Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Zwischen Volksfest und Volkshochschule
Hannover Aus der Stadt Zwischen Volksfest und Volkshochschule
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:23 03.10.2014
Von Felix Harbart
Foto: Überall gibt es Musik, fast sämtlich in englischer Sprache natürlich, so viel Thüringer Rostbratwurst, schwäbische Maultaschen und Fischbrötchen von der Nordsee, dass der Anlass des Festes beinahe ein bisschen verblasst.
Überall gibt es Musik, fast sämtlich in englischer Sprache natürlich, so viel Thüringer Rostbratwurst, schwäbische Maultaschen und Fischbrötchen von der Nordsee, dass der Anlass des Festes beinahe ein bisschen verblasst. Quelle: Peschke
Anzeige
Hannover

Man muss nur mit dem Zelt der Bundesregierung anfangen und von der richtigen Seite kommen, dann ist das erste, was man vom Einheitsfest der Deutschen sieht, der Stand der Geschäftsstelle Bürokratieabbau im Bundeskanzleramt. Die Frage, ob der Name nicht ein Widerspruch in sich sei, pariert Mitarbeiter Mark Spindler mit einer Binse: „Soldaten bekämpft man mit Soldaten, Bürokraten mit Bürokraten.“ Also stehen sie da, die Abgesandten einer Zwölf-Mann-Truppe im Dienste der Kanzlerin, und verteilen Flugblätter, auf denen steht: „Nennen Sie uns Beispiele für unnötige Bürokratie.“

Die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Hannover haben begonnen. Zwei Tage lang wird am Maschsee ein großes Bürgerfest zelebriert.

Alle 16 Jahre wird Hannover mit dem Ausrichten der Einheitsfeierlichkeiten an der Reihe sein, sofern sich in der Zwischenzeit an der Zahl der Bundesländer nichts ändert. Wie es in 16 Jahren sein wird, kann niemand sagen, aber im Jahr 2014 begegnet dem unbedarften Besucher ein Land, dem man anmerkt, dass es sich über manches noch nicht ganz im Klaren ist. Eines, das zum Beispiel nicht recht weiß, ob es sich möglichst gut an die deutsche Trennung erinnern, oder sie lieber möglichst gut verdrängen soll. Während im Zelt des Bundesrates Filmausschnitte vom 9. November 1989 laufen, können Besucher gleich nebenan, am Stand der Stasi-Unterlagen-Behörde, auf einer Deutschland-Karte die ehemalige Grenze einzeichnen. Einer schlägt das bayerische Hof dabei der Ex-DDR zu, und wie immer, wenn das passiert, freuen sich alle, wie gut man offenbar schon zusammengewachsen ist.

Und so changiert die hannoversche Einheitsfete zwischen Volksfest und Volkshochschule. Auf der Willy-Brandt-Allee vor dem Landesmuseum steht neben dem Flammkuchenstand einer für Informationsmaterial. „Haben Sie die Geschäftsordnung des Bundestages?“, fragt ein Mann. In einer Hand hält er einen Stapel Faltblätter, in der anderen den Luftballon, den er am Stand von Sachsen bekommen hat.

 

Am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer haben sie vier Tage lang die Länderpavillons aufgebaut, was den Verkehr in der Innenstadt die ganze Woche lahmgelegt hat. Jetzt sieht man, wozu es gut war. Unter anderem kann Wolfram Fichtner vom Frankfurter Flughafen im Hessen-Zelt Besucher in einen Flugsimulator setzen. Ob es auch mal um den Sinn und Unsinn verlängerter Startbahnen geht? „Das ist hier eher unpolitisch“, sagt Fichtner. Derweil steht Hermann Fleischer in der Kluft eines sächsischen Bergmanns des 19. Jahrhunderts vor dem Zelt seines Heimatlandes und erklärt Besuchern, dass es jene Bergleute waren, die sich als erste gegen ihre Fürsten auflehnten. Knapp 150 Jahre später lehnten sich zu allererst die Sachsen gegen die alten Männer des ZK der DDR auf.

Zwischen Rostbratwurst und Fischbrötchen

So viel Musik gibt es überall, fast sämtlich in englischer Sprache natürlich, so viel Thüringer Rostbratwurst, schwäbische Maultaschen und Fischbrötchen von der Nordsee, dass der Anlass des Festes beinahe ein bisschen verblasst. Martin Hohmann und seine Frau Christine aus Langenhagen sind all das abgeschritten und fällen ein wohlwollendes Urteil. „Ich war am Stand meines Heimatlandes Thüringen“, sagt Martin Hohmann. „Sie haben das geboten, was sie eben ausmacht.“ Nun haben sie im Berliner Zelt eine kleine Pause eingelegt, was Christine Hohmann entgegenkommt, die aus Berlin stammt. Aus Ost-Berlin, genaugenommen.

 „Wie sich Klein Fritzchen den Mauerfall vorstellt“

Dort lebten die Hohmanns auch 1989 noch. Martin Hohmann war Teil der Ost-Berliner Kirchenleitung, und beide erlebten die langsame, schwer zu glaubende Erosion der DDR mit. „Ziel war ja eine Demokratisierung, keine Wiedervereinigung“, sagt Martin Hohmann. Von ihrer Wohnung aus konnten die Hohmanns den Grenzübergang Bernauer Straße sehen, von dem sie nicht glaubten, dass er mal aufgehen würde. Dann aber, als die Mauer am 9. November wirklich fiel, „war es so, wie sich Klein Fritzchen den Mauerfall vorstellt“, sagt Christine Hohmann. „Ein Teil wurde herausgenommen, und alle strömten hindurch.“

Die Hohmanns warteten noch bis zum 11. November, bis sie erstmals hindurchgingen. „Man konnte immer noch nicht sicher sein, dass einem nicht ein Grenzer hinterherschießt“, sagt Christine Hohmann. „Die wussten ja selber nicht, was sie machen sollten.“

Cooles Berlin-Flair des 21. Jahrhunderts

Das alles erzählen sie, während im Hintergrund ein DJ mit Zottelbart Platten auflegt, um das coole Berlin-Flair des 21. Jahrhunderts zu verbreiten. Martin Hohmann aber ist in Gedanken im Berlin des Jahres 1989. Während er spricht, füllen sich seine Augen mit Erinnerungen, und plötzlich weiß man wieder, warum eigentlich alle gekommen sind zu diesen Tagen der Einheit in Hannover.

Aus der Stadt Sporttalk im Niedersachsenzelt - „Nie wieder Bronze“
Andreas Schinkel 05.10.2014
Aus der Stadt Einheitsfeier legt City lahm - Stau bis in den späten Abend
02.10.2014