Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Was ist das Beste für Carla?
Hannover Aus der Stadt Was ist das Beste für Carla?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 19.03.2015
Gucken, informieren und ausprobieren: In der IGS Südstadt gibt es für Carla Steckhan und ihre Mutter Ximena gleich mehrere Stationen. Quelle: Philipp von Ditfurth
Anzeige
Hannover

Carla Steckhan hat klare Vorstellungen, in welcher Art Klassenzimmer sie lernen möchte: „Es sollte hell und groß sein, schöne Fenster haben, ich möchte ins Freie, nicht auf Beton sehen, wenn ich rausgucke, und man sollte sich gut konzentrieren können.“ Der Klassenraum der Tellkampfschule, in dem sie am Montagnachmittag SpanischSchnupperunterricht hat, kommt dem Ideal schon recht nah. „Doch, der ist schön“, sagt die Zehnjährige, die noch die vierte Klasse der Grundschule Tiefenriede besucht und im Sommer auf eine weiterführende Schule wechselt. Was es wird, ob Gesamtschule oder Gymnasium, ist noch unklar. Es wird wohl eine Schule in der Südstadt werden, so viel ist sicher.

„Der Schulweg ist ein Kriterium, aber nicht das einzige“, sagt ihre Mutter Ximena Steckhan (44). Die gebürtige Chilenin, die als Siebenjährige nach Deutschland kam, wünscht sich eine Schule, an der ihre Tochter Spanisch lernen kann. Wichtig sind ihr neben dem Fremdsprachenangebot noch andere Fragen: Welche Abschlüsse kann man an der Schule machen, welche Austauschprogramme gibt es? Wie ist das Ganztagsangebot, welche Arbeitsgemeinschaften stehen zur Verfügung? Wie groß sind die Klassen - sind es 23 Kinder wie jetzt in Carlas Grundschule oder 30, wie es die eigentliche Höchstgrenze für die 5. Klassen vorschreibt? Dies sei die erste große Entscheidung im Leben Carlas, sagt die Mutter. Anders als im Kindergarten oder in der Grundschule könne man nicht sagen, das seien nur ein paar Jahre, das gehe schnell vorbei: „Es können neun Jahre sein.“ Da sie in Osnabrück aufgewachsen sei, könne sie an die Schulsuche ganz unbelastet herangehen. „Ich weiß nicht, welche Schule welchen Ruf hat, ich schaue mir alles ganz offen an.“

Anzeige

Die Liste der Wahlmöglichkeiten ist lang: Die Elsa-Brändström-Schule haben sie schon besichtigt, die Bismarckschule kommt noch. An diesem Tag ist die Integrierte Gesamtschule (IGS) Südstadt dran. Carla will „eine Schule, die nicht so aussieht, als ob sie gleich zusammenbricht“ und „nette Arbeitsgemeinschaften wie Theater oder Chor“. Ein bisschen Angst vor dem Schulwechsel habe sie schon, gibt die Viertklässlerin zu, während sie vor der Schule auf einer Mauer sitzt und in die Sonne blinzelt.

Familie Steckhan auf Schulsuche in Hannover: Eine Fotostrecke.

Aber die Neugier ist größer. In der IGS zieht es sie schnell in den Werkraum, wo sie eine Holzscheibe mit einem Lötkolben bearbeitet. Ausprobieren und selber machen ist die Devise in der IGS. Carla gefällt‘s, auch wenn das Schulgebäude in die Jahre gekommen ist. Die IGS Südstadt teilt sich das Gebäude mit der auslaufenden Bertha-von-Suttner-Schule, eine Haupt- und Realschule, in der ab dem Sommer nur noch die Jahrgänge 8 bis 10 unterrichtet werden.

Auf dem Schulhof steht ein weißer Container - Mutter und Tochter schauen durch das Fenster. Drinnen ist die Mensa. „Oh, ganz neu und modern“, sagt Ximena Steckhan. Im Leseraum haben die Schüler auf Plakaten ihre Lieblingsbücher präsentiert. „Das kenne ich, das auch“, sagt Carla, als sie die Reihe abschreitet. Nach anderthalb Stunden verlassen Mutter und Tochter die IGS. Sie müssen schnell noch in die St.-Ursula-Schule. Dort hätten ihnen besonders die Schüler gefallen, die aus voller Überzeugung ihr Gymnasium präsentiert hätten, erzählt Ximena Steckhan drei Tage später vor der Tellkampfschule. Hier begrüßt ein Bläserensemble die Besucher - und der obligatorische Waffelduft. „Hm, das riecht gut“, ruft ein Junge.

Mit „Buenos Dias“ begrüßt Marion Wawrzyniak ihre Spanisch-Schnupperschüler. Mehrere Kinder haben Spanisch sprechende Mütter, andere kennen immerhin Begriffe wie „Amigo“ und „Gracias“. Auch Bela Wellmann sitzt an einem Tisch. Der Zehnjährige aus der Nordstadt hat sich auch schon mehrere Schulen angeguckt: „Alle waren irgendwie schön“, sagt er.„Am Ende wird die Schulwahl eine Bauchentscheidung meines Sohnes“, sagt Mutter Heike Wellmann. Das Gespräch mit Lehrern und Schülern helfe oft weiter.

„Man kann viele Schulen besuchen“, sagt Ximena Steckhan: „Aber letztlich kann der Alltag anders sein als der Tag der offenen Tür.“

Entscheidung braucht Zeit und Gelassenheit

Ruhig die nötige Zeit nehmen: Viele Familien besuchen vier oder fünf Schulen, bevor sie sich entscheiden, wo sie ihr Kind anmelden sollen. Berufstätige nehmen sich dafür mitunter sogar Urlaub. Eltern sollten ihren Sohn oder ihre Tochter bei der Schulsuche begleiten, sagt Kurt Brylla vom Winnicott Institut für Kinder- und Jugendpsychotheraphie. „Zeit zählt mehr als der neue Ranzen oder das neue Fahrrad.“ Der Wechsel auf die weiterführende Schule sei für die angehenden Fünftklässler ein wichtiger Lebenseinschnitt. Da sei Gelassenheit wichtig.

Eltern sollten sich immer fragen: Ist diese Schule die richtige für mein Kind? Wenn Schüler angstfrei lernten und sich nicht überfordert fühlten, könnten sie viel mehr leisten, betont Brylla. Aber leider würden immer noch viele Eltern im Gymnasium den Königsweg sehen, obwohl manche Kinder an Haupt- oder Realschulen viel besser aufgehoben seien. Integrierte Gesamtschulen können eine Alternative sein für Familien, die ihrem Kind den Weg zum Abitur möglichst lange offenhalten wollen.

Wenn es mit der gewünschten Schule nicht klappt, dürften Eltern und Kinder erst mal enttäuscht sein, sagt Brylla, aber dann sollte man sich von dem negativen Gefühl befreien und die Chance in der Zweit- oder Drittwahl sehen.

Für manche ist der kurze Schulweg entscheidend, diese Familien entscheiden sich oft für die nahgelegene Schule im Stadtteil, andere wollen eine bestimmte Schulform und nehmen dafür auch weitere Entfernungen auf sich. Manchmal ist auch das Profil, das eine Schule bietet, die Bläser- oder Kunstklasse oder die besondere Berufsorientierung das Auswahlkriterium. Es kann auch das feste Ganztagsangebot sein, das Eltern und Kinder überzeugt.

Auf den baulichen Zustand der jeweiligen Schule sollte man eher weniger geben, sagt Ralf Kühnbaum-Grashorn vom Stadtelternrat. Denn der lasse sich ändern. Schließlich bleibe ein Kind acht oder neun Jahre an einer Schule. Viele Eltern merken bei ihren Schulbesuchen allerdings, dass sich am Zustand manchmal auch über 30 Jahre kaum etwas getan hat.

01.04.2015
Tobias Morchner 19.03.2015
Aus der Stadt Instagram-Szene an der Leine - So schön ist Hannover im Quadrat
19.03.2015