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Aus der Stadt Ermittler verhaften Mafia-Kassierer
Hannover Aus der Stadt Ermittler verhaften Mafia-Kassierer
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06:19 09.05.2014
Von Andreas Schinkel
Foto: Eine Schießerei am Maschsee brachte 2008 die Ermittler auf die Spur der „Diebe im Gesetz“.
Eine Schießerei am Maschsee brachte 2008 die Ermittler auf die Spur der „Diebe im Gesetz“. Quelle: Christian Elsner (Archiv)
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Hannover

Seitdem leitet Hannovers Staatsanwaltschaft bundesweit die Einsätze und Ermittlungen.

Vorgeworfen werden den Inhaftierten zahlreiche Erpressungen und Betrugsstraftaten. Zudem sollen sie einen umfangreichen Zigarettenschmuggel betrieben haben. In Hannover hat sich die Bande vor allem auf Betrügereien kapriziert. Die mutmaßlichen Täter haben nach Angaben der Staatsanwaltschaft Scheinfirmen gegründet, „hochwertige Industriegüter“ geleast und die Waren dann ohne Zahlung der Raten verkauft. Die hannoverschen Ermittler gehen von einer Schadenssumme von 300.000 Euro aus, „vermutlich noch deutlich mehr“, sagt der Sprecher der hannoverschen Staatsanwaltschaft, Jürgen Lendeckel. „Noch befinden wir uns im Stadium des Verdachts. Jetzt wird weiter ermittelt.“ 90 Beamte waren am aktuellen Einsatz beteiligt.

Nach der Schießerei am Maschsee 2008 waren vier Männer verhaftet worden, am Ende musste einer von ihnen für zweieinhalb Jahren ins Gefängnis. Von Anfang an hatte man bei Hannovers Polizei den Verdacht, dass mehr hinter dem Vorfall stecken könnte als ein undurchsichtiger Streit zwischen vier Osteuropäern. Man ging den Spuren in Richtung organisiertes Verbrechen nach und stieß auf die „Diebe im Gesetz“.

Die Organisation gliedert sich auf in lokal operierende Banden. Diese sind straff und hierarchisch organisiert. Wichtigste Figur ist nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft der „Kassenwart“, der die Finanzen der Gruppe verwaltet. Die Mitglieder händigen dem Kassenwart Anteile ihrer Beute aus. Lendeckel sagt, das System funktioniere ähnlich wie bei einer Vereinskasse, in die alle einzahlten. Stellt der Kassenwart fest, dass ein Mitglied seinen Beitrag nicht ordnungsgemäß geleistet hat, treibt er die fehlende Summe ein – notfalls mit Gewalt. Ein derart eskalierender Streit sei auch Anlass der Schießerei am Maschsee vor sechs Jahren gewesen, vermutet die Polizei.

Die Ursprünge der „Diebe im Gesetz“ gehen auf die Zarenzeit zurück. Dort wurde die Bande als eine Art Robin Hood verehrt. Der Name, so wird vermutet, ist jedoch in den Gefangenenlagern der Stalin-Ära entstanden. Dort schlossen sich Kriminelle, aber auch Regimegegener zusammen und bildeten eine Bruderschaft, um gegen die Repressionen zu bestehen. Als Erkennungszeichen dienen damals wie heute Tätowierungen, die von Straftaten und Gefängnisaufenthalten künden und den Rang eines Gruppenmitglieds illustrieren. Die „Diebe im Gesetz“ bilden eine Subkultur, leben nach eigenen Regeln, geben sich eine eigene Gerichtsbarkeit.

Die hannoversche Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass in Russland die Fäden aller deutschen und europäischen „Diebe im Gesetz“ zusammenlaufen. Auch der Boss der hannoverschen Gruppe befindet sich mutmaßlich im Ausland. Zu dem jetzt festgenommenen Mitglied der Hannover-Sektion gab es gestern keine weiteren Angaben von der Staatsanwaltschaft.

Bundesweite Festnahmen nach Maschsee-Schüssen

Ausgerechnet an der idyllischen Maschsee-Löwenbastion stießen Polizei und Staatsanwaltschaft 2008 auf die Spur der russisch-eurasischen Mafia in Deutschland. Dort waren vier Männer osteuropäischer Herkunft in Streit geraten. Ein Armenier aus dem Quartett zückte zwei Pistolen und schoss auf einen Russen. Nur einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass eine der Waffen, die mit scharfer Munition geladen war, Ladehemmungen hatte. Die zweite Pistole war eine Schreckschusswaffe. Der Russe konnte fliehen.

Der Fall gab Rätsel auf, denn die Ursache des Streits blieb im Dunkeln. Mit Tauchern suchte die Polizei den Grund des Sees nach der scharfen Waffe ab, ohne Erfolg. Im Januar 2009 begann der Prozess. Der Armenier meinte, dass auch sein Kontrahent eine Waffe gezogen und geschossen habe. Sachverständige des Landeskriminalamtes fanden tatsächlich Schmauchspuren am Jackenärmel des Russen. Am Ende folgte das Gericht einem anderen Indiz: Nach Lage der Projektile am Tatort musste es sich um einen einzigen Schützen gehandelt haben. Der Armenier wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

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