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Aus der Stadt Ein virtueller Spaziergang mit Street-View durch Hannover
Hannover Aus der Stadt Ein virtueller Spaziergang mit Street-View durch Hannover
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10:55 19.11.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Wie alt sämtliche Daten auf Street-View sind, zeigt sich besonders deutlich bei Baustellen.
Wie alt sämtliche Daten auf Street-View sind, zeigt sich besonders deutlich bei Baustellen. Quelle: Screenshot
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Wo geht’s los? An der Bemeroder Straße, Ecke August-Madsack-Straße, dort, wo die beiden Zeitungstürme stehen. Wann ging es los? Irgendwann im Spätsommer. Es muss Anfang September gewesen sein, als das Google-Auto hier lang gefahren ist. Denn dort, wo die Gleise der Stadtbahn die Bemeroder Straße kreuzen, ist an der Unterführung ein Plakat zu sehen, das auf die „Esoterik-Tage 2008“ verweist – vom 5. bis zum 7. September im HCC. Und es muss mittags gewesen sein. Eine freundliche Dame aus dem HAZ-Sekretariat hat sich auf Street-View entdeckt: wie sie gerade ihren Mittagsspaziergang macht.

Auf der Güterumgehungsstrecke fährt ein Zug vorbei. Von stadtauswärts aus gesehen hat der Güterzug Röhren geladen, von der anderen Seite aus sieht man geschlossene Wagen und eine Lokomotive. Der Fotowagen muss also stadtauswärts gefahren sein, er hat zuerst die Lok, dann die Wagen mit den Röhren fotografiert. Wenn wir uns virtuell Richtung Innenstadt bewegen, sehen wir die Google-Bilder in der entgegengesetzten Reihenfolge, in der er sie aufgenommen worden sind. Das führt zu witzigen Effekten. Ein Motorradfahrer, der aus der Lange-Feld-Straße in die Bemeroder Straße einbiegt, kommt einem mehrfach entgegen. Fahrzeuge, die auf der rechten Seite Richtung Innenstadt fahren, sind dagegen ganz schnell verschwunden. Verwirrend, aber man kann sich da reinfuchsen. Und es macht Spaß.

Im Grunde ist so ein Spaziergang mit Street-View ganz einfach. Mit der Maus greift man sich das gelbe Männchen, das oben auf der Zoom-Leiste thront, und platziert es auf dem Plan. So kann man immer neue Standpunkte einnehmen. Viel sportlicher aber ist es, in der Straßenansicht zu bleiben und die Straße entlangzuhüpfen. Das geht so: Mit einem Mausklick wirft man eine Art Schatten vor sich; der markiert den neuen Standpunkt, den man einzunehmen gedenkt. Und mit einem Klick springt man hin. Die Konturen verwischen, und schon ist man da. Die Übergänge sehen in etwa so aus, wie in Science-Fiction-Filmen früher Zeitreisen dargestellt wurden – das ist ja ganz passend. Selten mal sind die Bilder nicht richtig zusammengefügt. Dann sieht man gestauchte oder merkwürdig in sich selbst verschachtelte Autos, und Googles Stadtbild gleicht einem kubistischen Kunstwerk. Erstaunlicherweise wussten Künstler wie Picasso schon, wie Städte sich einmal präsentieren werden.

Auf Höhe der Waldgaststätte Bischofshol fährt ein Motorroller Richtung Innenstadt. Ein Überholversuch: Wir springen an einen Punkt vor ihm. Das Bild ändert sich, aber er ist immer noch vor uns. Das Google-Mobil, das hier fotografiert hat, muss langsam stadteinwärts gefahren sein, der Motorroller bleibt vor uns, uneinholbar. Über den Braunschweiger Platz und durch die Marienstraße geht’s Richtung Kröpcke. An der Georgstraße scheint es Herbst zu werden, Blätter liegen am Boden. Neben rasanten Veränderungen (Auto da, Auto weg) zeigt Street-View auch langsame Abläufe: Sommer in Bemerode, Spätherbst in Herrenhausen. Winteransichten sind noch nicht aufgetaucht.

Am Kröpcke ist kein Weiterkommen. Da Street View bisher nur Gegenden erfasst, die per Auto erreicht werden können, bleibt das Herz von Hannover unsichtbar. Also ab durch die Luisenstraße zum Bahnhof. Die Ernst-August-Galerie feiert mit Luftballons, ein Rettungswagen taucht auf und verschwindet wieder. In der Kurt-Schumacher-Straße eilt eine Dame in die Polizeistation, ein verpixelter Glatzkopf macht ein Foto: Vielleicht fotografiert er das Google-Mobil.

Besondere Vorkommnisse gab es auf dem virtuellen Stadtspaziergang viele, dramatische Situationen keine einzige. Die Stadt zeigt sich von gewaltiger, geradezu dröhnender Normalität. Selbst in der Ludwigstraße geht es irgendwie gesittet zu. An der Langen Laube wird eifrig gebaut, auf der Uhr am Steintor ist es gleichzeitig bald halb drei und Viertel nach zwei, und vor dem Anzeiger-Hochhaus schaut ein Mann mit grüner Jacke auf die Armbanduhr. Ja, die Zeiten ändern sich.