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Aus der Stadt Erdwärmeprojekt GeneSys am Geozentrum verzögert sich um ein Jahr
Hannover Aus der Stadt Erdwärmeprojekt GeneSys am Geozentrum verzögert sich um ein Jahr
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09:41 28.12.2010
Von Rüdiger Meise
Zurzeit liegt Schnee auf dem Ventilsystem, das das Bohrloch am Gelände des Geozentrums abschließt. Quelle: Surrey

Dass es Komplikationen geben würde, damit hatte man bei dem spektakulären Erdwärme-Pilotprojekt GeneSys rechnen müssen. Ursprünglich war geplant, ab 2013 das Geozentrum in Lahe mit Erdwärme aus 3900 Metern Tiefe zu versorgen. Jetzt rechnet Projektleiter Peter Gerling mit einer Verzögerung von etwa einem Jahr. Zunächst muss ein gigantischer unterirdischer Wassertank angelegt werden, den das bisherige Konzept nicht vorsah. Wesentlich teurer soll das Projekt dadurch aber nicht werden. Gerling rechnet mit 24 Millionen Euro Gesamtkosten. Ursprünglich war mit 15 Millionen Euro kalkuliert worden, zuletzt war von rund 20 Millionen Euro die Rede.

Im Jahr 2008 wurde mit der Bohrung eines 3900 Meter tiefen Lochs in Lahe die Grundlage für die Erdwärmeversorung des Geozentrums mit seinen 1000 Mitarbeitern geschaffen. Dann entdeckten die Wissenschaftler, dass die Erde in dieser Tiefe mit 169 Grad sogar rund 20 Grad wärmer ist als vermutet – gut für das Projekt. Jetzt aber stellten sie fest, dass das Gestein unter Hannover dichter ist als angenommen – und das schafft Probleme. „Vor der Hacke ist es duster“, sagt Gerling – und zitiert einen alten Bergbauspruch. Gemeint ist, dass das Erdreich immer wieder Überraschungen für die Arbeiter bereithält, die auch mit modernen Analyseverfahren nicht vorherzusehen sind.

Wegen der Festigkeit des Gesteins ist die ursprünglich geplante Form der Heißwasserförderung aus der Tiefe nicht möglich. Gedacht war, das Wasser durch speziell isolierte Rohre im Bohrloch permanent zwischen 3900 Metern Tiefe und dem Geozentrum an der Oberfläche zirkulieren zu lassen.

Die Forscher planen stattdessen nun, in 1300 Metern Tiefe einen Zwischenspeicher für 100. 000 Kubikmeter Heißwasser anzulegen. Dafür soll ein natürlicher Porenraum in einer in dieser Tiefe entdeckten Gesteinsschicht genutzt werden. Würde das Geozentrum statt dieses natürlichen Zwischenspeichers einen Tank an der Oberfläche bauen, müsste er die Größe einer zehn Meter hohen Halle haben, die eine Fläche von knapp zwei Fußballfeldern umfasst.

Während der Heizperiode im Winter sollen 100.000 Kubikmeter heißes Wasser aus 3900 Metern Tiefe gefördert und mittels eines Wärmetauschers zur Wärmeversorgung des Geozentrums genutzt werden. Anschließend wird das dann auf etwa 70 Grad abgekühlte Wasser in den Zwischenspeicher geleitet. Nach dem Ende der Heizperiode im Frühjahr soll das Wasser wieder in 3900 Meter Tiefe gepumpt werden, wo es sich erneut aufheizen soll. „Wir nennen dieses halbjahreszyklische System Huff-Puff“, sagt Gerling.

Bis es so weit ist, muss zunächst mit hohem Wasserdruck ein System von Rissen in das Gestein in 3900 Meter Tiefe gepresst werden. In diesen Rissen wird sich später das Wasser erhitzen. Um die 100.000 Kubikmeter speziell behandeltes, bakterienfreies und sauerstoffarmes Wasser fassen zu können, muss der Umfang der Risse etwa einen halben Quadratkilometer betragen. Wie die Risse in der Tiefe verlaufen werden, können die Forscher nicht planen. Sie versuchen aber, mit einem System von vier sogenannten Geophonen, die in verschiedenen Tiefen angebracht werden, die Rissbildung zu überwachen. „Wir hoffen, damit das Knistern lokalisieren zu können, das bei der Bildung der Risse entsteht“, sagt Gerling.

„Knistern“ ist allerdings ein niedlicher Begriff für die Gewalt, die die Forscher in 3900 Metern Tiefe entfachen. Voruntersuchungen haben ergeben, dass für die Risserzeugung eine Wassermenge von 20 000 Kubikmetern nötig ist, die mit einem Druck von mehr als 700 Bar ins Erdreich gepresst wird – der Druck ist etwa 300-mal höher als der in einem Autoreifen. Dieser Arbeitsschritt war ursprünglich für den Herbst 2010 geplant, nun soll er 2011 erfolgen.

Dass durch das Projekt kleinere Erdbeben ausgelöst werden könnten – wie es beim pfälzischen Geothermiekraftwerk Landau geschah – glaubt Gerling nicht. In Landau wird ein Erdwärmekraftwerk für mehrere kleinere Erdbeben in den Jahren 2009 und 2010 verantwortlich gemacht – der Betreiber zahlte Hauseigentümern bereits Entschädigungen.

„Solche Beben sind nur aus dem Rheintal und der Voralpenregion bekannt“, sagt er, „in Norddeutschland haben wir andere geologische Voraussetzungen.“ Eine Salzschicht oberhalb des Risses wirke unter Hannover als geologischer Puffer. Dennoch werde jeder Arbeitsschritt akribisch überwacht und die Bevölkerung in den nahen Wohngebieten über das Projekt fortlaufend informiert. Fachleute des hannoverschen Geozentrums arbeiten an der Ursachenforschung der Beben in Landau mit, um auszuschließen, dass Vergleichbares hierzulande geschieht.

Am 24. Juni 2009 beginnen die Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) am Geozentrum in Lahe das tiefste Loch der Region zu bohren. Im Dezember 2009 ist die Endtiefe von 3901 Metern erreicht – dort herrscht eine Temperatur von 169 Grad Cesius.

Um das gesamte Geozentrum, in dem mehr als 1000 Menschen arbeiten, ab 2014 geothermisch beheizen können, wird in Groß-Buchholz eine Heizzentrale gebaut. Außerdem gibt es ein übergeordnetes Ziel – nämlich zu beweisen, dass Erdwärme grundsätzlich auch in Norddeutschland genutzt werden kann, obwohl hier die geologischen Verhältnisse deutlich ungünstiger sind als im Süden.

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