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Aus der Stadt Falscher Doktortitel kostet ab 3600 Euro
Hannover Aus der Stadt Falscher Doktortitel kostet ab 3600 Euro
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05:58 23.03.2015
Von Michael Zgoll
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Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Ein Doktor honoris causa, ausgestellt von einer „Yorkshire University“ auf den britischen Jungferninseln, kostete 3600 Euro bei einer von zwei Schweizer Firmen. Der h. c. einer osteuropäischen Uni - „den muss das akademische Establishment anerkennen“ - war mit 10.000 Euro schon deutlich teurer. Am Landgericht Hannover sind jetzt viele Details zu dubiosen Geschäften mit falschen Auszeichnungen zur Sprache gekommen. Auf der Anklagebank sitzt der hannoversche Zahnarzt Ralf L., der im Januar 2011 vom Amtsgericht wegen Titelmissbrauchs zu einer Geldstrafe von 50.000 Euro verurteilt worden war. Der Prozess wird jetzt neu aufgerollt - in der jüngsten Sitzung räumte L. Fehler ein.

Der Mediziner und die Staatsanwaltschaft hatten Berufung gegen den Richterspruch von 2011 eingelegt. Ralf L. fühlt sich zu Unrecht verurteilt, die Anklage fordert eine härtere Bestrafung des vermutlichen Hochstaplers. Nun bearbeitet die 9. Kleine Strafkammer unter Vorsitz von Karin Goldmann seit 2014 den Fall. Der 50-jährige Mediziner aus der List beschäftigt die Justiz aber schon viele Jahre, wurde bereits einmal wegen Körperverletzung verurteilt und streitet sich in zahlreichen Zivilprozessen mit Patienten, die ihm fehlerhafte Behandlungen und Abrechnungsbetrug vorwerfen.

Richterin Goldmann las in der jüngsten Sitzung etliche Serienbriefe der zwei Schweizer Firmen namens Net-Mail-Kurier und CN-Consult vor; hinter ihnen steckte ein Osnabrücker Geschäftsmann, gegen den derzeit wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird. „Machen Sie es wie die Politiker“, hieß es in den Mails, „werten Sie Ihr Prestige im öffentlichen Leben durch einen Doktortitel auf“. Auch Zweit- oder Professorentitel könne man gegen eine „Spende“ plus Verwaltungsgebühr erwerben; selbst Hauptschüler ohne Hochschulabschluss müssten der „Yorkshire University“ auf der Karibikinsel lediglich ihren Lebenslauf nebst persönlichen „Verdiensten“ zuschicken.

Nach Überweisung einer Anzahlung von 1000 Euro, versprach Net-Mail-Kurier, bekomme der Interessent eine Kopie seiner Verleihungsurkunde zugesandt. Und nach Eingang der Restzahlung gebe es - innerhalb von vier bis sechs Wochen - das Original. Zugesichert wurde den potenziellen Titelträgern eine „diskrete Bearbeitung“; als Referenz diente der Hinweis, dass man jeden Monat 25 derartige Abschlüsse tätige. Die Sache hatte nur einen kleinen Haken: Eine „Yorkshire University“ auf den Jungferninseln gibt es nicht.

Das Angebot des Titelhändlers war breit gefächert. Einen Dr. oec. könne er vermitteln, war zu lesen, einen Dr.-Ing. oder einen von einer US-Religionsgemeinschaft verliehenen Grad. Die Behörden in Deutschland würden - je nach Bundesland - „unterschiedlich“ auf die Titelvergabe aus Übersee reagieren. Wer bei der Anerkennung seines Doktorgrads sichergehen wolle, der müsse leider einem der damaligen EU-Beitrittsländer in Osteuropa zwei bis drei Besuche abstatten. An einer dortigen Hochschule werde sich ein echter Doktorvater um eine „echte“ Promotion kümmern - die dann allerdings 25.000 Euro koste.

Die Ermittlungen von Staatsanwältin Marina Richter und die Recherchen eines Steuerfahnders förderten im Berufungsprozess zutage, dass 2004 vom Konto von Zahnarzt L. einmal 1000 und einmal 2800 Euro an eine der Schweizer Firmen überwiesen worden waren - genau die Beträge, die CN-Consult für den Erwerb eines Doktortitels „h.c.“ gefordert hatte. Über seinen Anwalt Manfred Parigger ließ L. jetzt verlauten, er habe geglaubt, dass eine „Yorkshire University“ tatsächlich existiere und Doktortitel verleihen dürfe. Vielleicht sei er, der ja auch einen regulären Doktorgrad führe, damals etwas „unkritisch“ gewesen und einem Titelhändler „aufgesessen“. Wäre sein Kenntnisstand vor zehn Jahren der gleiche gewesen wie heute, so der 50-Jährige, hätte er den zweiten akademischen Grad bereits 2005 wieder abgelegt - und nicht erst 2010.

Und warum stand der falsche Doktortitel noch vor wenigen Monaten auf seiner Praxis-Homepage im Internet? Diese Frage stellte Staatsanwältin Richter dem Angeklagten. Das könne er sich nicht erklären, antwortete L. - vielleicht habe jemand seinen Computer gehackt und den Dr. h. c. dort hineinpraktiziert. Der Titelmissbrauchs-Prozess gegen den Skandalmediziner, so scheint es, biegt jetzt auf die Zielgerade ein. Sollten nicht noch unvorhergesehene Beweisanträge gestellt werden oder Verfahrensbeteiligte überraschend erkranken, könnte die Berufungskammer noch Ende dieses Monats ihr Urteil fällen.

Titel bringen Gehaltsplus: Verlässliche Statistiken, wie viele Doktoren- und Professorentitel in Deutschland gekauft sind, gibt es nicht. Inoffizielle Schätzungen gehen aber von bis zu 3 Prozent aus. Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbands, sagt, vor allem seien es Ärzte, Anwälte, Manager oder Ingenieure, die mit einem Erst- oder Zweittitel reüssieren wollten. Neben einem ausgeprägten Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung stecken oft sehr handfeste Motive hinter den Betrügereien. „Ein Titelkauf führt in vielen Berufen zu einem Gehaltsplus“, weiß Jaroch.

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