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Aus der Stadt Fachklinik Wahrendorff hilft depressiven Männern
Hannover Aus der Stadt Fachklinik Wahrendorff hilft depressiven Männern
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21:57 24.10.2012
Von Veronika Thomas
„Beobachten Sie, wie Ihr Atem fließt“:  Ergotherapeutin Karen Ann König  und Patienten beim Achtsamkeitstraining in der Tagesklinik für Männer.
„Beobachten Sie, wie Ihr Atem fließt“:  Ergotherapeutin Karen Ann König  und Patienten beim Achtsamkeitstraining in der Tagesklinik für Männer. Quelle: Surrey
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Hannover

An den Tag, als alles über ihm zusammenbrach, kann sich Jochen L.* noch gut erinnern. Wegen massiver Schlafstörungen mit nächtlichem Schwitzen, Zähneknirschen und zunehmender Aggressivität hatte ihn seine Hausärztin im März krankgeschrieben und zu einer Psychologin geschickt. Als diese ihm auf den Kopf zusagte, er leide unter einer Depression, die stationär behandelt werden müsse, „da dachte ich, mein Leben bricht auseinander“, erzählt der 47-Jährige, der in der Region Hannover zu Hause ist. Vor allem, weil er sich habe eingestehen müssen, dass er Hilfe von außen brauchte. „Und ich hatte eine panische Angst, dass die mich wegsperren, richtig Angst vor der Klapse.“

Vier Wochen blieb der Vater zweier elf und 14 Jahre alter Kinder stationär in der psychiatrischen Fachklinik Wahrendorff in Sehnde und anschließend weitere drei Monate in der dortigen Tagesklinik für depressive Männer. Inzwischen arbeitet er wieder in seinem alten Job. „Im Nachhinein war das wie ein Aufklärungsseminar über Depressionen“, erzählt der Mann mit der praktischen Igelfrisur. Besonders gut hätten ihm die Gespräche mit den Mitpatienten gefallen, „weil mich ja keiner kannte“.

Experten schätzen, dass drei bis vier Millionen Männer in Deutschland im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken. Konkretere Zahlen gibt es nicht. „Aber dreimal mehr Männer als Frauen begehen Selbstmord, und das bei jährlich etwa 10000 vollendeten Suiziden“, sagt Michael Hettich, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Leiter von Deutschlands erster und bislang einziger Tagesklinik für depressive Männer.

Ausschlaggebend für deren Gründung im März 2011 sei der „1. Deutsche Männergesundheitsbericht“, herausgegeben von der Stiftung Männergesundheit, im Jahr 2010 gewesen, erzählt Hettich. „Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass Männer nicht nur Gesundheitsmuffel sind, die zu viel rauchen, trinken und essen, sondern dass bei ihnen vor allem psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burn-out zur Frühverrentung führen.“ Hinzu komme, dass Depressionen bei Männern bisher kaum erforscht seien, sodass es fast keine Therapieformen für sie gebe. Die Tagesklinik mit zunächst zwölf Plätzen sei von Anfang an gut angenommen worden. Die Patienten kommen aus dem gesamten Umland von Hannover, von Braunschweig bis Hameln. Unter ihnen sind Studenten, Arbeitslose und Polizeibeamte ebenso wie Schulleiter oder Ministerialbeamte. Jetzt soll das Angebot auf 18 Plätze erweitert werden.

Wenn Jochen L. zurückblickt, „dann war ich mein Leben lang depressiv“. Schon als junger Mann trinkt er abends und an den Wochenenden regelmäßig Alkohol, um die nötige Bettschwere zu bekommen. Als er 1996 seine Frau kennenlernt, und sie ihm mit den Worten, „der Alkohol oder ich“ die Pistole auf die Brust setzt, hört L. mit dem Trinken auf. Das Paar bekommt zwei Kinder, baut ein Haus. In seinem Job arbeitet sich der 47-Jährige zum Lagerleiter eines Maschinenbaubetriebs hoch, obwohl er die Verantwortung eigentlich nicht tragen will. Nach zwei Jahren wirft er den Job hin. Denn seine Frau leidet unter einer schweren chronischen Rheumaerkrankung. Die Sorge um sie, die gemeinsamen Kinder und ihre Zukunft raubt ihm eine Menge Energie. „Mir ging es von Jahr zu Jahr schlechter.“

Als das Unternehmen ihn im Herbst 2011 mit der Einführung eines neuen Computersystems betraut, wagt er es nicht, Nein zu sagen - aus Angst, seinen Job zu verlieren. Er müht sich mit der Zusatzaufgabe ab, kommt aber nicht damit zurecht. Seine Kollegen sagen bloß: „Du schaffst das schon.“ Anfang 2012 warnt er seinen Vorgesetzten: „Ich krieg das nicht hin mit dem neuen System.“ Doch Konsequenzen hat sein Hilferuf nicht. In dieser Zeit schläft L. kaum noch, wacht morgens mit bleierner Schwere wieder auf und schleppt sich durch die Tage. „Am liebsten wäre ich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht“, erzählt L. Nur der Gedanke an seine Familie habe ihn vor weiteren unüberlegten Schritten zurückgehalten. „Das Computerprogramm war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat,“ sagt er.

Im Klinikum Wahrendorff kommt Jochen L. zur Ruhe. Meditation, Achtsamkeits- und Entspannungsübungen, Fitness, Gespräche und psychologische Betreuung helfen ihm, wieder zu sich selbst zu finden. Wie die Mitpatienten in seiner Gruppe lernt er, wie es sich anfühlt, barfuß durchs Gras zu gehen oder dem Rauschen der Blätter oder der Vögel zu lauschen. „Alles banale Dinge, aber das habe ich jahrelang überhaupt nicht mehr bewusst wahrgenommen. Ich habe nur noch funktioniert.“ Während dieser Zeit schreibt L. auch seine Gedanken auf und stellt fest, dass ein großer Teil um das Thema Angst kreist - Angst vor der Zukunft, Angst vor sich selbst, Angst, verrückt zu werden, und Angst, im Beruf zu versagen. „Neben der Depression hatte ich auch eine Angststörung“, bekennt er heute in aller Offenheit.

Doch Jochen L., der kurz davor war, seinen Job hinzuwerfen, stellt sich seiner Angst. „Ich habe meinen Chef angerufen und in einem langen Gespräch ganz offen mit ihm über all das gesprochen, was mich die ganzen Jahre bedrückt hat. Auch die fehlende Anerkennung.“ Sein Chef reagiert positiv, sagt ihm, dass er immer einen guten Job gemacht habe und dass er ihn als Mitarbeiter unbedingt zurückhaben wolle. „Und er hat zugegeben, dass alle Kollegen Schwierigkeiten mit dem neuen System haben“, erzählt L. und muss dabei schmunzeln. „Nach diesem Gespräch hatte ich keine Angst mehr, meinen Arbeitsplatz zu verlieren.“ Das klingt wie ein Meilenstein.

Jochen L. geht es inzwischen „so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, wie er sagt. Er weiß, welche Übungen helfen, wenn der Druck wieder einmal übermächtig werden sollte. Und er ist offener geworden. „Vor der Therapie hatte ich zu niemandem mehr Vertrauen, noch nicht einmal mehr zu meinem Bruder. Heute kann ich ganz offen über meine Erkrankung sprechen, auch in der Firma.“

Als völlig geheilt betrachtet sich Jochen L. noch nicht, eher auf dem Weg der Besserung. Zurzeit sucht er einen ambulanten Therapieplatz. Nach seiner Wiedereingliederung arbeitet der Lagerist wieder in Vollzeit. „Ich bin nicht überglücklich, aber es ist auszuhalten“, bilanziert er nüchtern. Mit dem neuen Computersystem kommt er inzwischen „so einigermaßen“ zurecht.

*Name von der Redaktion geändert

Buchtipp zum Thema: Constanze Löffler, Beate Wagner, Prof. Manfred Wolfersdorf: „Männer weinen nicht. Depressionen bei Männern“, Goldmann, 304 Seiten, 8,99 Euro.

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