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Aus der Stadt Zu laut: Kinder dürfen nicht in Gracht spielen
Hannover Aus der Stadt Zu laut: Kinder dürfen nicht in Gracht spielen
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00:16 11.11.2015
Von Conrad von Meding
Im Wasser spielen verboten: Die Kinder dürfen die Gracht nur noch anschauen, wenn es nach der Hausverwaltung geht. Quelle: Kutter
Hannover

Es war 2004 das Vorzeige-Familienviertel der Stadt: Mit dem Lister Blick gelang Hannover der Beweis, dass Großstadtwohnen auch für Familien attraktiv sein kann, die kein Haus im Grünen wollen. Spielstraßen gibt es da, Stadthäuser und eine stilisierte Gracht, die das Wasser des benachbarten Mittellandkanals erlebbar machen sollte. Stufen führen ins Wasser, Brücken darüber. Und neuerdings gibt es auch viele große Schilder. Mit Verboten. Für Kinder.

„Die Nutzung der Gracht zum Schwimmen, Angeln, Schlittschuhlaufen etc. ist untersagt“, heißt es mit unmissverständlichem Ausrufezeichen. „Blöd und gemein“ findet Johanna (9) das: „Draußen zu sein macht jetzt nicht mehr so viel Spaß wie früher.“ Und Lasse (9) sagt: „Im Sommer konnten wir hier richtig gut Schlauchboot fahren. Wir haben doch niemanden gestört.“

Doch da irrt sich Lasse offenbar. Mütter wie Kerstin Paczkowski wissen, dass am Wasser spielende Kinder immer wieder angebrüllt wurden „von einer Frau aus den Wohnungen gegenüber“, wie die Kinder berichteten. Die Wohnungen gegenüber, das sind später hinzu gebaute Mehrfamilienhäuser auf der anderen Seite der Gracht. Deren Hausverwaltung hat jetzt die Verbotsschilder aufstellen lassen. Nicht eins oder zwei, sondern unübersehbar viele, an jedem Brückenübergang eines und damit genau vor den Fenstern der Familien.

Wie immer gibt es auf einmal auch eine juristische Begründung, warum plötzlich sein muss, was vorher nicht zu sein brauchte. Es sind haftungsrechtliche Gründe, die die Schilder nach Angaben der Hausverwaltung Delta Fonds nötig machen. Beim direkt benachbarten, viel tieferen Mittellandkanal scheinen sie nicht zu gelten, nur im kinderreichen Lister Blick, staunt Anwohnerin Paczkowski.

Sven Klingelhöfer von Delta Fonds sagt, die Gracht sei nie als Bade- und Spielgewässer konzipiert gewesen, sondern diene laut Bauleitplan nur dem Auffangen des Regenwassers, der „Freiraumbewirtschaftung“ und der „Verbesserung des Mikroklimas“. Wegen der Unfallrisiken im Wasser, wo sich „Pump- und Ablaufsysteme mit Gittern, Steine und sonstige Gegenstände“ befänden, könne das Gewässer keinesfalls zum Baden, Spielen oder Schlittschuhlaufen freigegeben werden. Aber er erwähnt schließlich auch, dass „das Thema Grachtnutzung innerhalb der Anwohnerschaft polarisiert und teilweise zu Unmut geführt hat“.

Die Eltern verstehen das nicht wirklich. „Wenn die Kinder mit Skateboards oder Rollschuhen auf den gepflasterten Flächen fahren, dann ist es doch viel lauter, als wenn sie am Wasser stehen und Algen keschern“, sagt Paczkowski. Anna (10) sagt, dass man „im Winter so gut Eishockey spielen“ konnte - aber das seien doch nur wenige Tage im Jahr gewesen. Lotta (9) hat es besonders Spaß gemacht, am Wasser „Restaurant zu spielen“, und alle berichten, dass es an heißen Tagen besonders schön war, die extra angelegten Stufen ins Wasser hineinzusteigen und die Füße zu kühlen. Das alles ist jetzt: verboten.

Etwa 350 Familien gibt es im Wohngebiet. Fast jede von ihnen hat einen juristischen Anteil an der Gracht. Ihr Mitspracherecht aber haben fast alle vor einigen Jahren abgegeben, als die Ärzte- und Apothekerversorgung die großen Gebäude gegenüber gebaut hat und anbot, sich um die Gracht zu kümmern. Darüber ärgern sich jetzt viele, seitdem im vergangenen Herbst die Schilder aufgestellt wurden. Etwa 150 Parteien haben eine Bitte unterschrieben, die Schilder abzubauen. Ein Jahr lang haben die Familien versucht, Kompromisse mit der Hausverwaltung zu schließen. „Oft kam zwei Monate gar keine Antwort, nie wurde wirklich auf unsere Vorschläge eingegangen“, ärgert sich Paczkowski. Bezirksbürgermeisterin Irma Walkling-Stehmann, zwischenzeitlich von den Eltern als Vermittlerin hinzugebeten, bestätigt: „Es ist zäh - aber man muss eben versuchen, bei sehr verschiedenen Interessen einen gemeinsamen Kompromiss zu finden.“ Ihr Vorschlag, statt der Verbots- Gebotsschilder zu installieren und spezielle Vorschriften wie das Angelverbot mit Piktogrammen zu kennzeichnen, verhallte ungehört. Ihren Angaben zufolge hat man sich aber zuletzt darauf geeinigt, dass die großformatigen Schilder wenigstens etwas unauffälliger an die Brückengeländer montiert werden sollten. „Das wäre ja ein erstes Aufeinanderzugehen“, sagt sie. Die Eltern bestätigen das. Bei der Hausverwaltung ist bislang noch nichts passiert. Man warte noch auf eine Willensäußerung der Anlieger, heißt es. Seit Mai.

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