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Aus der Stadt Eine Polizistin als Herbergsmutter
Hannover Aus der Stadt Eine Polizistin als Herbergsmutter
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22:16 27.08.2012
Eva Pritzl ist 59 Jahre alt und leitet seit 20 Jahren die Jugendherberge Hannover. Quelle: Steiner
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Hannover

Eva Pritzl ist 59 Jahre alt und leitet seit 20 Jahren die Jugendherberge Hannover. Als sie das Haus am Ferdinand-Wilhelm-Fricke-Weg Anfang der neunziger Jahre übernahm, hatte die Herberge knapp 230 Betten. Zur Weltausstellung Expo im Jahr 2000 wurde die Herberge ausgebaut und erhielt den auffälligen Anbau, der auf Stelzen über dem Haus thront. Bis vor fünf Jahren wohnte Herbergsmutter Pritzl selbst in der Herberge, inzwischen hat sie eine externe Wohnung bezogen. Immer wieder macht sie die Erfahrung, dass viele Gäste, die Hannover nicht kennen, positiv davon überrascht sind, wie gut ihnen die Stadt gefällt und was sie alles zu bieten hat.

Frau Pritzl, sind Sie eher eine Herbergsleiterin oder eine richtige Herbergsmutter?

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Ach, was die Begrifflichkeit betrifft, da bin ich leidenschaftslos. Fest steht, dass die Gäste unterschiedliche Bedürfnisse haben. Für einen 15-jährigen Alleinreisenden bin ich eine Herbergsmutter. Dabei geht es auch um ein Bild von Sicherheit und Fürsorge. Messegäste brauchen das nicht.

Sie führen ein Haus mit knapp 300 Betten und 27 Mitarbeitern. Da könnte man fast von einer Herbergsmanagerin sprechen.

Jedenfalls verbringe ich ganze Tage am Schreibtisch. Ich bin jetzt seit zwei Jahrzehnten Herbergsleiterin in Hannover. Heutzutage gibt es wahnsinnig viel Papierkram zu erledigen. Und dann sind da natürlich die ganz normalen häuslichen Katastrophen, die einem ständig dazwischenkommen. Am Freitag ist plötzlich die Kühlzelle in der Küche ausgefallen. Bei diesen Temperaturen. Beschaffen Sie da mal kurz vor dem Wochenende Ersatz.

Sie sind ausgebildete Polizistin. Seit nunmehr 20 Jahren leiten Sie die Jugendherberge in Hannover. Wie kam das?

Meine beiden Schwestern führen zwei Herbergen. So bin ich auf die Idee gekommen, dass das was für mich sein könnte. Es ist eine fordernde und vielseitige Aufgabe. Hannover war die einzige Herberge, für die ich mich beworben habe. Und nun bin ich schon eine ganze Weile hier und will auch nicht mehr weg. Es ist ein wirklich schönes Haus. Der Garten ist groß, und wir haben eine herrliche Terrasse mit Blick auf die Ihme.

In so einer Jugendherberge sind viele junge Menschen unterwegs. Fordern die Ihnen manchmal auch ihre Fähigkeiten als einstige Ordnungshüterin ab?

Natürlich. Für Schüler gehört es dazu, dass man während einer Klassenreise auch mal über die Stränge schlägt. Das ist doch ganz normal. Aber die Nachtruhe muss eben eingehalten werden. Was die Menschenkenntnis angeht, die mir die Aufgabe in der Jugendherberge abfordert, gibt es sicherlich Parallelen zur Arbeit bei der Polizei. Und natürlich geht es häufig darum, Situationen zu regeln und Kompromisse zu finden. 

Werden die Gäste in der Jugendherberge Hannover denn eigentlich noch zum Tisch- und Tellerdienst eingeteilt?

Nein, das ist doch lange vorbei. Das geht heute auch gar nicht mehr. Gerade im Bereich der Küche gibt es strenge Hygieneauflagen, die wir zu erfüllen haben. Da darf nicht einfach jeder mit anfassen.

Ihr Haus hat eine Auslastung von rund 50 Prozent. Die meisten Gäste sind wahrscheinlich Schüler, oder?

Natürlich kommen viele Schüler, aber auch Sportler und Seminargäste. Sobald die Jugendlichen ein bisschen älter sind, schauen die Klassengemeinschaften sehr genau darauf, in welchem Haus sie unterkommen. Viele entscheiden sich heute für ein günstiges Hotel. Wenn wir attraktiv bleiben wollen, müssen wir uns ständig neue Angebote einfallen lassen. Man muss den Leuten etwas bieten, Seminare und natürlich Komfort. Wir haben kaum noch Zimmer ohne eigene Dusche.

Komfort kostet. Eine Übernachtung mit Frühstück gibt es in der Jugendherberge Hannover ab 21,80 Euro. Wie schaffen Sie es, dieses günstige Preisniveau zu halten?

Es ist ein ständiges Ringen. Wir bekommen im Prinzip keine Zuschüsse für den laufenden Betrieb. Die Herberge muss sich von allein tragen. Wenn dann der Milchpreis plötzlich steigt, dann müssen wir sehen, wie wir zurechtkommen. Hier gehen Tonnen von Lebensmitteln durch. Da müssen wir sehr genau und ständig neu kalkulieren.

Auch junge Familien müssen kalkulieren – und entscheiden sich immer häufiger für einen Urlaub in der Jugendherberge. Auch in Hannover?

Ja, auch in Hannover haben wir Familien unter den Gästen. Sie haben hier ganz andere Möglichkeiten als in einem Hotel, vor allem kleine Kinder. Die können hier toben und durch die Flure rennen.

Wenn die Gäste die Zimmer beziehen, finden sie auf ihren Betten ein Set akkurat zusammengelegter Bettwäsche vor. Oben drauf liegt ein kleines Bonbon.  

Natürlich gibt es zur Begrüßung ein Bonbon. Das ist heute ja wohl Standard.

Interview: Vivien-Marie Drews

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