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Aus der Stadt Eine Stiftung bangt um ihr Geld
Hannover Aus der Stadt Eine Stiftung bangt um ihr Geld
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21:20 23.09.2009
Von Conrad von Meding
Ehrwürdiges Haus: Seit 1897 bietet die
 Wagnersche Stiftung in Glocksee-Nähe 
bedürftigen Menschen extrem 
preiswerten Wohnraum.
Ehrwürdiges Haus: Seit 1897 bietet die
 Wagnersche Stiftung in Glocksee-Nähe 
bedürftigen Menschen extrem 
preiswerten Wohnraum. Quelle: Rainer Surrey
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Gerade einmal sechs Monate wird der Bezirksratsherr Detlef Gerberding der Wagnerschen Armenstiftung vorgestanden haben. Jetzt räumt er unrühmlich dort seinen Posten – und die politischen Ämter gleich noch mit dazu. Es ist der tiefe Fall eines Kommunalpolitikers, den keine unmittelbar politischen Fehleinschätzungen oder Fehltritte einholen, sondern das Private.

Die finanziellen Unregelmäßigkeiten begleiten den 47-Jährigen schon seit Jahren. Wobei Unregelmäßigkeiten noch ein schmeichelhaftes Wort ist. Wie sich jetzt herausstellt, ist er nicht nur wegen Betrugs rechtskräftig verurteilt worden, ein einstiger Geschäftspartner aus der Altstadt hat einen ebenso rechtskräftigen Titel über 38.666 Euro gegen ihn, weitere sollen nicht unerhebliche Forderungen angeblich in weit sechsstelliger Höhe haben. Gestern meldete sich auch einer seiner ehemaligen Vermieter bei der HAZ. Gerberding sei wegen Betruges auch ihm gegenüber verurteilt, berichtet der Mann. Der Politiker habe „fast ein halbes Jahr unter falschem Namen als Mietnomade“ in der Wohnung gelebt und dabei „weder Kaution noch Miete“ gezahlt, sagt Markus Kalsche: „Neben einer Räumungsklage zeigte ich ihn damals auch erfolgreich wegen Betruges an.“ Und er fragt: „Wie kann ein verurteilter Betrüger in der SPD das Amt des Fraktionsvorsitzenden im Bezirk Hannover-Mitte bekleiden?“

Diese Frage werden sich gestern nicht nur bei der SPD einige gestellt haben, wo die Dinge erstaunlich schnell gingen. Gerberding wurde von Parteichef Walter Meinhold einbestellt, musste den sofortigen Verzicht auf den Fraktionsvorsitz erklären sowie Bezirksratsmandat und Parteiämter ruhen lassen und durfte wieder gehen. Die SPD werde „in keiner Weise dulden, dass mit Mitteln der Johann-Jobst Wagnerschen Stiftung nicht in ihrem Sinne umgegangen wird“, teilte Meinhold später mit. Wobei das Kind ja schon in den Brunnen gefallen ist. Ob das offenbar veruntreute Geld je zurückfließen wird, bleibt abzuwarten.

Noch ist gar nicht klar, wie viel Geld Gerberding überhaupt für private Zwecke abgezweigt hat. Belegt sind bislang eine Mietwagenrechnung über 480 Euro für einen Passat, mit dem Gerberding nachweislich mit Lebensgefährten zum Langeoogurlaub gefahren ist, sowie krude Bestellungen und Nutzungen von etlichen Mobiltelefonen, die über die Stiftung abgerechnet, dort aber nicht genutzt wurden.

Dass Gerberding so unbehelligt schalten und walten konnte, liegt zum einen im System derart kleiner Organisationen begründet: Eine effektive und vor allem zeitnahe Kontrolle gegen Missbrauch scheint kaum möglich. Zum anderen liegt die Ursache mit Sicherheit auch in der Person Gerberdings. Sein Auftreten ist sehr bestimmt, meist verbindlich und recht überzeugend. In der Johann-Jobst Wagnerschen Stiftung hat er unmittelbar nach Übernahme des Vorstandsamts dafür gesorgt, dass die Barkasse bei ihm zu Hause geführt wurde und niemand mehr Einblick in die Finanzvorgänge nehmen konnte – frei nach dem Motto: „Ich erledige das schon.“ Mit diesem Verhalten hatte er Jahre zuvor auch Zugang zu der Stiftung bekommen. In der stets relativ klammen Einrichtung half er beim Renovieren von Räumen, stand auch als gut vernetzter Kommunalpolitiker gerne mit Rat und Tat zur Seite. Als klar wurde, dass der langjährige Finanzvorstand August Kasten sich vom Amt zurückziehen wollte und kein Nachfolger bereitstand, sprang Gerberding gerne ein. Sicherlich in guter Absicht, wie Weggefährten jetzt sagen: „Aber das hätte nie zugelassen werden dürfen.“

Das Tragische ist, dass es Warnungen gab. Bei etlichen Bewohnern des Stifts landeten Zeitungsausschnitte aus 2006 im Briefkasten. Damals hatte die HAZ berichtet, dass Gerberding vom Amt des stellvertretenden Bezirksbürgermeisters zurücktrat, weil eine Vorstrafe aus einem Betrugsverfahren im Zusammenhang mit Bankbürgschaften ruchbar geworden war. Auch die städtische Stiftungsaufsicht informierte den Stiftungsvorstand. „Ich mache mir jetzt natürlich Vorwürfe“, sagte Gerberdings Vorgänger Kasten gestern. Er hatte damals zwar mit Gerberding „ein ernstes Wort“ über die Vorwürfe gesprochen. „Aber er hat mir versichert, dass das Jugendsünden waren, die sich nicht wiederholen sollen“, erinnert sich Kasten. Er tat daraufhin das, was die Stiftungssatzung vorsieht: Der Vorgänger schlug den Nachfolger vor, die Stiftungsaufsicht berief Gerberding zum Vorstand.

Wie groß das Drama für die Wagnersche Armenstiftung über das Persönliche hinaus ist, ist noch völlig unklar. Derzeit hat niemand Übersicht über die Konten. Die Stiftung rechnet damit, dass bis zu 30.000 Euro fehlen, zum Teil womöglich privat verschwendet, zum Teil mit ominösen Aufträgen verprasst. Bei dem geringen Etat der Stiftung – der Jahresumsatz beträgt nur rund 250.000 Euro – kann das schlimme Folgen haben. „Ich weiß nicht, ob wir derzeit noch Renovierungen bezahlen können, wenn eine Wohnung frei wird“, sagt Kasten. Gerberding will jetzt alles aufklären lassen, indem er einen Wirtschaftsprüfer mit der Sichtung der Geldströme beauftragt hat – wahrscheinlich auf Kosten der Stiftung. Kommunalpolitiker von CDU und FDP prangern an, dass die Verfehlungen Gerberdings in der SPD längst bekannt waren und niemand gehandelt habe. In der Stiftung hingegen beginnt das Nachdenken über die Zukunft. „Ich will gerne wieder helfen und in der allergrößten Not auch wieder als Vorstand in die Bresche springen“, sagt Kasten. Eines will er verhindern: Dass die Stiftungssatzung erfüllt wird und Gerberding selbst seinen Nachfolger benennt.

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Conrad von Meding 23.09.2009