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Aus der Stadt Falscher Arzt spritzte krankem Kind Medikament
Hannover Aus der Stadt Falscher Arzt spritzte krankem Kind Medikament
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19:24 06.06.2014
Von Veronika Thomas
Der Angeklagte Marcel R. (l) hat ein Geständnis abgelegt. Quelle: dpa
Hannover

Am Ende des fünften Verhandlungstages gegen Marcel R., der sich unter dem Namen „Marcel Roénike“ als Arzt ausgegeben hatte, war selbst der Gutachter ratlos. „Was stimmt denn nun?“, fragte der Psychiater und Chefarzt der Psychiatrie in Wunstorf, Andreas Tänzer. „Mir haben Sie erzählt, Sie hätten die Realschule abgebrochen und danach die Abendschule besucht.“ Vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover hat sich der 31-jährige Gründer des Kindertageshospizes „Schatzinsel“ am Freitag erstmals zu den ihm zur Last gelegten Anklagepunkten und seinem Lebenslauf geäußert – auch zu seinem beruflichen Werdegang.

Zuvor hatte Marcel R. einer sogenannten Nachtragsklage zugestimmt, drei Körperverletzungsdelikte, die jetzt in das laufende Verfahren einbezogen werden. Im Gegenzug ließ das Gericht alle Vorwürfe wegen Betrugs fallen – eine Absprache der Prozessbeteiligten unter der Voraussetzung, dass R. ein Geständnis ablegt.

Der 31-Jährige gab zu, einem schwerkranken 15-Jährigen, der unter Krampfanfällen litt, ein verschreibungspflichtiges Medikament gespritzt zu haben. Er sei von der Mutter darum gebeten worden. „Ich weiß, das war eine Straftat“, sagte R., „weil ich keine Zulassung zur Verabreichung von Medikamenten hatte.“ Der Sozialpädagogin Sabrina E. soll R. eine Tasse an den Kopf geworfen und sie gegen eine Fensterbank gestoßen haben, wovon sie eine Schädel- und eine Bauchprellung davontrug. Diese ihm zur Last gelegten zwei Delikte stellte R. ganz anders dar. Die Tasse mit dem Kaffee habe er nur auf den Boden geworfen; von der Fensterbank sei Sabrina E. wohl abgerutscht.

Verwirrend wurden R.s Angaben schließlich über seinen Ausbildungsweg. Hatte sein Halbbruder in einer vorherigen Sitzung als Zeuge berichtet, R. habe die Realschule in der 10. Klasse abgebrochen, so erzählte der Angeklagte am Freitag, 1999 in Halberstadt sein Abitur abgelegt zu haben, mit der Note 1,2. Nur an welcher Schule, konnte er auf Nachfrage nicht exakt benennen.

Nach dem Abitur sei er mit seiner damaligen Freundin nach Salzburg gezogen und habe eine palliativmedizinische Zusatzausbildung absolviert und parallel dazu ein Fernstudium in Psychologie begonnen. In Innsbruck und Genf habe er Medizin studiert. Wo denn seine Zeugnisse und Diplome abgeblieben seien, wollte die Vorsitzende Richterin Renata Bürgel wissen. Die seien ihm abhanden gekommen, weshalb er sie gefälscht habe: „Für mich war es einfacher, sie zu fälschen, als mich um die Wiederbeschaffung zu kümmern.“

Als die Richterin nachhakte, warum er behauptet habe, unter anderem als Hospizleiter gearbeitet zu haben, antwortete R. verblüffend offen, sonst hätte er bei Verhandlungen mit Krankenkassen kein Gehör gefunden. Prozessbesucher, Angehörige der Nebenklägerinnen, sprachen nach dem Sitzungstag von „Grimms Märchenstunde“. Zur nächsten Verhandlung soll der Gutachter zu Wort kommen.     

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