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Aus der Stadt Fall Fritz Haarmann: Ermitteln Sie mit!
Hannover Aus der Stadt Fall Fritz Haarmann: Ermitteln Sie mit!
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00:15 25.03.2015
Der Krimi über Fritz Haarmann soll im Spätherbst als HAZ-Buch im Verlag zu Klampen erscheinen.
Der Krimi über Fritz Haarmann soll im Spätherbst als HAZ-Buch im Verlag zu Klampen erscheinen. Quelle: Montage
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Hannover

Es war einer der ungewöhnlichsten Leseraufrufe in der Geschichte der HAZ. Interessierte konnten sich für eine Rolle im ersten interaktiven Hannover-Krimi „Haarmanns Kopf“ bewerben, den das Schriftstellerpaar Ulrike Gerold und Wolfram Hänel derzeit schreibt. Die Rolle scheint auf den ersten Blick nicht die entspannteste zu sein, der Roman, dessen erstes Kapitel heute exklusiv präsentiert wird, ist schließlich ein Kriminalroman. Die Leser finden eine Leiche.

Die Bewerbungen fielen vielseitig aus. HAZ-Leserin Klara Leibold beschrieb ihre Rolle wie in einer Kontaktanzeige: „Sportlich-athletisches 18-jähriges Mädchen mit blonden kurzen Haaren widmet sich nach dem bestandenen Abitur vorwiegend dem Hobby Rudern. Vom Charakter her sehr ehrgeizig, penibel, sorgfältig, zuverlässig und gewissenhaft.“ Und wer so zuverlässig schon am Morgen auf der Leine und am Mittellandkanal trainiert, kann natürlich auf unangenehme Überraschungen stoßen.

Der Gerichtssaal. Hier wurde gegen (den echten) Fritz Haarmann verhandelt. Quelle: HAZ

HAZ-Leserin Kerstin-Johanna Neumann schickt ihren Golden Retriever Hugo ins Rollen-Casting. In der Bewerbung spricht Hund Hugo selbst: „Mein Frauchen sagt immer, dass ich eine sehr schlechte Nase hätte für einen Hund. Sie sagt zwar auch, ich sei ansonsten ein cooler und intelligenter Typ, doch es wurmt mich schon, dass sie der Ansicht ist, ich würde noch nicht einmal einen Sack Hundefutter erschnüffeln können, wenn ich es müsste. Deswegen wäre es ganz klasse, wenn ich zumindest in einem Buch etwas finden könnte, zum Beispiel eine Leiche. In der Eilenriede soll ja schon recht viel passiert sein.“

Die Bewerbung des HAZ-Lesers Achim Uhlenhut aus Sarstedt klingt nach Hannover-Experte. „Fachjournalist, 50, allein lebend, zeitweise mit Hund und viel unterwegs. Fit in Hannovers Stadt- und Verkehrsgeschichte, in krimineller Hinsicht allerdings weit weniger aktiv“, schreibt er.

Hänel und Gerold sind begeistert von den vielen Leserzuschriften und nehmen  nun gleich drei Bewerber ins Buch auf, das im späten Herbst erscheint.

Heute können Leser über die grundsätzliche Handlung abstimmen. Es gilt, die passende Nummer zur Handlungsalternative zu wählen und mit seinem Anruf über den weiteren Verlauf abzustimmen. In wenigen Wochen können Leser über Hauptschauplätze abstimmen. Es bleibt spannend.

Haarmann (Mitte) in Handschellen zwischen Polizisten. Quelle: HAZ

Darum geht es

Im neuen Krimi „Haarmanns Kopf“ beschäftigt sich Kommissar Tabori mit dem Haupt des Serienmörders, das als Medizinpräparat über Jahre in der Göttinger Rechtsmedizin lag. Im Frühsommer 2014 soll es eingeäschert worden sein. Nun taucht der angebliche Kopf plötzlich in der hannoverschen Innenstadt auf (Kapitel 1).

Tabori, der Dienstwagen wie Autoritäten ablehnt und als Schimanski Hannovers gilt, kennen die Leser schon aus dem Krimi „Kein Erbarmen“. Auch sein Kollege Markus Lepcke, der im Job eher verbissen wirkt, stets einen ordentlichen Haarschnitt und Lederschuhe trägt, ist wieder dabei. Der Krimi soll im Spätherbst als HAZ-Buch im Verlag zu Klampen erscheinen.

Vorspiel:

Als der Henker kommt, um mit einem Messer den Jackenkragen abzutrennen, versucht Haarmann es ein letztes Mal. „Köppen ist in Ordnung“, sagt er freundlich. „Köppen und damit fertig. Aber können wir das nicht auf dem Klagesmarkt machen? Dass mich viele Leute sehen, das wäre doch schön. Hier auf dem Hof vom Gefängnis ist nichts los. Da kriegt ja keiner was mit!“

Der Henker gibt keine Antwort. Scheint überhaupt ein schweigsamer Kerl zu sein. Kein Jüngelchen mehr. Macht nur seine Arbeit, als wäre Haarmann einer von vielen. Nichts Besonderes weiter.

Das Geräusch, mit dem das Messer die Nähte durchtrennt, lässt ihn frösteln. Unwillkürlich zieht er die Schultern hoch. Der Henker packt ihn mit hartem Griff am Oberarm.
Er versteht es nicht. Er ist doch berühmt! Die Leute kennen ihn. Sie haben Angst vor ihm. Und sie reden über ihn, nicht nur in Hannover. Alle großen Zeitungen haben über ihn geschrieben. Auf den Fotos sieht er gut aus. Mit ordentlich gekämmtem Seitenscheitel und einem forschenden Blick, als wollte er seinem Gegenüber bis in die tiefsten Abgründe der Seele schauen. Nur die Jacke spannt ein wenig vor dem Bauch. Er muss daran denken, den untersten Knopf zu schließen, wenn sie ihn zur Fallschwertmaschine führen.

Aber er will ein großes Publikum für seine Hinrichtung! Das hat er ja wohl verdient. Er hat 24 Morde gestanden, ohne ihnen irgendwelche Schwierigkeiten zu machen. Hat bei jedem neuen Namen nur gesagt: „Ja, schreiben Sie man dazu.“ Was wollen sie denn noch? Da könnten sie ihm doch wohl wirklich einen letzten Gefallen tun. Damit er den Leuten wenigstens noch einmal sagen kann, was sie hören wollen. Dass Menschenfleisch nicht aussieht wie Schweinefleisch. Oder wie Kalbfleisch. Auch nicht wie Pferdefleisch. Nee, das sieht viel schwärzer aus! Er muss es wissen, er hat ja immer die Hände voll davon gehabt.

Eine Taube flattert auf den Hof. Als sie zwischen dem Pflaster nach Krümeln pickt, sieht er, dass sie nur ein Bein hat. Und der eine Flügel ist verletzt und steht in einem merkwürdigen Winkel vom Körper ab. Vielleicht haben die Jungen mit Steinen nach ihr geworfen, denkt er. Auf dem Pausenhof des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums auf der anderen Seite der Mauer. Es ist lange her, dass er dort vor dem Tor gestanden und sie heimlich beobachtet hat. Die bunten Mützen, die sie trugen, fand er schön. Er weiß nicht, warum er sich ausgerechnet jetzt daran erinnert.

Der Henker stößt ihn vorwärts. Dann war es das also, denkt er, als er die Stufen zu dem hölzernen Gerüst hinaufsteigt. Kein großes Publikum. Eine Hinrichtung wie jede andere auch. Gerade mal fünf Männer kann er zählen, die gekommen sind, um zu sehen, wie sein Kopf gleich für immer in die bereitgestellte Kiste fallen wird. Und ein Fotograf. Wenigstens das.

Auf der Mauerecke wächst eine kleine Birke, die in den Fugen zwischen dem roten Klinker seltsamerweise Wurzeln geschlagen hat. Die Taube hüpft unbeholfen davon. Vom Pausenhof schallt schrilles Knabenlachen herüber. Eine Straßenbahn rattert vorüber. Das ist die Linie 7. Die von Buchholz kommt. Ein Lastwagen spuckt Qualmwolken über die Mauer. Vielleicht zieht jemand um. Er selber zieht ja auch gleich um. Aber er braucht keinen Laster dazu.

Der Knopf! Er muss den Knopf schließen. Seine Hände fummeln ungeschickt. Der Griff des Henkers zwingt ihn in die Knie.

Aber ohne einen letzten Satz kann er nicht abtreten. Nicht einfach so. Das ist er sich und seinem Publikum schuldig. Auch wenn es viel zu wenige sind ...

„Rutsch, fällt das Messer runter, wutsch, bin ich weg!“

Gut so. Daran werden sie sich auch nach seinem Tod noch erinnern. Ebenso wie an die Knochen und Schädel an den Ufern der Leine.

Als er das Beil kommen hört, zwingt er sich, die Augen offen zu halten.

Für einen Moment zweifelt der Henker hinterher daran, ob er es sich nur eingebildet hat oder ob es wirklich so war. Doch, er ist sich sicher! Er hat es ganz deutlich gehört. Gleich darauf war dann der Kopf mit den weit aufgerissenen Augen dumpf in der Kiste aufgeschlagen und er hatte sich beeilen müssen, um den Rumpf zu Boden zu drücken, der sich kopflos aufrichten wollte wie ein Hahn, um noch einmal durch die Scheune zu flattern, während ihm das Blut aus dem Stumpf des Halses schießt. Aber das kannte er, das waren nur die Muskeln, die sich in einem letzten Aufbegehren zusammenzogen. Das andere war schlimmer. Diese beiden Worte, die Haarmann noch hervorgestoßen hatte, kurz bevor das blanke Beil schmatzend auf den ungeschützten Nacken traf: „Auf Wiedersehen!“

Das erste Kapitel

Der Kopf des Massenmörders Fritz Haarmann nach dessen Hinrichtung. Quelle: HAZ

Die Party fand in der großen Wohnküche statt. Tabori hatte sich nach einigem Überlegen für Spaghetti mit Hackfleischsoße entschieden, das Rezept stammte aus einem zerfledderten Kochbuch, mit dessen Hilfe ihm schon vor bald dreißig Jahren mehr oder weniger komplizierte Gerichte meist erstaunlich gut gelungen waren. Der Titel wies deutlich genug auf jene Zeit hin, als Tabori sich noch um nichts in der Welt hätte vorstellen können, irgendwann den Kochtopf gegen eine Dienstwaffe einzutauschen: „Kochbuch für Kooperativen, Wohngemeinschaften und Kollektive sowie isolierte Fresser.“ Mit dem Knoblauch hatte er es genau wie früher wieder mal eindeutig übertrieben, aber der schwere Eisentopf, in dem die Sugo vor sich hinköchelte, war dennoch schon so gut wie leer.

Sie waren alle gekommen, auch die, die er nicht eingeladen hatte. Er hatte Lepke im Verdacht, nicht nur dem gesamten Kommissariat, sondern zu allem Überfluss auch noch Heinisch Bescheid gesagt zu haben. Dem alten Oberstreber mit der schwarzen Buddy-Holly-Brille, mit dem er zusammen auf der Schule gewesen war. Der erst die falsche Musik gehört hatte, dann natürlich Jura studiert und plötzlich als Polizeipräsident wieder aufgetaucht war – aber schon wenige Monate später über einen womöglich fingierten Skandal im Rotlichtbezirk stolperte und seinen Abschied einreichen musste. Es passte zu Lepkes Humor, ihm ausgerechnet den dicken Heinisch in die Küche zu setzen, dachte Tabori.
Heinisch verteilte gerade großzügig Zigarren, gleichzeitig rief er Tabori zu, dass die Runde am Tisch nichts mehr zu trinken hatte.

„Lassen Sie mal die Luft aus den Gläsern, Herr Hauptkommissar!“ Gefolgt von einem dröhnendem Lachen, das sein Doppelkinn beben ließ.

Die Flasche schottischen Whiskys, die Heinisch mitgebracht hatte, war längst ausgetrunken, ebenso wie der Kasten Herrenhäuser. Tabori hatte mit vier oder fünf alten Kollegen gerechnet, nicht mit der vollzähligen Mannschaft. Schweren Herzens bückte er sich, um den Karton mit dem Rotwein aufzureißen, den der Gerichtsmediziner angeschleppt hatte. Mit Sicherheit kein billiger Tropfen, Professor Dr. Ulrich C. Bohnenkamp wusste, was gut war. So ähnlich hatte er es auch formuliert, damit Tabori gar nicht erst etwas anderes mutmaßen konnte: „Ein echter Barolo“, hatte er zur Begrüßung gesagt, „lass es langsam angehen damit, das ist nichts, was du an der nächsten Tanke kriegst.“ Um gleich darauf auch noch hinzuzusetzen: „Ich weiß, dass wir unsere Schwierigkeiten miteinander hatten. Aber vielleicht ist es an der Zeit, noch mal ganz von vorne zu beginnen. Auch wenn du mich nicht magst, aber du irrst dich, wenn du denkst, dass das auf Gegenseitigkeit beruhen würde. Ich bin nicht unbedingt ein Freund deiner ja wohl eher unorthodoxen Ermittlungsmethoden, mal ganz zu schweigen davon, wie du rumrennst, aber ich habe dich trotzdem immer für einen der fähigsten Ermittler gehalten, die wir je hatten.“

Tabori hatte nicht gewusst, was er darauf antworten sollte, und war froh gewesen, als ihn Sommerfeld erlöste. Ihm den Arm um die Schultern legte und aus seinen fast zwei Metern Höhe brüllte: „Mann, du glaubst gar nicht, wie oft ich dich in diesem letzten Jahr vermisst habe! Keiner, der mir einen Haufen Sand auf den Schreibtisch kippt und wissen will, wo der herkommt, und vor allem keiner, der mich abends mal auf ein konspiratives Treffen in die Kneipe einlädt und mir mein Bier bezahlt, damit ich ihm unter der Hand ein paar Infos besorge. Das hat mir echt gefehlt, und ich hoffe doch sehr, dass es mit der Langeweile jetzt auch mal vorbei  ist, wenn du wieder mitmischst!“

„Ich tue mein Bestes“, hatte Tabori gegrinst und gleichzeitig gedacht, dass der alte Spurensicherer tatsächlich jemand war, bei dem er sich auf die erneute Zusammenarbeit freute. Eigentlich sollte Sommerfeld längst pensioniert sein, aber aus irgendeinem Grund war sein Arbeitsvertrag nochmals verlängert worden. Wahrscheinlich weil niemand zu finden gewesen war, der Sommerfeld ersetzen konnte. Die Polizei hatte nicht nur bei den uniformierten Kollegen Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden ...

Tabori stellte gleich drei Flaschen auf den Tisch und schob Heinisch den Korkenzieher hin. Bohnenkamp rauchte jetzt ebenfalls Zigarre und ließ sich umgehend über den besonderen Tropfen aus, den sie da gleich im Glas haben würden.

„So ein zehn Jahre alter Barolo hat ein nahezu groteskes Aroma, mit einem würzigen, herbstlich anmutenden Duft nach toten Blättern und Pilzen, obwohl der Wein selber alles andere als tot ist, ihr werdet es gleich merken!“

Er klang kaum anders, als wenn er am Seziertisch stand, dachte Tabori unvermittelt. Aber vielleicht war es auch nur die offensichtliche Begeisterung für das Wörtchen „tot“, die ihn an Bohnenkamps langatmige und mit Fachbegriffen gespickte Vorträge in der Pathologie erinnerten.

Die Luft im Raum war zum Schneiden dick, obwohl die Fenster bereits auf Kipp standen. Und wenn Lepke weiterhin Taboris alte Schallplatten auf voller Lautstärke laufen ließ, würde es sicher nicht mehr lange dauern, bis die Nachbarn sich beschwerten und die Polizei riefen. Tabori musste grinsen, als er sich die Gesichter der Streifenwagen-Besatzung vorstellte, wenn sie plötzlich die eigenen Kollegen zu Ruhe und Ordnung ermahnen sollten – einschließlich des ehemaligen Polizeipräsidenten, den sie zumindest aus den Pressemeldungen kennen mussten. Die Zeitung hatte ausführlich genug über Heinischs Aufstieg und vor allem seinen spektakulären Absturz berichtet.

Durch den Zigarrennebel hindurch konnte er sehen, dass Lepke zwei Schallplattenhüllen in die Höhe hielt, „Exile on Main Street“ und Led Zeppelin, „Stairway to Heaven“. Tabori schüttelte den Kopf und drängte sich zwischen irgendwelchen Kollegen bis zum Plattenspieler durch. Dass die Kollegen ihm dabei ausnahmslos auf die Schultern klopften, machte die Sache nicht unbedingt besser.

„Was willst du hören?“, brüllte Lepke ihm über den Lärm hinweg zu.

„Ton Steine Scherben“, brüllte Tabori zurück. „Wir müssen hier raus, das ist die Hölle!“

Lepke grinste.

„Mann, was ist los mit dir? Das ist dein Abend heute, freust du dich nicht?“

„Geht so.“

Lepke winkte ihn mit dem Zeigefinger näher zu sich.

„Wo ist Lisa überhaupt? Kommt sie noch oder ...?“

Er ließ die Frage offen, Tabori wusste auch so, was er meinte.

„Oder“, sagte er. „Sie hat die Hunde genommen und ist an die Ostsee. Irgendwelche Leute besuchen, die sie von früher kennt. Ich schätze mal, sie wird für einige Zeit wegbleiben. Sie hat mir eine ziemliche Szene gemacht, als ich ihr meinen Entschluss gebeichtet habe.“

„Womit du jetzt nicht die Party meinst?“

„Womit ich jetzt nicht die Party meine“, bestätigte Tabori. „Aber du kennst sie, du weißt, was sie von dem Polizeiapparat hält. Kurz zusammengefasst hat sie eigentlich nur erklärt, dass sie noch nicht weiß, ob sie es ertragen kann, weiterhin mit einem Bullen unter einem Dach zu wohnen.“

Lepke nickte.

„Passt zu ihr. Sie wird es nie begreifen. Irgendwas bei ihr da oben stimmt nicht, das ist mir schon länger klar.“

Er tippte sich an die Stirn und stand auf, um sich von einer Kollegin eine Zigarette zu schnorren. Als er das Feuerzeug aufflammen ließ, sah Tabori, dass seine Hände zitterten.

„Sie hat nichts zu dir gesagt?“, fragte Tabori.

Lepke lachte auf. Es klang nicht fröhlich.

„Kein Wort. Aber das ist ja nichts Neues.“

Lisa war Taboris Mitbewohnerin. Oder zumindest war sie es bis gestern noch gewesen. Eine Hundeausbilderin, mit der sich Tabori die alte Fabrikantenvilla mit dem hoffnungslos verwilderten Garten im Gewerbegebiet von Bothfeld teilte. Mit ihr und ihrem Rudel Border Collies. Wobei die Border Collies ganz eindeutig die einfacheren Hausgenossen waren. Lisa war speziell. Und ihre kompromisslosen Einschätzungen vor allem gegenüber Taboris Arbeit bei der Mordkommission waren nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern in höchstem Maße anstrengend. Die wenigen Freunde, die Tabori hatte, hielten Lisa ohnehin für schlichtweg unmöglich. Dennoch hatte Lepke eine kurze Affäre mit ihr gehabt, die nie ganz beendet worden war und von Zeit zu Zeit unerwartet heftig wieder aufflammte.

Seine Enttäuschung über Lisas Verschwinden stand ihm jetzt deutlich ins Gesicht geschrieben. Aber so war es, wenn man sich mit Lisa abgab, dachte Tabori, und irgendwann würde auch Lepke begreifen, dass es ihr vollkommen egal zu sein schien, was andere von ihr dachten. Oder wen sie mit ihren Reaktionen vor den Kopf stieß. Tabori wusste das nur zu gut aus eigener Erfahrung.

Er legte Lepke die Hand auf die Schulter und wollte gerade irgendetwas sagen, als Lepkes Handy schrillte.

Lepke warf einen Blick auf das Display und verdrehte die Augen. Bevor er das Gespräch annahm, konnte Tabori gerade noch das Wort WATERLOO lesen. Also ein Anruf von der Leitzentrale. Waterlooplatz 11 ...

„Ich bin nicht im Dienst!“, blaffte Lepke, ohne sich erst mit Namen zu melden. Um dann aber doch mit zusammengezogenen Augenbrauen zuzuhören, während er mehrmals unwillig den Kopf schüttelte und schließlich mit einem Blick auf Tabori sagte: „Keine Ahnung, wahrscheinlich hat er sein Handy ganz einfach ausgeschaltet! Offiziell ist er ja auch noch gar nicht wieder dabei. Er fängt erst am Montag an. – Ja, doch, er ist hier, aber wir sind auf einer Party, und es passt gerade wirklich nicht. Können Sie den Anrufer nicht abwimmeln? – Ja, schon gut, ich hab’s ja kapiert. Stellen Sie das Gespräch durch, ich geb’ ihm mein Handy.“

Lepke streckte Tabori das Handy hin.

„Für dich. Tut mir leid, ich weiß nicht, worum es geht. Aber es scheint wichtig zu sein.“

Im ersten Moment konnte Tabori außer Knacken und Rauschen kaum etwas verstehen. Mit dem Handy am Ohr schob er sich durch die Küche, kurz bevor er die Haustür öffnete, um nach draußen zu gehen, hörte er hinter sich noch mal Heinischs Lachen, gleich darauf dröhnte ein neuer Song aus den Lautsprechern: „Ich bieg dir ’n Regenbogen“. Rio Reiser.

Es nieselte leicht. Tabori zog die Haustür ins Schloss und drückte sich mit dem Rücken an die Wand unter dem vergitterten Toilettenfenster, so dass das schmale Vordach ihn vor dem Regen schützte.

„Hauptkommissar Tabori?“

Die Stimme klang so verzerrt, dass er unmöglich entscheiden konnte, ob er mit einem Mann oder einer Frau sprach.

„Kennen wir uns?“, fragte er zurück.

„Nein, aber ich habe über Sie in der Zeitung gelesen. Letzte Woche, in dem Artikel, in dem auch stand, dass Sie mal eine ziemlich große Nummer waren. Der ‚Schimanski von Hannover’, so sind Sie doch genannt worden, richtig? Stand da jedenfalls ...“

„Das ist lange her“, antwortete Tabori ausweichend.

„Und jetzt sind Sie jedenfalls wieder dabei, habe ich gelesen. Bei der Mordkommission.“

Tabori war sich inzwischen sicher, dass es sich um einen Mann handeln musste. Und irgendetwas in der Stimme ließ ihn zögern, das Gespräch einfach zu beenden.

„Montag ist mein erster Arbeitstag. Im Moment bin ich ...“

Noch nicht zuständig, wollte er eigentlich sagen. Für was auch immer. Aber die Stimme unterbrach ihn.

„Bis Montag kann das nicht warten. Sie müssen jetzt kommen und sich das ansehen, sofort! Ich habe hier gerade eine Leiche gefunden. Also eigentlich ist es gar keine ganze Leiche, sondern nur der Kopf! Aber er ist echt, das können Sie mir glauben, das habe ich sofort gesehen. Ein abgeschlagener Kopf. Und der steckt in so einem Glasbehälter, wie in irgendeinem Labor oder so was.“ Die Stimme überschlug sich jetzt fast, Tabori hatte Mühe, die einzelnen Worte voneinander zu trennen. „Unten an dem Glas ist auch noch ein Schild angebracht! Fritz Haarmann steht da drauf, Sie wissen schon, dieser Massenmörder aus den Dreißiger Jahren. Und ich glaub, er ist es wirklich!“

Serienmörder, korrigierte Tabori im Stillen, nicht Massenmörder.

„Wo sind Sie?“, fragte er laut. „Wo haben Sie diesen Kopf gefunden?“

„Am Schiffgraben. Neben dem Finanzministerium, wo auch die anderen Köpfe liegen.“

„Wie bitte? Welche anderen Köpfe?“

„Diese Dinger aus Beton, von dem Künstler! Und mittendrin ist das Glas mit Haarmanns Kopf!“

Die Mansardenstube, die Wohnung Haarmanns in welcher er seine Opfer umbrachte. Quelle: HAZ

Und so könnte es weitergehen:

Möglichkeit 1:

Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem konservierten Kopf, der gefunden worden ist, tatsächlich um den Kopf von Fritz Haarmann handelt. Jahrzehnte lagerte das Haupt des Serienmörders als schauriges Medizinpräparat in der Göttinger Rechtsmedizin – und ist eben dort angeblich im Sommer 2014 offiziell eingeäschert und beigesetzt worden. Aber genau das kann ja nun nicht stimmen, es stellt sich also die Frage, wessen Kopf in Göttingen wirklich eingeäschert wurde. Sollte auf diese Weise ein Beweis für einen Mord vernichtet werden? Wer war das Opfer? Wo sind die anderen Leichenteile? Wer ist der Täter?

Wenn es so weitergehen soll: (0137) 9 79 64 24 01

Möglichkeit 2:

Der Kopf ist nicht Haarmanns Kopf und gehört zu einer neuen Kunstaktion des hannoverschen Totalkünstlers Timm Ulrichs, der schon öfter mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht hat. Ulrichs behauptet, dass der Kopf nur eine Nachahmung  aus der Theaterrequisite sei, bei der Untersuchung stellt sich jedoch heraus, dass es sehr wohl ein echter Kopf ist. Wusste Timm Ulrichs davon oder ist er nur benutzt worden, weil ihm jemand schaden wollte? Und auch hier bleibt die Frage: Wer ist das Opfer? Wer der Täter?

Wenn es so weitergehen soll: (0137) 9 79 64 24 02

Möglichkeit 3:

Der Kopf ist nicht Haarmanns Kopf und in den nächsten Tagen werden weitere Leichenteile gefunden, die allerdings auf mehr als nur ein Opfer hinweisen. Die Fundorte sind ausnahmslos im Bereich der Leine – und deuten wiederum auf die grausamen Morde von Haarmann hin. Kann es sein, dass Tabori und seine Kollegen es mit einem Nachahmer von Haarmann zu tun haben, der ganz bewusst eindeutige Spuren legt, um ein böses Spiel mit der Polizei zu treiben?

Wenn es so weitergehen soll: (0137) 9 79 64 24 03

jan

* Hinweis: Ein Anruf kostet 50 Cent aus dem Telekom-Festnetz, Preise für Mobilfunk können abweichen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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24.03.2015