Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Raum für die Kunst
Hannover Aus der Stadt Raum für die Kunst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 11.04.2014
Von Conrad von Meding
Foto: Viel Licht von oben und eine opulente Treppe: Im Neubau des Sprengel Museums sollen die Räume tanzen.
Viel Licht von oben und eine opulente Treppe: Im Neubau des Sprengel Museums sollen die Räume tanzen. Quelle: Rainer Surrey
Anzeige
Hannover

Im sogenannten Placement entfährt den Besuchern das erste Mal ein lautes „Oh!“. Der Raum ist 377 Quadratmeter groß, fast so groß wie heutiges Einfamilienhausgrundstücke am Stadtrand.Vor allem aber öffnet er sich mit voller Höhe von zwölf Metern gen Süden. „Dieser Raum“, wird Reinhard Spieler später sagen, „wird künftig einer sein, in dem Hannover sich wirklich auf Weltklasseniveau präsentieren kann.“ Empfänge, Eröffnungen, Feiern soll es hier geben. Mit seiner Raumspirale ist er von der Museumsterrasse aus separat zugänglich und kann mit schweren Stahltüren vom Museum komplett abgekoppelt werden. Hier wird Hannover manche feine Veranstaltung erleben. Aber es ist nicht der einzige Hingucker.

Eine exklusive Führung

Das Sprengel Museum erhält nach langer Wartezeit endlich seinen letzten Bauabschnitt. Seit Monaten diskutiert die Stadt vor allem über Probleme beim Kosten- und Bauzeitmanagement. Da drohte fast aus dem Blick zu geraten, was Hannover durch die Fertigstellung seines weltberühmten Museums der Moderne gewinnt. Der Verein der Freunde des Sprengel Museums hatte deshalb gemeinsam mit der Sparkassenstiftung und der Stiftung Niedersachsen den neuen Museumsdirektor Spieler um einen „Blick in die Zukunft“ gebeten. Und der hat geliefert – mit einer exklusiven Führung.

Noch sind die Fenster nicht eingesetzt, überall lugen Kabel und Rohre aus den Rohbauwänden. Doch jetzt schält sich heraus, welche Qualität die Schweizer Architekten Meili + Peter am Maschsee schaffen. Sind die Laufwege des bisherigen Museumsbaus an vielen Stellen verwinkelt und zerklüftet, so präsentiert sich der Neubau jetzt mit klarer Raumfolge. „Das Gebäude hat Kraft“, freut sich Angela Kriesel, die Tochter der Museumsgründer,  nach dem Rundgang: „Es macht Lust aufs Museum.“ Sabine Schormann von der Sparkassenstiftung ist begeistert: „Elegant und mit einem wunderbaren Raumeindruck“ komme der Anbau daher.

„Tanzende Räume“ hatten die Architekten versprochen. Gemeint sind ungewöhnliche Winkel und Perspektiven. Davon sieht man noch nichts – die Räume müssen den Tanz erst noch lernen. „Aus Kostengründen sind die Betonwände in rechten Winkeln gegossen, das tanzende Element kommt später mit dem Trockenbau“, klärt der Direktor die Besucher auf. Doch selbst an einem trüben Spätnachmittag wie gestern ist spürbar, mit wie viel Licht die Räume gesegnet sind. Es flutet durch die Decke, wird später mit Transparenzfolie matt gebrochen und bei Bedarf unmerklich mit Kunstlicht ergänzt.

Die Wissenschaftler und Kuratoren sitzen jetzt regelmäßig zusammen und beraten, welches Werk wo hängen soll. Das Calder-Mobile (er schuf auch den roten „Hellebardier“ vor dem Museum) etwa wird im Placement von der Decke hängen. Das berühmte Porträt der Otto-Dix-Eltern soll ebenfalls in den Neubau umziehen. Im Obergeschoss wird es einen Rundgang durch die Zimmerflucht der Ausstellungsräume geben. Start ist natürlich mit persönlichen Werken aus der Sammlung von Margit und Bernhard Sprengel: Nolde, Picasso, Beckmann, Klee. In der Nähe des Sprengel-Raums: eine der drei Loggien, die mit großen Fenstern Ausblick über den Maschsee bieten. Sitzmöbel sollen dort zum Ausruhen einladen, Bücher zum Blättern und ein Fernseher zum Gucken. Ein Fernseher? Natürlich laufen dort keine US-Serien. „Wir haben einen Film über Sprengel in Auftrag gegeben“, verrät Spieler. Aber auch der Blick auf den Maschsee müsse keine pure Kontemplation sein. Der Anblick soll auch zum Nachdenken darüber anregen, dass der See in den dreißiger Jahren ausgehoben wurde, sagt Spieler – zu der Zeit hat Sprengel seine Sammlung angelegt. Gleich nebenan sollen sich Avantgarde – von den Nazis als Entartete Kunst verbrämt – und die damals offizielle Kunst gegenüberstehen. Beckmanns von Ungewissheit geprägte Skulptur „Mann im Dunkel“ führt dann wieder zurück in den Sprengel-Raum. Fast ein Epos.

Große Interesse beim Rundgang im Anbau des Sprengel Museums: Freunde und Förderer des Museums waren eingeladen, die Baustelle zu besichtigen. Die ersten Bilder aus dem Innenraum:

Endlich soll es dann auch Platz geben für die Sammlung der Neuen Sachlichkeit, und vor allem für den Schwerpunkt der Fotografie, wo derzeit Verhandlungen über weitere Übernahmen laufen. Endlich aber soll auch für die wissenschaftliche Arbeit im Museum adäquat Raum sein. Die Depots erhalten mehr Platz, das derzeit verstreute Grafikarchiv wird zusammengefasst, die Foto-Restaurierungswerkstatt und der Rahmenbau erhalten neue Räume.

Ein Problem allerdings wird der Direktor nicht müde zu betonen. Unabhängig von allen Finanzierungsfragen beim Neubau muss er dringend auch den Bestandsbau auf Zack bringen. Der grüne Teppich im Untergeschoss etwa sei indiskutabel, der Skulpturenhof sanierungsbedürftig. „Wir dürfen nicht zulassen, dass es mit der Eröffnung des Neubaus ein Zweiklassensystem im Museum gibt“, drängt Spieler: „Ich bin für jeden Cent dankbar, den wir noch einwerben können.“

Stefan Becker, Vorsitzender des Sprengel-Freundeskreises, ist zuversichtlich, dass die Begeisterung fürs Museum steigt, je näher die Eröffnung rückt. „Ich bin beeindruckt, wie weit der Bau schon fortgeschritten ist“, sagt er. Nächste Woche will die Stadt Details zur Fassade vorstellen, die hinter dem Gerüst erkennbar ist. Der Bau hat seine äußere Form längst erreicht. Jetzt wird das Innenleben mit Format gefüllt.

Jörn Kießler 09.04.2014
Gunnar Menkens 11.04.2014
Aus der Stadt Schullandheime leiden unter Klassenfahrtboykott - Zimmer frei
10.09.2014