Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Facebook und die Polizei Hannover
Hannover Aus der Stadt Facebook und die Polizei Hannover
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:55 31.12.2011
Seit einiger Zeit fahndet die Polizei Hannover mit Hilfe von Facebook, mit Erfolg.
Seit einiger Zeit fahndet die Polizei Hannover mit Hilfe von Facebook, mit Erfolg. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Vielleicht muss sich Rudi Cerne bald warm anziehen. Seit Februar bekommt der bekannte Moderator der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ ungewohnte Konkurrenz aus Hannover. Die Polizeidirektion verbreitet seitdem viele ihrer Fahndungsfotos und Zeugenaufrufe auch über das Internetportal Facebook – und registriert eine starke Resonanz. Es ist nicht nur eine starke Resonanz von Nutzern aus dem Internet. Polizeibehörden aus ganz Deutschland beobachten das hannoversche Experiment interessiert und überlegen, die moderne Fahndungsmethode zu kopieren.

Das Ziel ist klar. Viele junge Leute sind über Facebook inzwischen besser zu erreichen als über die klassischen Medien. Sie kommunizieren vielfach privat und beruflich über das Netzwerk des amerikanischen Anbieters; wer dort Nachrichten verbreitet, bedient sich eines riesigen Multiplikators. Dass die Polizei sich dieses Medium zu eigen macht und seine Stärken nutzt, spricht für die Innovationsfreude der Behörde.

Und es sieht auch zunächst alles ganz einfach aus. „Hallo, liebe Facebookfans, wir suchen einen Tankstellenräuber und brauchen mal wieder eure Hilfe“, heißt es im saloppen Ton der Internetfahnder. Die Nutzer verbreiten diese Informationen schneeballartig im Netz, was Tausende Zugriffe innerhalb kürzester Zeit ermöglicht. Achtmal gelang Hannovers Polizei seit dem Start des Modellprojekts ein Fahndungserfolg mit der Methode Facebook – von 60 Fällen, die gezielt online gestellt wurden. Man kann diese Bilanz kritisch bewerten, wie es die „Süddeutsche Zeitung“ jetzt wieder getan hat, als sie ob der Zahlen titelte: „Hannovers Polizei prahlt mit Facebook-Fahndung.“ Man kann aber auch einfach feststellen, dass es gut ist, wenn Behörden neue Wege ausprobieren – und dabei auch mal Rückschläge in Kauf nehmen.

Im Fall der ermordeten Studentin Annika B. etwa scheint zumindest eine Grenze des neuen Mediums aufgezeigt worden zu sein. Nachdem die Studentin am 1. Advent in der Innenstadt brutal von einem Unbekannten niedergestochen wurde und die Polizei via Facebook um Tipps zu dem Vorgang bat, wurde das Thema von den inzwischen 85 000 Fans der Polizeiseite rasend schnell im Internet verbreitet, 400 konkrete Hinweise gingen bei der Behörde ein, sogar von Übersee. Der Fahndungsaufruf wurde kurz darauf wieder ausgeschaltet, die Beamten sind seitdem mit der Auswertung der Vielzahl von Hinweisen beschäftigt. Denn auch, wenn die Facebook-Seite der Polizei kumpelig geschrieben ist und ein jugendlicher Ton vorherrscht: Dahinter steckt mühsame Kleinarbeit, jeder Hinweis könnte einen entscheidenden Tipp beinhalten und muss daher akribisch überprüft werden. 400 Hinweise aber hätte ein klassischer Fahndungsaufruf wohl kaum ergeben, und man darf getrost davon ausgehen, dass der weitaus größte Teil der Hinweise schlicht Unfug ist.

Ob der Ertrag den Aufwand rechtfertigt, soll nach Abschluss des Modellversuchs im Frühjahr bewertet werden. Aktuell jedenfalls beschert Hannovers Poleposition in Sachen Facebook-Fahndung manche Kuriosität. Als zum Beispiel im Dezember endlich auch das Bundeskriminalamt die Plattform für die Fahndung nach Rechtsterroristen nutzte und erst 47 digitale Unterstützer registrierte, sandte Hannovers Polizei nahezu gönnerhaft eine Bitte an die eigene Internetgemeinde, die Bundeskollegen zu unterstützen. Man ist eben schon etwas weiter in Hannover. Trotz dieses Erfolgs: Der größte Stolperstein für Hannovers Facebook-Fahndung ist noch nicht ausgeräumt. Er besteht in der Kritik der Datenschützer am typisch amerikanisch laxen Umgang mit den Daten der Nutzer. Bislang informiert die Polizei nur unter „Wichtiger Hinweis“ darüber, dass Facebook mit deutschem Datenschutzrecht höchst zweifelhaft umgeht. Das reicht möglicherweise nicht aus – von einer deutschen Behörde darf der Nutzer erwarten, dass sie höchsten Wert auf Datensicherheit legt.

Schon einmal musste Hannovers Polizei in Datenschutzfragen erst von Gerichten zum Handeln gezwungen werden. Seitdem markieren Aufkleber an sämtlichen Videoanlagen in der Stadt, wo der Bürger gefilmt wird. Es wäre wünschenswert, wenn die Behörde das Datenschutzproblem bei der Facebook-Problematik eigenständig löst – und nicht erneut vor Gericht eine Schlappe erleidet, die das sonst vorbildliche Projekt trübt.

Bernd Haase 30.12.2011
Tobias Morchner 30.12.2011