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Aus der Stadt „Hannover ist ein dunkler, furchterregender Platz“
Hannover Aus der Stadt „Hannover ist ein dunkler, furchterregender Platz“
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16:35 21.04.2015
Von Simon Benne
Ohnmächtige Ordnungshüter: Polizeikontrolle auf dem Schwarzmarkt am Hauptbahnhof. Quelle: Heiko Koberg
Hannover

Er war ein gestandener Offizier. Einer, der gerade den Weltkrieg hinter sich gebracht hatte. Doch was der britische Major G. H. Lamb kurz nach der Einnahme der Stadt in Hannover beobachtete, machte ihn fassungslos: „Tausende zwangsverschleppte Ausländer zogen marodierend, mit Gewehren und Messern bewaffnet, durch die trümmerübersäten Straßen“, notierte der Stadtkommandant: „Alle schienen völlig betrunken. Sie plünderten, raubten, mordeten.“

Rund 217 000 Menschen lebten bei Kriegsende noch in Hannover, und etwa jeder vierte von ihnen war ein Ausländer. Auf fatale Weise hatten ausgerechnet die Nazis eine multikulturelle Gesellschaft geschaffen - und zugleich ein friedliches Zusammenleben unmöglich gemacht: Viele der in Lagern hausenden Zwangsarbeiter sannen nun auf Rache oder schnelle Beute. Da die Verschleppten oft nicht in ihre Heimatländer zurück konnten oder wollten, lebten etliche von ihnen noch jahrelang in der Stadt - als „Displaced Persons“ (DPs) waren sie hier gestrandet.

Eine staatliche Ordnungsmacht gab es nicht; auch unter Deutschen herrschte bald das Recht des Stärkeren. Und schnell zeigte sich, dass die Zivilisation ein dünner Firnis ist, der leicht zerreißen und den Blick in Abgründe freigeben kann: „Hannover ist kaum eine Stadt, in die man seine jungfräuliche Tante mitnehmen würde“, schrieb der britische Kriegsberichterstatter Leonard O. Mosley: „Nach Einbruch der Dunkelheit ist es ein dunkler, furchterregender, gefährlicher Platz, wo man sich an jeder Ecke einem Angriff oder dem Tod gegenübersieht.“

Raub auf offener Straße

Russen raubten auf offener Straße Fahrräder und Uhren, eine Gruppe von ihnen hielt das Wülfeler Eisenwerk praktisch über Wochen besetzt. Auf dem Friedhof am Lindener Berg brannten Polen die Leichenhalle nieder. Auf dem Stöckener Friedhof verweigerten Totengräber die Arbeit: Ehemalige Zwangsarbeiter hatten dort nicht nur nächtliche Saufgelage und Rennen mit gestohlenen Fahrrädern veranstaltet, sondern auch 20 Besucher einer Trauerfeier ausgeraubt. Nach einem dreiviertel Jahr unter britischer Herrschaft waren 18 400 Fälle schweren Raubes angezeigt worden, und Hannovers Polizei musste in 70 Mordfällen ermitteln.

Eines der Mordopfer war die Mutter von Hermann Hinsch. Die Familie des damals neunjährigen Jungen war in der Wohnung einer Tante in Immensen untergekommen. Nachts schlief er mit Mutter und Schwester in einem Zimmer: „Plötzlich waren da Taschenlampen, man hörte Schreie und Schüsse“, erinnert er sich. Auch in seinem eigenen Bett entdeckte man später Kugeln. Und seine Mutter fand bei dem nächtlichen Überfall im November 1945 den Tod. „Die Räuber wurden tatsächlich gefasst, es waren Polen“, sagt Hinsch heute. „Mit anderen Zeugen wurde ich in einem britischen Armeefahrzeug nach Celle gefahren, um sie zu identifizieren. Bei einem Schmuckstück, das sie erbeutet hatten, konnte ich zweifelsfrei sagen, dass es meiner Mutter gehört hatte.“

Tatsächlich mühten sich die Briten nach Kräften, für Ordnung zu sorgen: Ein britisches Militärgericht tagte zweimal wöchentlich in Hannover. Mal wurden polnische Zwangsarbeiter zu einem Jahr Haft verurteilt, weil sie Fahrräder gestohlen hatten, mal wurden Russen wegen illegalen Waffenbesitzes hingerichtet. Weil es einem Briten die Zunge herausgestreckt hatte, wurde ein 18-jähriges Mädchen dazu verdonnert, 100 Reichsmark zu zahlen - oder 14 Tage ins Gefängnis zu gehen.

Viele Deutsche klagten dennoch über die Zurückhaltung der Briten: „Die Militärpolizei duldet den Mob“, notierte der spätere Oberstadtdirektor Karl Wiechert, der selbst im KZ gesessen hatte, bitter: „Wildwestzustände herrschen, es heißt, die Ausländer hätten Plünderfreiheit erhalten.“

Zwar hatten die Briten schon am 13. April erste Hilfspolizisten in der ehemaligen Kriegsschule am Waterlooplatz antreten lassen. Doch sie zögerten, die uniformierten Deutschen auch mit Waffen auszurüsten: „Wenn Ausländer und Deutsche aufeinander schießen, wird alles noch schlimmer - ein Blutbad“, warnte Oberst Bruce von der Militärregierung. Hannover blieb über Monate eine Stadt des Verbrechens. Erst als die Zwangsarbeiter allmählich heimkehrten, flaute die Welle der Gewalt ab.

Klarer als die meisten Deutschen sahen die Briten allerdings die wahren Ursachen der Kriminalität: „Die Russen sind zweifellos eine Bedrohung für die Bevölkerung“, schrieb der englische Major C. C. Cooper 1945 in sein Tagebuch: „Aber wenn wir uns überlegen, was die Deutschen in Russland getan haben“, notierte er, „dann sollte man mit Äußerungen doch vorsichtig sein, die Russen seien alle Barbaren.“

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