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Aus der Stadt Fast jeder dritte Hannoveraner ist in einer Genossenschaft organisiert
Hannover Aus der Stadt

Fast jeder dritte Hannoveraner ist in einer Genossenschaft organisiert

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11:38 13.09.2019
An der IGS Kronsberg betreiben Schüler als Wahlpflichtfach die Genossenschaft STS (Schüler trainieren Senioren). Quelle: Thomas
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Hannover

Fast seit seiner Geburt ist Jan Wehling Mitglied im Spar- und Bauverein, der ältesten Wohnungsgenossenschaft Hannovers. Sein Vater hat damals Anteile für ihn gezeichnet. Wenn er jetzt in Kürze aus seiner Zweizimmerwohnung in der Linsingenstraße aus- und mit seiner Freundin Cornelia Schloms zusammenzieht, dann natürlich in eine Wohnung seiner Genossenschaft. „Vier Zimmer in der List mit 98 Quadratmetern, und alles wird für uns frisch renoviert“, frohlockt der 31-jährige Fachinformatiker: „Sogar bei der Auswahl der Materialien durften wir entscheiden.“

Das Genossenschaftsmodell, geboren 1849 als typische Mittelstandsidee zur Existenzabsicherung, erlebt derzeit weltweit eine Renaissance. Auch im Raum Hannover kommen stetig neue hinzu: Energiegenossenschaften, die Wind- oder Solarparks betreiben, Handelsgenossenschaften, mit denen sich Dorfgemeinschaften einen Kleinversorger vor Ort aufbauen. Die erste Genossenschaft war eine Einkaufsgemeinschaft der Schuhmacher. Noch heute haben Dachdecker und andere Handwerker gemeinsame Einkaufsgenossenschaften. Von den großen Raiffeisengenossenschaften der Landwirte ganz zu schweigen.

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Ein Mensch, eine Stimme - das ist das Prinzip in den Verbünden. Jeder ist gleichberechtigter Miteigentümer, jeder darf mitbestimmen - in großen Organisationen funktioniert das meist über Vertreterversammlungen. Etwa in den hannoverschen Wohnungsgenossenschaften. Weit mehr als ein Dutzend von ihnen beteiligt sich morgen am „Tag der Stubenhocker“ rund um die Marktkirche. 37000 Wohnungen mit 2,32 Millionen Quadratmeter Wohnfläche haben die Mitgliederfirmen geschaffen, etwa 80000 Menschen leben zurzeit darin. Zusammen mit den etwa 185000 Anteilseignern von Genossenschaftsbanken, von Einkaufsgenossenschaften sowie etlichen Kleinorganisationen beträgt die Zahl der Genossenschaftsmitglieder in der Region Schätzungen zufolge gut 300000 - das ist etwa ein Drittel der Wohnbevölkerung.

Auch wirtschaftlich floriert das Geschäftsmodell. Nach Angaben des Deutschen Genossenschaftsverbands haben die Betriebe in der Region Hannover im Jahr 2001 rund 3,65 Milliarden Euro umgesetzt, im Jahr 2011 waren es 5,72 Milliarden Euro. Das sind mehr als 50 Prozent Steigerung in zehn Jahren.

Seit der Ursprungsphase ab 1849 bis heute sind Genossenschaften ein Wirtschaftsmodell, um Projekte mit gemeinsamer Anstrengung durchzusetzen, für die es auf konventionellem Weg nur schwer eine Finanzierung gäbe. Und es ist die Unternehmensform mit den seltensten Pleiten. Für viele gibt es noch einen weiteren Vorteil: „Dass man quasi Miteigentümer ist, merkt man im Alltag ja zwar kaum“, sagt Mieter Wehling: „Für mich aber ist die Genossenschaft einfach ein Dienstleister mit sehr gutem Service.“

Freibad Luthe

Was war das für ein Streit im Wunstorfer Ortsteil Luthe: 2003 wollte die kommunale Bäderbetriebsgesellschaft das Aus für das beliebte Freibad besiegeln. Hohe Instandhaltungskosten und zu geringe Besucherzahlen machten das Bad unrentabel, hieß es. Erst gründeten die Bürger einen Förderverein – als das Bad 2004 trotzdem geschlossen wurde, gab es einen Aufschrei. Schließlich nahmen die Bürger die Sache selbst in die Hand: 2005 gründeten sie eine Genossenschaft, bis Juni zeichneten 750 Mitstreiter Anteile über 115?000 Euro. Im Mai 2006 öffnete das NaturErlebnisBad Luthe, es gleicht in seiner Schönheit etwa dem Wennigser oder dem Hainhölzer Bad. Ständig wird investiert, aktuell etwa in Solartechnik oder das Gebäudedach. „Wir würden sofort wieder die Form der Genossenschaft wählen“, sagt das langjährige Vorstandsmitglied Dieter Vorlop.

Banken

Hannovers Volksbank kann niemals handstreichartig von Investoren geschluckt werden, denn sie gehört ihren Mitgliedern. 105?000 sind es, also fast die Hälfte der insgesamt 240?000 Kunden. „Bei uns zählt nicht reine Gewinnorientierung, sondern die Mitgliederförderung“, skizziert Sprecher Marko Volck die Philosophie. Wie gut das Modell wirtschaftlich funktioniert, zeigt sich schon daran, dass die deutschen Volks- und Raiffeisenbanken im Gegensatz zu Privatinstituten trotz Krise keine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Und welchen Vorteil haben die Mitglieder? Ökonomisch zunächst nur einen kleinen. So gibt es Rabatte bei Partnern wie der R+V-Versicherung, Schwäbisch Hall oder Union Investment, und auf die Anteile wird 5,5 Prozent Dividende ausgeschüttet. Bei derzeit maximal drei Anteilen à 50 Euro geht es aber weniger ums Geldverdienen. „Unsere Mitglieder können mitbestimmen“, sagt Volck: „Das wirkt sich auf das Verhältnis von Bank und Kunde aus.“ Mit Aktionen wie dem Projekt „VR Mobile“ (Bild) fördert die Bank soziale Projekte und Sportvereine. Übrigens: Auch die Sparda-Bank ist eine Genossenschaft. Sie kommt aus der Eisenbahnerszene.med

Schüler

Das ist wohl die jüngste Genossenschaft in Hanover – jedenfalls was das Durchschnittsalter betrifft: Schüler der IGS Kronsberg betreiben als Wahlpflichtfach die Genossenschaft STS („Schüler trainieren Senioren“). Die Idee: Senioren lernen, mit Computern umzugehen, E-Mails zu schreiben und Programme zu bedienen. Zugleich übernehmen die Schüler Verantwortung in einem echten Betrieb – denn die Schülergenossenschaft wird ganz offiziell vom Deutschen Genossenschaftsverband geprüft. „Freitags von 8:30 bis 9:30 Uhr zeigen wir Senioren in einer Doppelstunde, wie die Technik funktioniert – das ist auch eine gute Schulung für uns“, sagt Jan-Niklas Jendriczka (15). Ein Team kümmert sich um Buchhaltung, ein anderes um die Akquise. Das von den Senioren bezahlte Geld für die Schulungen wird zum Beispiel in neue Technik investiert. 

FairKaufhaus

Vor fünf Jahren wurde die Genossenschaft für Hannovers FairKaufhaus gegründet. Abgelegte Dinge von Kleidung über Haushaltswaren bis zu Spielzeug und Möbeln können in der Limburgstraße (neben Primark) zu fairen Preisen erstanden werden. In den Lagern Büttnerstraße und Entenfangweg nehmen Mitarbeiter ausrangierte Gegenstände entgegen, sortieren sie für die Weiterverwertung und arbeiten sie in Einzelfällen auch auf. Das Projekt gibt mittlerweile 55 Menschen sozialversicherungspflichtig Arbeit. Es ist so stark gewachsen, dass die interne Organisation jüngst komplett umgekrempelt werden musste. „Wir hatten die Struktur auf einen Maximalumsatz von 1,2 Millionen Euro ausgelegt, jetzt sind wir deutlich über zwei Millionen“, sagt Vorstandschef Reinhold Fahlbusch. Sein Credo: „Die Genossenschaft ist die vernünftigste Methode, einen Geschäftsbetrieb mit minimalem Verwaltungsaufwand zu betreiben, in dem sich Menschen auf Augenhöhe begegnen können.“ Das klingt nach verträumtem Sozialismus, ist aber pure Ökonomie. Fahlbusch versteht etwas vom Wirtschaften, im Berufsleben war er Bankdirektor. med

Am Sonnabend feiern die Genossen rund um die Marktkirche

Der 7. Juli ist weltweit zum Tag der Genossenschaften ausgerufen worden. Die UN will, dass diesem menschenfreundlichen Wirtschaftsmodell wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. In Hannover veranstalten die lokalen Genossenschaften ein Fest mit Ständen und Bühnen rund um die Marktkirche. Von 12 bis 19 Uhr gibt es ein Musik- und Kulturprogramm unter anderem mit Zauberer Desimo (12 Uhr), Sportvorführungen und Musikeinlagen von den Jetlags. Ganztägig laufen Gewinnspiel-Familienrallyes, ab 14.30 Uhr gastiert der Kinderzirkus Giovanni auf dem Kirchenvorplatz. Mehrfach gibt es über den Tag verteilt „Nervenkitzel beim House Running vom Dach des Alten Rathauses“, außerdem Kinderaktionen, Torwandschießen und Basketball mit den UBC Tigers. Trotz der vielen Mitmachaktionen lautet der Titel „Tag der Stuben-Hocker“. Damit wollen die Wohnungsgenossenschaften darauf aufmerksam machen, wie schön es ist, wenn man als Genossenschafter gewissermaßen in den eigenen vier Wänden wohnt. Die Teilnahme ist kostenlos.

06.07.2012
Andreas Schinkel 06.07.2012
06.07.2012