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Aus der Stadt Harry Potter und Lernraupe
Hannover Aus der Stadt Harry Potter und Lernraupe
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21:44 31.01.2014
Von Gunnar Menkens
Schön, wer einen Arbeitsplatz gefunden hat. In Zukunft soll es mehr Tische geben, um die „Aufenthaltsqualität“ zu verbessern. Quelle: Surrey
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Hannover

Sie haben die „Schlafwandler“ nicht kommen sehen. Niemand konnte ihre Wege vorhersehen beim zentralen Einkauf der Stadtbibliothek, woher auch? 900 Seiten über den Ersten Weltkrieg, nichts, was die Kundschaft mal eben wegschmökert. Kirsten Wicke und Christine Kober-Hyde hatten also vorsichtig kalkuliert und nur ein einziges Exemplar gekauft. Dann ging es los. Gute Besprechungen in Zeitungen, Berichte zum Thema in allen Medien. Oder, wie Wicke sagt: „Die Maschinerie Erster Weltkrieg kam in Gang.“ Immer mehr Leser wurden auf „Die Schlafwandler“ aufmerksam, die viel gelobte Studie des Historikers Christopher Clark, die Vorbestellungen auf das einsame Exemplar im Regal häuften sich. Sie haben dann nachgeordert, sechs Bände stehen jetzt bereit.

Bücher, Musik-CDs, DVDs, Notensätze: Die Stadtbibliothek Hannover bietet den Nutzern mehr als den reinen Lesespaß — und viele nutzen es.

Geld war noch da. 1,1 Millionen Euro stellt die Stadt jedes Jahr bereit, damit die Zentrale in der Hildesheimer Straße und alle 17 Stadtteilbüchereien mit neuem Stoff versorgt werden können. Mit hoher Literatur und Krimis, Kinderbüchern, CDs, Filmen, Fachperiodika und Publikumsblättern wie „Brigitte“ – keine Zeitschrift wird öfter ausgeliehen. Was schon immer beliebt war, kauft die Zentrale gleich in größeren Mengen. Harry Potter-Romane gehen in jeden Stadtteil mit fünf, sechs Exemplaren, da muss man nicht erst abwarten, ob das wirklich viele lesen wollen. Harry Potter, Star Wars, Gregs Tagebuch, Der kleine Drache Kokusnuss, sie sind das geschnitten Brot in den Regalen.

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Das Alte und das Neue leben dicht beieinander in der Stadtbibliothek. Hier gibt es Karteikästen, in dichter Folge bestückt mit Kärtchen, auf die irgendwann einmal Typenhebel mechanischer Schreibmaschinen einschlugen, um Lesern Richtungen zu weisen. Ägyptologie? Zum Beispiel unter der Signatur „Gesch 129“. Wie altmodisch und wie übersichtlich. Im Erdgeschoss stehen Computer, es gibt kabellose Internetverbindungen (manchmal behindert durch die dicken Wände) und Leser können E-Books zu Hause auf Computer und Lesegeräte laden. Automatisch funktionieren auch Ausleihe und Rückgabe, die Elektronik erwies sich in der Stadtbücherei als Jobkiller wie anderswo auch. Im Bestand finden sich Bücher, die davon handeln, dass solche Rationalisierungen auf die Dauer keine gute Idee seien.

In den besten Momenten sind Büchereien Orte der Stille und Konzentration. Morgens, wenn die älteren Männer kommen, um ausführlich Zeitungen zu lesen. Oft stundenlang, kaum, dass sie sich einen Automatenkaffee gönnen. Dieses Papierrascheln! Frauen, der überwiegende Teil der Mitglieder, lesen in Romanen und stellen sie behutsam in Regale zurück. Es ist eine Gegenwelt zur Hektik und all dem Zeug da draußen in der Welt, das Aufmerksamkeit verlangt.

Wie Handys. Drei Schülerinnen der IGS Roderbruch haben sich an diesem Morgen entschlossen, alles zu vergessen. Außer Büchern und Heften und Tee auf dem Tisch. Die Telefone sind eingeschlossen, es zählt nur die Vorbereitung aufs Abitur, auf Geschichte und Erdkunde. Sie loben, wie entspannt es hier ist an den Tischen, abgeschirmt hinter Regalreihen, und die fehlende Abwechslung, die sie mehr schaffen lässt, und die Bücher und Lexika drumherum, wenn mal etwas nachgeschlagen werden muss. Lilly Lübke, 18, weiß das noch nicht so lange, die anderen haben sie mitgenommen. Es gefällt ihr. „Das war mir gar nicht so klar, dass man hier richtig gut lernen kann.“

„Wir sind mit unserem Platz am Limit“

Die Idee von Bibliothekschefin Carola Schelle-Wolff ist es, mehr solcher Arbeitsplätze im Haus zu schaffen. Gemeinsames Lernen in ungestörter Atmosphäre sei ein „gesellschaftlicher Bedarf“, der zunehmend nachgefragt werde. Oft fragten auch Gruppen von außerhalb an, ob sie in der Stadtbibliothek Räume mieten könnten. Schelle-Wolff muss das immer ablehnen. Das zweite Zukunftsprojekt heißt: mehr WLAN-Verbindungen in den Büchereien schaffen. Aber das kostet Geld. Was all die angeschafften Medien angeht, gilt der Leitsatz: So viel wie reinkommt, so viel fliegt raus. Ungelesenes, Vergessenes, Zerfleddertes, Überholtes. „Wir sind mit unserem Platz am Limit“, sagt Carola Schelle-Wolff. Die Stadtbibliothek versteht sich nicht als Aufbewahrungsstätte alles jemals Erworbenen.

Da hätte man sonst viel zu tun. Die Geschichte der hannoverschen Bücherei begann vor fast 575 Jahren mit einer Spende. Der Pfarrherr Konrad von Sarstedt stiftete seine Bücher den Vorgängern der heutigen Marktkirche, womit sie gleichzeitig in den Besitz der Rates der Stadt gelangten. Das war der 23. April 1440, eine Urkunde bezeugt es. Die erste Sammlung umfasste Schriften über Kirchen- und Zivilrecht und Bände, die sich mit Theologie befassten. Seit 1889 war die Stadtbibliothek im Kestner-Museum untergebracht, 1931 zog man in den Stahlskelettbau mit Rotklinkerfassade, wie er seither an der Hildesheimer Straße steht. Damals standen Bücher nicht zum Anfassen und Lesen in Regalen, man musste sie per Leihschein aus dem Magazin bestellen, es war untersagt, mehr als drei Bände gleichzeitig auszuleihen. Die Jahresgebühr: vier Mark. Das Geschäftsmodell der städtischen Büchereien heute ist so antiquiert wie zeitgemäß. Wer 20 Euro zahlt, kann so viel Kultur mitnehmen und so oft, wie er mag. Sie nennen es Jahresgebühr. Man könnte auch sagen: Flatrate. Die Stadtbibliothek war in den vergangenen Jahrzehnten eine sehr demokratische Institution, Bildung sollte nicht vom Einkommen abhängig sein.

Hinter den Kulissen bewältigen Mitarbeiter auf allen Etagen den Alltag. Neue Bücher bekommen Signaturen und Sicherheitsstreifen für die elektronische Barriere am Ausgang. Eine Mitarbeiterin sitzt vor einer scheinbar nicht enden wollenden Rolle Schutzfolie, mehr als 1000 Bücher überzieht sie jede Woche. Vor ihr liegt ein Stapel „Lernraupe. Meine ersten Worte“. Im Sortierraum fallen bestellte und zurückgegebene Bücher von einem Fließband in Fächer, einige für die Stockwerke in der Zentrale, andere für Stadtteilbüchereien. Manchmal reden Mitarbeiter im Fachjargon, den keiner versteht. „ÖB 1“? Das ist die Raschplatzbücherei.

In der Stadtbibliothek deutet alles darauf hin, dass es nicht vorbei ist mit dem gedruckten Wort. Die Bibliothekarinnen Kirsten Wicke und Christine Kober-Hyde haben Trends kommen und gehen sehen. Fantasy-Literatur – auf dem Rückzug. Science-Fiction – fast vorbei. Krimis – nicht totzukriegen, gemästet seit zehn Jahren mit eigener Abteilung und topbeliebt in Hannover. Was kommt jetzt? „Die Sinnsuche ist ein großes Thema“, sagt Wicke. Und wenn Autoren sterben, Preise bekommen, in der Stadt lesen, dann müssen sie in den Büchereien schnell sehen, dass der Stoff in den Regalen auf der Höhe der Zeit ist. Sonst hieße es ja Antiquariat.

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