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Aus der Stadt Exil-Iraner treten zum Christentum über
Hannover Aus der Stadt Exil-Iraner treten zum Christentum über
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19:20 20.06.2010
Von Hannah Suppa
Bekenntnis zum christlichen Glauben: Thomas Höflich tauft den Iraner Ramyar.
Bekenntnis zum christlichen Glauben: Thomas Höflich tauft den Iraner Ramyar. Quelle: Martin Steiner
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Es kommt nicht oft vor, dass in einer evangelischen Kirche ein Gottesdienst mit einem Dolmetscher abgehalten werden muss. Am Sonnabend jedoch kamen in der Kreuzkirche in der Altstadt gleich zwei Übersetzer zum Einsatz, um die Worte von Pastor Hans-Jürgen Kutzner und des stellvertretenden Stadtsuperintendenten Thomas Höflich vom Deutschen ins Persische und Arabische zu übertragen. 43 Muslime, vorwiegend aus dem Iran, aber auch aus Kurdistan, kamen aus ganz Deutschland in der hannoverschen Kirche zusammen, um sich beim ersten großen Tauffest des Stadtkirchenverbandes taufen zu lassen und damit vom Islam zum Christentum überzuwechseln. Bei vielen von ihnen ist noch nicht über den Asylantrag entschieden.

Die Neuchristen bekannten sich in einem feierlichen, knapp zweistündigen Gottesdienst, der mit persischer Musik begleitet wurde, zum christlichen Glauben. Eine oftmals gefährliche Entscheidung, sagt Kutzner, der als Iranbeauftragter der hannoverschen Landeskirche arbeitet. „Man muss einkalkulieren, dass bei so einer Veranstaltung der iranische Geheimdienst dabei ist“, sagt der Seelsorger. Angst, dass der Glaubenswechsel schwere Folgen für ihn haben könnte, hatte zumindest der 14-jährige Ramyar aus Kassel nicht. „Einige Leute in meinem Umfeld haben negativ geredet, aber das ist mir egal“, sagt der junge Iraner, der vor etwa zwei Jahren mit seinem Vater aus seiner Heimat flüchtete. Dieser ließ sich bereits vor einem Monat christlich taufen.

Seit etwa einem Jahr, seit es auch im Iran immer mehr Widerstand gegen das Regime gebe, sei die Zahl der Konvertiten gestiegen, berichtet der Iran-Seelsorger Kutzner. In der hannoverschen Gartenkirche werden bereits an jedem letzten Sonnabend im Monat Exil-Iraner aus dem gesamten Bundesgebiet getauft. Die Abkehr vom Islam sei für viele „ihr kleiner Beitrag zum Aufbruch und auch ein kleiner Protest gegen die Vorgänge im Heimatland“, sagt Kutzner.

So ähnlich sieht es auch ein 25-Jähriger aus Wilhelmshaven, der vor zwei Jahren aus Kurdistan geflüchtet ist. „Ich empfinde das Christentum als freier, im Islam gibt es zu viele Verbote“, sagt er. Er möchte anonym bleiben, zu viel Angst hat der 25-Jährige vor dem Staat und seiner noch in der Heimat lebenden Familie, die ihn wegen des Glaubenwechsels mit dem Tod bedroht habe.

Die Taufe der Exil-Iraner war der Höhepunkt des ersten Tauffestes des Stadtkirchenverbandes mit etwa 450 Besuchern. Bereits am Nachmittag waren 23 Kinder und Erwachsene aus unterschiedlichen Gemeinden der Stadt in zwei Gottesdiensten getauft worden. „Wir haben Familien angeschrieben und auf das Fest hingewiesen“, berichtet Thomas Höflich. Aus unterschiedlichen Gründen seien manche Gläubige noch nicht getauft, sagt der stellvertretende Stadtsuperintendent. „Das können familiäre Veränderungen, ein Umzug oder auch finanzielle Fragen sein.“

Das Fest an der Kreuzkirche sollte ein Probelauf für das kommende Jahr werden: „Dann soll es in der gesamten evangelischen Kirche solche Feiern geben – in Hannover wollen wir die Gemeinden auch ermutigen, die Taufen mit Gemeindefesten zu verbinden.“

Conrad von Meding 21.06.2010
Tobias Morchner 19.06.2010