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Aus der Stadt Eine Schicht mit dem Winterdienst in Hannover
Hannover Aus der Stadt Eine Schicht mit dem Winterdienst in Hannover
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20:47 02.12.2010
Alle halbe Stunde muss Jens Halfermann seine Route dokumentieren. Einen Plan braucht er nicht mehr – seit 15 Jahren sitzt er „auf dem Bock“, die Route ist immer dieselbe.
Alle halbe Stunde muss Jens Halfermann seine Route dokumentieren. Einen Plan braucht er nicht mehr – seit 15 Jahren sitzt er „auf dem Bock“, die Route ist immer dieselbe. Quelle: Christian Burkert
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Deftige Kerle sind das, die sich hier ihre Routenpläne abholen. Breite Schultern. Kurze Sätze. Ledrige Hände. Es ist morgens um zwei, es riecht nach Matsch und Kaffee und alten Büromöbeln in der Zentrale des hannoverschen Entsorgers aha. Draußen schneit es. Weil eben Winter ist. „Ist doch noch Pillepalle“, sagt einer und guckt aus dem Fenster. Viel mehr, finden sie, ist dazu nicht zu sagen.

So gegen 1.20 Uhr hat der Pieper von Jens Halfermann in Badenstedt gepiept. Wenn es nicht schneit, fährt der 38-Jährige eine Straßenkehrmaschine durch die Stadt. An Tagen wie diesen aber ist sein Schlaf schon ein bisschen leichter, der Anruf aus der aha-Zentrale an der Karl-Wiechert-Allee vorprogrammiert, seine Frau kennt das schon. An solchen Tagen weiß die 140 Mann starke Rufbereitschaft des Winterdienstes, dass Überstunden anstehen. Vor der Tagschicht, versteht sich. Und vor allem vor dem Berufsverkehr. Halfermann mag diese erste Tour, durch den Roderbruch Richtung Misburg, wenn er noch alleine ist auf den Straßen. „Da kann man schon gut was wegschaffen“, sagt er.

Schnee und Eis haben Hannover fest im Griff. Was für die einen Spaß in weißen Wäldern bedeutet, heißt für die anderen schuften.

Halfermann ist ein Bär von einem Kerl, der Sitz seines MAN wird seinem Kreuz nicht im Mindesten gerecht, wie er da so sitzt in seinem Blaumann mit den Gummihosenträgern. Unter seiner Baseballkappe gucken seine Augen für die Uhrzeit frappierend wach durch die Frontscheibe, ein Blick, der es auf einmal wohlig warm erscheinen lässt in seiner Fahrerkabine, die sich doch tatsächlich erst langsam aufzuheizen beginnt. Das Mürrische in ihm herauszukitzeln wird sich im Laufe der Fahrt als unmöglich erweisen, nicht einmal das leidige Thema Überstunden ist dazu geeignet. Jede Stunde nämlich, die die aha-Mitarbeiter für den Winterdienst aufwenden, ist eine Überstunde, was dem nächtlichen Einsatz folgt, ist die normale Tagschicht. Wie viele Überstunden er im vergangenen Winter gemacht hat, fragt man also, aber Halfermann lacht und winkt ab. „Da will ich gar nicht drüber nachdenken.“

In der Zentrale kann man erfahren, dass der Winterdienst im vergangenen Jahr genau 81-mal im Einsatz war. Blöd sei das vor allem an Feiertagen oder Wochenenden, sagt Halfermann. Sein Sohn hat schon jetzt darum gebettelt, dass sie dieses Jahr Silvester mal zusammen böllern. Halfermann aber kann ihm das nicht versprechen, auch nicht, dass er Heiligabend lange zu Hause sein wird. Immerhin, was die Betriebsweihnachtsfeier angeht, wird er keine Terminprobleme bekommen. Die feiert der Winterdienst traditionell im Juli.

Aber wie gesagt, er will sich nicht beklagen. „Wir machen das alles schließlich nicht umsonst“, sagt er. Im Tarifvertrag sind Nacht- und Feiertagszuschläge festgeschrieben, was den Winterdienst zu keiner so unbeliebten Einrichtung macht. „Es passt schon“, sagt Halfermann.

Heute also Schneeschieben und Streuen, zehn Gramm Salz-Sole-Gemisch auf den Quadratmeter. Auf Hauptstraßen, an Bushaltestellen, vor Feuerwachen und Altenheimen. Als Halfermann den MAN durch eine 30-Zone lenkt, schippen draußen zwei Nachbarn schon den Bürgersteig. „Die Straßenräumdienste in Norddeutschland bereiten sich auf lang anhaltende Schneefälle vor“, vermelden die Drei-Uhr-Nachrichten im Radio. „Aha“, sagt Halfermann.

Nach der Misburg-Tour kommt die durch Kirchrode, dann wieder Misburg, denn einmal streuen reicht nicht in dieser Nacht. Am Ende ziehen Halfermann und seine Kollegen durch bis zum Ende der regulären Tagschicht um 14.30 Uhr. Straßen kehren kann er im Moment ohnehin nicht. Er ist ganz Winterdienst.

Ob sich schonmal Leute bei ihm bedankt haben, fragt man. Vielleicht durch einen kurzen Gruß vom Bürgersteig? Für einen Moment entgleiten ihm die Gesichtszüge. Dann lächelt er. Und schweigt.

Felix Harbart

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