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Aus der Stadt Das große Inklusionsexperiment
Hannover Aus der Stadt Das große Inklusionsexperiment
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00:15 07.08.2013
Von Bärbel Hilbig
Quelle: dpa / Symbolbild
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Thorsten Meyer (Name geändert) dagegen ist froh, dass seinen Sohn diese gut gemeinte Änderung mit dem sperrigen Titel Inklusion nicht mehr treffen wird. Der 14-jährige Jonas (Name geändert) fühlt sich wohl in seiner kleinen Klasse an einer Förderschule. Bis dahin war es ein langer Weg. Der autistische Junge begann seine Schulzeit an einer ganz normalen Grundschule, blieb sitzen und lernte auch noch eine zweite Grundschule kennen. Denn damals wünschten seine Eltern sich so lange wie möglich so etwas wie Normalität.

Jonas ist nicht in der Lage, die Gefühle anderer wahrzunehmen, ihren Gesichtsausdruck zu deuten. „Er suchte keinen Kontakt zu anderen Kindern und wurde schnell gehänselt, wenn er ein Stofftier dabei hatte“, erinnert sich sein Vater. Seine andere Wahrnehmung der Welt führt auch dazu, dass er deutlich langsamer lernt. Ungewohnte Situationen sind ihm schwer erträglich. Richtig aufgehoben fühlte die Familie sich erst an der Förderschule. „Die Lehrer dort bemühen sich sehr, dass diese Kinder irgendwann eine Perspektive haben“, sagt Meyer.

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In einer Regelschule würde Jonas jetzt für drei Stunden pro Woche von einer Förderschullehrerin unterstützt werden können. Sein Vater mag sich das kaum ausmalen. „Das reicht natürlich bei Weitem nicht aus, diese Kinder werden auf der Strecke bleiben.“
Doch nicht nur Thorsten Meyer sieht die Inklusion noch mit Sorge. Behinderte Kinder leben mit sehr unterschiedlichen Einschränkungen psychischer, geistiger oder körperlicher Art, die sich auch individuell noch einmal auf verschiedene Weise auswirken. Lehrer außerhalb von Förderschulen sind bisher kaum auf ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten vorbereitet.

Vorgesehen ist jetzt, dass behinderte Schüler an einer „normalen“ Schule stundenweise Unterstützung von Spezialisten bekommen. Ein geistig behindertes Kind zum Beispiel wird fünf Stunden pro Woche von einem Förderschullehrer sowie weitere fünf Stunden von einem ausgebildeten pädagogischen Mitarbeiter begleitet.

„Was passiert in der restlichen Zeit? Es gibt kein Kind mit geistiger Behinderung, das mit fünf oder zehn Stunden Betreuung auskommt“, sagt Förderschullehrerin Anke Klostermann. Sie arbeitet an der Wilhelm-Schade-Schule, einer Förderschule für Kinder und Jugendliche mit geistigem Handicap, von denen manche gleichzeitig auch schwer körperbehindert sind. „Längst nicht alle unserer Schüler lernen lesen und schreiben. Sie kommunizieren über Gebärden und Bildsprache.“

Ohne permanente Anleitung und klare Vorgaben seien die Kinder schnell orientierungslos. Dass ein einzelner Lehrer zum Beispiel an Grundschule oder Realschule den Unterricht für sie verantworten soll, erscheint Klostermann schwer vorstellbar. Denn dort müssen Lehrer sich noch um 20 oder 30 andere Schüler kümmern, für die ganz andere Ziele gesteckt sind.

„Viele unserer Schüler brauchen sehr viel Zeit und Zuneigung, und ich weiß nicht, ob sie das noch bekommen werden“, sagt Förderschullehrerin Susanne Müller (Name geändert). Sie selbst arbeitet mit sieben bis neun geistig behinderten Schülern in einer Klasse, die pädagogische Mitarbeiterin ist permanent dabei. In den letzten Schuljahren stehen verstärkt lebenspraktische Themen auf dem Stundenplan wie selbst abwaschen, einkaufen, kochen.

Aus Sicht der Förderschullehrer erschiene es besser, wenn eine „normale“ Schule nicht eines, sondern mehrere behinderte Kinder in eine Klasse aufnähme. Damit erhöht sich die Zahl der Stunden, in denen sich Fachkräfte in der Klasse um diese Schüler kümmern. Einige Schulen in Hannover hatten diesen Weg bereits eingeschlagen, als man noch von Integration sprach statt von Inklusion.

Meist haben Lehrer dagegen bisher nur vereinzelt Erfahrungen mit behinderten Schülern. So auch an der Goetheschule, wo jetzt zwei Kinder mit Handicap starten, zwei weitere besuchen das Gymnasium bereits. Für ein Kind mit Hörbehinderung hat Schulleiter Wilhelm Bredthauer sich an einer anderen Schule die technischen Erfordernisse angesehen. Akustische Raumdämmung, damit es nicht nachhallt. Ein spezieller Sender für den Lehrer, damit die neue Schülerin seine Stimme versteht. Das alles ist lösbar.

Doch was ist mit Schülern, die es nur begrenzte Zeit aushalten, sich mit 28 anderen in einem Raum halbwegs auf ein Thema zu konzentrieren? Die Hilfe beim eigenen Lernplan brauchen, der sich von dem anderer unterscheidet? „Für die anderen Schüler ist es in der Regel verlorene Lernzeit, wenn ein Lehrer sich 15 Minuten einem Kind zuwendet. Das müssen wir im Blick haben“, sagt Bredthauer. Am Gymnasium, wo die Klassen groß und Zeit- und Leistungsdruck besonders hoch sind, dürfte es schwerer fallen, mit diesen anderen Anforderungen umzugehen. An der Goetheschule hat eine Lehrerin Extra-Freistunden bekommen. So kann sie zur Stelle sein, wenn ein Junge mit Autismus dringend die Klasse verlassen muss. „Bisher ging das so“, sagt der Schulleiter.

An der Goetheschule trauen die Lehrer sich zu, pro Klasse einen Schüler mit Handicap aufzunehmen. Die Unterstützung durch Fachkräfte bleibt so allerdings geringer. Und manche Fachleute würden sich auch eher zwei oder drei Kinder mit ähnlichen Einschränkungen in einer Klasse wünschen – damit diese sich im Zweifelsfall aufeinander beziehen können, wenn um sie herum manches verwirrend und zu schnell abläuft.

Hauptschulen hingegen gelten manchem bereits jetzt als heimliche Förderschulen. „Kinder, die zu uns kommen, haben meist schon besondere Schwierigkeiten, nur ist das oft nicht attestiert“, sagt Rainer Lubert, Leiter der Pestalozzischule. Nun sind bei ihm vier Fünftklässler mit festgestelltem Handicap angemeldet. Ob die anderen Schüler in den beiden fünften Klassen tatsächlich weniger Unterstützung bräuchten als diese vier, das ist nicht ausgemacht. Lubert selbst und mehrere Lehrer haben mit Fortbildungen begonnen. „Aber am Ende ist das keine Ausbildung, und wir stehen ohne nennenswerte Entlastung da.“ Doch vielleicht bieten Förderschullehrer hier ja sogar eine Chance – für alle Schüler.

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