüber. Er findet die Attacke maßlos übertrieben. Wahlkampfgetöse. „Ich sehe nicht, dass ich die Stadt nach einem halben Jahr in den Ruin getrieben hätte.“ Wobei hätte er sich in der Zeit einmischen sollen – bei der Diskussion ums Opernklo?

18.30 Uhr, Strauch steigt vor dem Rathaus in den schwarzen Mercedes mit dem Kennzeichen H-LH-544, seinem Dienstwagen. Mit seinem Fahrer Klaus Schneidewind hat er schon vor einem Jahrzehnt vereinbart, dass er vorne sitzen und sich die Tür selbst öffnen will. Es geht zum Wirtschaftsempfang des Türkischen Wirtschaftsclubs. Vor dem Eingang des Sheraton Hotels im Pelikanviertel stehen schon die noblen Karossen der geladenen Manager und Diplomaten, und Strauch und sein Fahrer witzeln über die eigene „Möhre“, die schon elf Jahre und 211 000 Kilometer auf dem Buckel hat. Auf der Terrasse begegnet Strauch einem, der in der Grußrede des Gastgebers noch vor dem Ersten Bürgermeister genannt werden wird: Ministerpräsident Stephan Weil. Der Ministerpräsident bemerkt Strauchs frische Bräune, die vom Urlaub auf Bornholm zeugt. Anderen Zuhörern gewiss, feixt Weil zu seinem Interims-Nachrücker: „So ein schönes Leben wie du möchte ich auch mal haben. Ich musste ja als Oberbürgermeister noch eine Verwaltung führen.“ Nach zwölf Stunden, acht Terminen und unzähligen Worten, die er gesagt hat, kann Strauch selbst darüber noch lachen.

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