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Aus der Stadt Ein falscher Arzt im Kinderhospiz
Hannover Aus der Stadt Ein falscher Arzt im Kinderhospiz
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15:45 26.09.2013
Von Jens Heitmann
„Das war schon ein kleiner Gernegroß“: Marcel Roenike hat viele getäuscht. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

„Der Schatz, das sind die Kinder – und die Insel ist der Ort der Begegnung.“ Mit solch salbungsvollen Worten hat der Initiator des ersten Kindertageshospiz in Hannover für sein Projekt geworben. Die „Schatzinsel“ sollte als Tageseinrichtung Eltern von der Pflege ihrer todkranken Kinder entlasten. Seine Pläne kann Marcel Roenike nun nicht mehr weiterverfolgen – er sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen gewerbsmäßigen Betruges in Tateinheit mit dem unbefugten Tragen akademischer Titel gegen den 30-Jährigen. „Er ist bereits einschlägig vorbestraft“, sagte Staatsanwalt Oliver Eisenhauer.

Die Anklagebehörde wirft dem Beschuldigten vor, in einem Fall ein Kind behandelt zu haben, ohne dafür qualifiziert zu sein. Darüber hinaus soll er in acht Fällen Leistungen mit einer Krankenkasse abgerechnet haben, die er nie erbracht hat und auch nicht erbringen durfte – in weiteren sechs Fällen habe es einen entsprechenden Versuch gegeben, sagte Eisenhauer. Die Schadenssumme belaufe sich im ersten Fall auf etwa 11.000 Euro, im zweiten wären noch einmal rund 5000 Euro hinzugekommen. Die Krankenkasse schöpfte jedoch Verdacht und stellte Strafanzeige.

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Gegenüber Förderern der „Schatzinsel“ gab sich Roenike als „Juniorprofessor Dr. med Univ. mag Psych, Facharzt für Allgemeinmedizin, Palliativmedizin, klinischer Psychologe, Transfusionsverantwortlicher und Systemtherapeutischer Trauerbegleiter“ aus. Nach Einschätzung der Ermittler trägt der Beschuldigte keinen dieser Titel zu Recht – er habe nicht einmal eine medizinische Ausbildung, hieß es.

Auch sonst gibt es hinter der Biographie viele Fragezeichen. Als gesichert gilt lediglich, das Roenike 1982 in Halberstadt geboren wurde und über mehrere „Anlaufadressen“ in Österreich und der Schweiz verfügt. Sein Strafregister sei lang, heißt es. Es reicht vom Tankbetrug in Magdeburg bis zur Amtsanmaßung und Urkundenfälschung in Salzburg – dort wurde eine Freiheitsstrafe mit drei Jahren Bewährung verhängt.

Nicht einmal ob der vermeintliche Mediziner wirklich so heißt, wie er sich nennt, wissen die Ermittler. „Der R. hat maßgeblich auf Behörden eingewirkt, um seine Identität Schritt für Schritt zu verändern, um sich jeglicher justiziellen Maßnahme zu entziehen“, heißt es in einem internen Bericht. Der Ausweis, den er bei der Festnahme bei sich trug, soll gefälscht sein.

In Hannover machte Roenike vor einem Jahr auf sich aufmerksam. Zusammen mit ein paar Vertrauten warb er in den Medien – auch in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung – für das KinderhospizSchatzinsel“. Die Idee dazu sei ihm während einer Forschungsarbeit an der Privatuni Zürich gekommen, berichtete Roenike seinerzeit. In der Schweiz will er zwischen 2008 und 2011 auch ein Zehn-Betten-Hospiz geleitet haben.

Von dort sollte auch die Anschubfinanzierung für die „Schatzinsel“ kommen. Gesprächspartner erinnern sich daran, dass er sich auf eine Stiftung mit einem Kapital von angeblich 22 Millionen Franken berief. Auch diese ist aber offenbar eine Erfindung. „Die einzig bekannte Einnahmequelle ist das Jobcenter Hannover“, heißt es in den Unterlagen der Ermittler.

Wer mit Roenike zu tun hatte, bescheinigt ihm ein „äußerst glaubwürdiges Auftreten“. Lediglich seine „Titelsucht“ sei etwas befremdlich gewesen, berichtete ein Gesprächspartner. „Das war schon ein kleiner Gernegroß.“

Mit seinem sicheren Auftreten und der schweizerischen Sprachfärbung konnte Roenike offenbar selbst Polizisten beeindrucken. Als ihn vor wenigen Wochen eine Streife stoppte, kam er davon, obwohl er keinen Führerschein vorzeigen konnte. Roenike soll sich den Beamten gegenüber mit starkem Akzent als Professor ausgegeben haben, der mit dringenden Medikamenten auf dem Weg zu einem todkranken Kind sei. Man ließ ihn fahren – hielt den Vorfall aber als „Anhaltemeldung“ fest.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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