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Aus der Stadt Messe zeigt neue Wege in die Zukunft
Hannover Aus der Stadt Messe zeigt neue Wege in die Zukunft
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21:08 24.03.2014
Von Juliane Kaune
Beleuchtete Zebrastreifen werden Senioren in Zunkunft das Überqueren von Straßen erleichtern. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Eine deutsche Großstadt im Jahr 2014: Senioren sind auf Elektromobilen unterwegs, werden im Rollstuhl geschoben - oder sind noch mobil genug, zu Fuß zu gehen. Rundherum ist der öffentliche Raum nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet. Die Ampelphasen sind länger, Zebrastreifen besonders beleuchtet und Schilder gut lesbar beschriftet. Es gibt überall Bänke zum Verweilen und Rampen statt Treppen. Die Älteren sind mittendrin im Stadtleben: Lieferdienste bringen Dinge des täglichen Bedarf bis an die Wohnungstür, und in den Häusern leben mehrere Generationen unter einem Dach.

Dieses Szenario von einer fiktiven Kommune haben Forscher der Technischen Universität (TU) Dresden angesichts des demografischen Wandels entworfen. „Eine Stadt für jedes Alter“ nennen sie ihr interaktives Modell, das Besuchern auf der am Dienstag beginnenden Fachmesse „Altenpflege 2014“ in Halle 21 vorgestellt wird. „Wir wollen zeigen, dass sich auch die Stadtplanung mehr und mehr auf die alternde Bevölkerung einstellen muss“, erklärt Gesine Marquardt von der TU. Der hohe Anteil an Senioren, die die Wissenschaftler für ihre Zukunftsstadt mittlerer Größe zugrunde legen, sei durchaus realistisch, sagt die Architektin. Statistische Hochrechungen hätten ergeben, dass schon 2030 jeder dritte Deutsche 65 oder älter ist.

Das Ziel müsse sein, die Senioren so lange wie möglich in ihrem gewohnten sozialen Umfeld zu betreuen, sagt Thomas Bade. Er ist Geschäftsführer des in Hannover ansässigen Unternehmens Universal Design und koordiniert auf der Pflegemesse die Sonderausstellung „aveneo“. Die 1300 Quadratmeter große Schau in Halle 21 hat den Anspruch, Innovationen aus dem Bereich der Altenpflege zu bündeln. „Es geht darum, technische Neuheiten in einem Design anzubieten, das die Menschen anspricht - das gilt für die Betreuten ebenso wie für die Pflegenden“, sagt Bade. Der Bedarf nach funktionalen und einfach zu bedienenden Hilfsmitteln wachse gerade im ambulanten Bereich. Bundesweit rund 1,7 Millionen Menschen, also gut zwei Drittel der Pflegebedürftigen, werden zu Hause versorgt - bei rund 1,1 Millionen Betreuten übernehmen Angehörige die Pflege.

Bade organisiert „aveneo“ bereits zum vierten Mal. Die Sonderschau mit aktuell 46 Ausstellern ist zu einem Aushängeschild der Altenpflege-Messe geworden. Die Produktpalette deckt ein sehr breites Spektrum ab. Zum Beispiel ist eine mobile Modellwohnung aufgebaut, die das Forschungszentrum Informatik aus Karlsruhe entwickelt hat. Diese besonderen vier Wände bieten eine Vielzahl an technischen Hilfen, um etwa häuslichen Unfällen vorzubeugen. So werden beim Verlassen der Wohnung offene Fenster oder Türen per Warnsignal gemeldet, und der Herd schaltet sich automatisch ab, wenn eine bestimmte Temperatur oder die zuvor eingegebene Kochdauer überschritten wird.

Beim Thema Innovationen muss es aber nicht immer gleich ein solches Komplettpaket sein. Auch im Kleinen lässt sich bereits einiges verbessern. Das zeigt das rutschfeste Porzellangeschirr, das die Firma Kahla anbietet. Selbst wenn es mal richtig schräg wird, haften die mit Silikon versehenen Teile standsicher auf dem Untergrund.

Messeeröffnung:
Karl-Josef Laumann, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und Bevollmächtigter der Bundesregierung für Patienten und Pflege, hat die „Altenpflege 2013“ gestern Abend eröffnet. Noch bis zum Donnerstag zeigen 590 Aussteller auf 55 000 Quadratmetern in vier Hallen ihre Produkte und Entwicklungen aus den Bereichen Pflege, Therapie, Ernährung, Hauswirtschaft, Gebäudetechnik und Informationstechnologie. Es werden rund 30 000 Fachbesucher aus der Branche erwartet.

Anreise:
Trotz des Streiks im öffentlichen Nahverkehr ist das Messegelände mit der S-Bahn erreichbar. Am Hauptbahnhof Hannover fährt auf Gleis 1 die S4 bis zur Station „Hannover Messe/Laatzen“. Zusätzlich richten die Messeveranstalter einen kostenfreien Bus­shuttle ein; in der Halle des Hauptbahnhofs warten Lotsen auf die Fahrgäste.

„Für mich soll’s rote Rosen regnen“ – die Textzeile aus dem Song von Hildegard Knef ist bei Bettina Richter Programm. Auf Wandbehängen, Kissen und anderen Textilien hat die Konzeptkünstlerin Botschaften geschrieben, die optimistisch stimmen. „Das Leben ist schön“ ist so ein Slogan, der sich auf den blumig-bunten Kreationen der Unternehmerin aus Kassel findet. Mit ihren Gute-Laune-Produkten schmückt sie Alten- und Pflegeheime, um den Menschen etwas von der positiven Stimmung abzugeben. Auch Krankenhäusern und Hospizen bietet sie ihre Entwürfe an. Vor dem Thema Tod dürfe man nicht zurückschrecken, sagt Richter. Neu geschaffen hat sie „Paradieshemden“, auf denen die Wünsche Verstorbener stehen sollen.

Willkommen: Einladend und komfortabel wirkt das Zimmer, in das Michael Schlenke Besucher bittet. Ein bequemes Bett mit modernem Stoffbezug, Sessel in gleicher Farbe und passende Schränke. Guter Hotelstandard. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass das Mobiliar technische Raffinessen hat, die sonst nicht erforderlich sind. Das Bett ist höhenverstellbar, aus dem Schrank lässt sich mit wenigen Handgriffen ein Patientenlift hervorholen, der Senioren beim Aufstehen hilft. Genau das ist die Idee: „Man soll gar nicht merken, dass dies ein für Senioren ausgestattetes Zimmer ist.“ Entworfen hat es „PRoF-Projects“, ein Konsortium von 300 Firmen aller Branchen, die sich mit einem leichteren Leben für Ältere beschäftigen.

Er sieht alles andere als menschlich aus. Doch er kann menschliche Bewegungen perfekt nachahmen. „Roki“ heißt der Roboter, den Ingenieure des zur Leibniz-Uni gehörenden Instituts für Produktentwicklung und Gerätebau konstruiert haben. Er könnte in der Pflege vor allem zu einem Helfer werden, der schwere Lasten anpackt. Aber auch andere Anwendungen seien denkbar, sagt Habib Nasri, der den Roboter mit einem Kollegenteam entwickelt hat. In Echtzeit ahmt „Roki“ jede Bewegung, die ihm vorgemacht wird, ohne Verzögerung nach. Wie das funktioniert, geben seine „Väter“ gerne preis: Eine 3-D-Kamera nimmt Bilder der Umgebung auf, die Daten werden mithilfe eines speziellen Programms analysiert, umgerechnet und schließlich so in eine Maschinensprache übersetzt, dass sie in „Rokis“ Schaltzentrale landen und ihn aktiv werden lassen. Über das Internet lässt sich der Roboter sogar fernsteuern – an jedem beliebigen Ort kann man ihm die Bewegungen zeigen, die er nachahmen soll. Wann der Prototyp der Uni-Ingenieure Marktreife erlangt, steht noch nicht ganz fest. Nasri hofft, dass es „weniger als fünf Jahre“ dauern wird. Schon jetzt stecken gut drei Jahre technische Tüftelei in „Rokis“ komplexem Innenleben.

Wie wäre es mit einem Spaziergang zu der Kirche, in der vor Jahrzehnten Hochzeit gefeiert wurde? Oder mit einer Runde durch den Park, in dem früher immer so schön die Sonne geschienen hat? Aus Erinnerungen bestehende Bilder können Senioren dazu bringen, sich regelmäßig zu bewegen. Auf diesem Prinzip baut das Gerät „Memo Moto“ auf, das die Firma Inflight Television International entwickelt hat. „Vor allem in Pflegeheimen bewegen sich ältere Menschen kaum noch – wir wollen neue Anreize bieten“, erklärt Geschäftsführer Mark Janssen. Dafür tauchen er und seine Kollegen tief in die Biografie der Senioren ein. Sie fragen nach deren Lieblingsorten und Strecken, die diese früher gern gegangen sind. Mit den Informationen produziert die Firma einen Film, der die Orte der Vergangenheit zeigt, teils im Original, teils in einer Computeranimation. Der Film läuft auf einem Fernseher, vor dem Bildschirm steht ein mobiles Trainingsgerät für die Beine. Nehmen die Senioren Platz und sehen die Szenerien, motiviere sie das, ihr Ziel erreichen zu wollen, sagt Janssen – auch wenn es nur virtuell vorhanden ist. Wissenschaftliche Tests hätten ergeben, dass dabei im Hirn Areale aktiv werden, die zum Wohlbefinden beitragen.

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