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Aus der Stadt Erster Treppen-Marathon in Hannover
Hannover Aus der Stadt Erster Treppen-Marathon in Hannover
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20:35 22.02.2015
Von Michael Zgoll
Die neun Teilnehmer vor dem Start.  Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Manche Menschen schnaufen schon, wenn sie vier Etagen zu Fuß gehen müssen. Für andere sind 13 Etagen eine echte Herausforderung. Und dann gibt es - dieser Ausdruck sei erlaubt - Verrückte. Sie laufen diese 13 Etagen nicht einmal rauf und runter. Nicht 10-mal. Nicht 100-mal. Sondern 194-mal. So geschehen am Sonnabend im Hochhaus des Annastift-Berufsbildungswerks an der Wülfeler Straße. Neun Extremsportler sind etwas angegangen, was noch nie jemand versucht hat. Einen Treppenhaus-Marathon, 42,195 Kilometer in der Vertikalen. Jetzt ist Tischler Jan Bergmann aus Hagenburg Weltmeister und Weltrekordler in einer Disziplin, die es bislang noch nicht gab. Im Treppenhaus-Marathon.

Der 37-Jährige aus dem Örtchen am Steinhuder Meer hat die Tortur als erster beendet. Nach 11 Stunden und 38 Minuten, mit vielen Hochs und Tiefs. In Durchgang 65, erzählt der jüngste Teilnehmer im Feld, habe er kurz überlegt aufzugeben. In Runde 165 hatte er Kreislaufprobleme, sah so blassgrau aus, dass ihm Ärztin Michaela Serttas eine Extraportion Isodrink mit Elektrolyten an die Hand gab. Doch im Ziel, sagt Bergmann mit stolzem Lächeln, würden nur die Waden etwas zwicken: „Und nachher gehe ich noch einen Döner essen.“ 222 Marathonläufe hat der Extremsportler bislang absolviert, ist 245 Kilometer von Birmingham nach London gerannt und 100 Meilen auf der Route 66 in den USA. Jetzt hat er das Hochhaus des Annastifts bezwungen.

Treppauf - Treppab

Gut 42 Kilometer, das ist die Strecke vom hannoverschen Hauptbahnhof nach Burgdorf. Treppauf. Und dann wieder treppab. Nur in viel mehr Intervallen. 5044 Etagen. Sechs der neun Laufwunder haben diesen Weg am Wochenende komplett bewältigt. Doch auch die Übrigen leisteten Erstaunliches.

Als Laufstrecke entdeckt hat das gut belüftete Treppenhaus in der Mittelfelder Betonburg Horst Liebetruth, Business-Coach und Personaltrainer aus Uetze. Seit drei Jahren übt er das Treppensteigen im Turmanbau, von dessen oberen Etagen man einen fantastischen Blick über das Expo-Gelände genießen kann. Wenn man die Zeit dafür hat. Der 50-Jährige bewältigte bereits vorab Tausende von Stufen und jonglierte dabei mit Fünf-Kilo-Bällen. Schnallte sich für seinen Stufenplan auch schon mal eine 20-Kilo-Weste um.

Jetzt hat Liebetruth die Marathon-Weltmeisterschaft organisiert. Er will immer wieder neue Grenzen ausloten. Hat bei einer Klimmzug-Meisterschaft den ersten Platz belegt. Ist auf dem Mountainbike rückwärts den Brocken hinuntergeradelt. Oder hetzte beim Towerrunning die 86 Stockwerke des Empire-State-Buildings in New York hinauf. Als er beim sächsischen Mount-Everest-Marathon auf der Spitzhaustreppe am Elbufer zweimal gescheitert war, leistete er einen Schwur. Es lasse sich eher „von der Treppe runterschaben“, bevor er noch einmal Schiffbruch erleide. Inzwischen hat der Sportler die 84-Kilometer-Distanz mit ihren 100 Durchgängen zweimal geschafft. Geht doch. Und hat am Sonnabend in Hannover den dritten Platz belegt.

„Der bequeme Weg ist nicht immer der bessere“

Was für Menschen sind es, die sich und ihrem Körper so Unfassbares zumuten? Die Lust am Leiden haben und ihr Ego mit immer neuen Höchstleistungen füttern? Zu den Startern, die morgens um acht am Annastift loslaufen, zählen ein Rechtsanwalt, ein Maschinenbautechniker, ein Berufssoldat. Etliche Teilnehmer haben Familie, genießen die Anerkennung der Verwandten, die sie vor Ort anspornen. Auch zwei Frauen erklimmen neue Höhen: die Mathematikerin Andrea Selent aus Hannover, 49 Jahre alt, und die 54-jährige Physikerin Gabi Hirsemann. Sie wird schlussendlich den zweiten Platz belegen. Das Motto der asketisch wirkenden Frau, die ihr Laufpensum still und in sich gekehrt abspult: „Der bequemere Weg ist nicht immer der bessere.“ Ebenso wie die übrigen Treppenläufer hat sie schon etliche Extrem-Projekte gestemmt. Ist 5000 Kilometer mit dem Rad durch China gefahren oder 9000 Kilometer rund um die Türkei. In drei Monaten.

Die Teilnehmer laufen im Treppenhaus des Annastiftes an der Wülfeler Straße vom Untergeschoss bis zur zwölften Etage und wieder zurück. 83.808 Stufen müssen bewältigt werden.

Andere Treppenhausbezwinger bedenken die Helfer, die in Untergeschoss und zwölftem Stock die Listen führen und die Hochleistungsläufer ermuntern, gerne mit einem Spruch. Andrea Selent etwa, die am Ende Vierte wird, verliert ihre Freundlichkeit auch nach zehn Stunden nicht. Lächelt das Leiden weg. Frohnatur Frank Pachura aus Dortmund, der sich und seine Mitstreiter immer wieder filmt, motiviert sich auf eigene Art: „Schweinehund, halt die Klappe.“ Ist das jetzt ein Treppenwitz?

Beim Stufensteigen, erklärt Medizinerin Serttas, werden einige Muskelgruppen viel stärker beansprucht als beim gewöhnlichen Marathon: die Hüftbeuger, die Waden und - vor allem durch die weiten Wege hinab - die Kniegelenke. „Nach acht Stunden“, so ihre Erfahrung, „ist das Runter für viele Läufer anstrengender und schmerzhafter als das Rauf.“ Empirische Erfahrungen, wie sich Marathonläufe in Treppenhäusern langfristig auf den Körper auswirken, gebe es aber nicht - weil das bis zu diesem Tag noch niemand ausprobiert hat.

Bei Feuerwehrmann Sven Kaiser ist es das linke Knie, das ihn ab Durchgang 90 erheblich plagt. Auch der Physiotherapeut kann hier nicht mehr helfen. Doch mithilfe des Treppengeländers zieht sich Kaiser weiter bergauf, hangelt sich wieder hinab. Wenigstens die 100 Runden will er reißen - und schafft sie auch, Punkt 18.40 Uhr. Zum Stolz fürs Durchhalten gesellt sich die Freude, dass seine Frau extra aus Berlin vorbeikommen will, um ihn abzuholen.

Verlaufen kann man sich nicht

Was macht man so, wenn man den ganzen Tag in einem Treppenhaus herumrennt? In einem Schacht, in dem es zunehmend nach Schweiß riecht? Horst Liebetruth hört über Kopfhörer Musik. Die Hand am Treppengeländer, die Augen geschlossen - verlaufen kann man sich hier nicht. Gerald Fuchs wartet mit dem Satz auf: „Gehirn abschalten, das raubt den Muskeln den Sauerstoff.“ Tunnelblick: Auch dieses Wort macht gern die Runde. Der anhaltende Blick auf das beigefarbene Linoleum auf den Treppenabsätzen bringt allerdings kaum Abwechslung, ebenso wenig wie die 83 808 Stufen mit den schwarzen Gummilippen. Ob man sie kleinteilig abarbeitet oder im rasanten Zwei-Stufen-Takt, das ist gehupft wie gesprungen.

Am Ende geht alles gut. Kein Treppensteiger hat sich verletzt, kurzzeitige Muskelkrämpfe sind vergessen. An das Theater, das der Körper morgen machen wird, mag jetzt noch keiner denken. Als letzter legt Christian Pflügler, Soldat aus Münster, die Beine hoch. Nachts um halb zwei, nach Durchgang 150. Schon in der dritten Runde hatte er beängstigend gekeucht, war aber immer besser in Tritt gekommen. Am späten Nachmittag, am Verpflegungstisch, fragte ihn eine Helferin, ob sie etwas für ihn tun könne. „Ja, mich bewundern“, feixte er. Doch jetzt ist Feierabend. Nach quälend langen 17,5 Stunden hat der 47-Jährige sein Ziel erreicht. Und die Sache mit der Bewunderung? Läuft.

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