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Aus der Stadt Mit dem Willen zur Qual
Hannover Aus der Stadt Mit dem Willen zur Qual
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00:16 10.04.2015
Von Andreas Schinkel
Das sind Gewichte: Boris Benke trainiert für die Crossfit-Meisterschaft im Juni in Hannover.
Das sind Gewichte: Boris Benke trainiert für die Crossfit-Meisterschaft im Juni in Hannover.  Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Harte Gitarrenriffs dröhnen durch die Halle, Hanteln fallen scheppernd auf den Betonboden, Magnesia-Staub schwebt in der Luft. Für Boris Benke sind das ideale Trainingsbedingungen, weit entfernt vom klinisch reinen Fitnessstudio mit seiner Fahrstuhlmusik. Der blonde junge Mann hängt wie ein Turner an den Ringen, pendelt mit den Beinen. Dann schwingt er sich ruckartig nach oben und drückt sich allein mit der Kraft seiner Arme in den Stütz. „Muscle up“ nennt sich die Übung, und sie ist so anstrengend wie es der Name vermuten lässt. Untrainierte schaffen kaum eine einzige Wiederholung, Boris Benke schafft 30 – in sieben Minuten.

Crossfit ist das neue Credo in der Fitnesswelt: Weg von teuren Maschinen, die einzelne Muskelstränge isoliert trainieren, hin zu Übungen ganz alter Schule wie Kniebeugen, Klimmzüge und Liegestütze. „Don’t use machines, become one“ („Benutze keine Maschinen, werde eine“) ist auf dem T-Shirt von Boris Benke zu lesen. Man glaubt es dem muskelbepackten 25-Jährigen aufs Wort.

Mehr als eine Mode

Benke ist eigentlich Ermittlungsbeamter bei der Polizei in Garbsen. Einen großen Teil seiner Freizeit verbringt er in einer Crossfit-Halle in Vahrenwald, die der Kampfsportverein Kenpokan betreibt. Dort gibt er nicht nur morgendliche Crossfit-Kurse für Freizeitsportler, er bereitet sich auch auf nationale und internationale Wettkämpfe vor – fünfmal die Woche, jeweils eineinhalb Stunden. „Der Wille zum Quälen ist wichtig“, sagt er grinsend.

Crossfit ist mehr als eine neue Fitnessmode. Inzwischen hat sich das schweißtreibende Zirkeltraining zur Wettkampfsportart gemausert – mit Hannover als Hochburg. Am 6. Juni werden im Eisstadion am Pferdeturm die deutschen Meisterschaften im Crossfit ausgetragen, zeitgleich finden in Frankreich, Italien und Schweden weitere europäische Wettkämpfe statt. Am Ende entscheiden die erreichten Punkte, ob einem Athleten in Hannover sogar eine europäische Platzierung gelungen ist. Am Tag danach, 7. Juni, messen sich bei der Jugendmeisterschaft im Crossfit, wiederum im hannoverschen Eisstadion, die jungen Athleten. In Hannovers Crossfit-Szene werden die Veranstaltungen mit Spannung erwartet. Die besten Fitnesssportler Deutschlands bereiten sich jetzt auf die Qualifikationsrunden vor.

Besuch in einer Crossfit-Halle in Vahrenwald: Fotograf Philipp von Ditfurth hat den Ermittlungsbeamten Boris Benke besucht und ihn beim Training fotografiert.

Benke bleibt gelassen. Einen großen Wettbewerb hat der Hannoveraner bereits hinter sich. Im slowakischen Bratislawa maß er sich vor einigen Wochen mit den besten Crossfit-Athleten Europas und landete auf dem 36. Platz. „Das hört sich blöd an, ich bin aber froh, dass ich überhaupt am Finale der besten 50 teilnehmen konnte“, sagt er. Auch ist zu berücksichtigen, dass Benke erst seit knapp eineinhalb Jahren Crossfit betreibt.

„15 Jahre lang war ich leidenschaftlicher Fußballer“, erzählt er. Doch als er seine Heimatstadt Osnabrück verlassen musste, um an der Polizeiakademie in Oldenburg zu studieren, riss der Kontakt zum Fußballverein ab. Nach dem Studienabschluss zog Benke nach Hannover und meldete sich bei einem Fitnessstudio an. „Das wurde mir aber schnell zu langweilig“, sagt er. Im Internet stieß er auf Videos von Fitnesssportlern, die nicht bloß Hanteln in die Höhe reckten, sondern Übungen aus dem Kunstturnen aufnahmen – Handstände, Aufschwünge, Kippen. „Als mein Vater diese Videos sah, meinte er: ,Das schaffst du nie‘“, erzählt Benke.

Ein Jahr später tritt der junge Polizist den Gegenbeweis an. Er schwingt sich in den Handstand, knickt die Arme ein, der Kopf berührt den Boden, dann drückt er sich wieder hoch – mehrere Male hintereinander. Der „Handstand push up“ gehört zu den schwierigsten Übungen im Crossfit. Danach greift Benke in die Schale mit weißem Magnesia-Pulver, das in keiner Turnhalle fehlt. Sorgfältig in die Handinnenflächen gerieben, verhindert die mehlige Substanz Blasen. Ein harter Beat dröhnt aus den Boxen, der Rapper Eminem schreit seine Wut heraus, und Benke hängt sich an die Klimmzugstange. 20 Klimmzüge hintereinander sind für ihn kein Problem, alles eine Frage der Technik.

Pure Armkraft

Crossfit-Athleten ziehen sich nicht allein mit purer Armkraft hoch, sie pendeln mit dem ganzen Körper und geraten in eine rhythmische Kipp-Bewegung, die viele Wiederholungen ermöglicht. Solche Übungen sind für den kompakten Benke mit seiner Turnerfigur wie geschaffen. Probleme hat er bei den reinen Kraftübungen. „Da sind mir die großen, schweren Jungs oft überlegen“, sagt er. Kniebeugen mit der Langhantelstange auf dem Buckel zum Beispiel, da könne er „nur“ 150 Kilogramm draufpacken, das sei im Vergleich zu anderen Wettkampfsportlern nicht besonders viel.

Benke ist klar, dass er an die ganz großen Crossfit-Profis niemals heranreichen wird. „Das ist manchmal frustrierend“, räumt er ein. In den USA locken Crossfit-Wettkämpfe zehntausend Zuschauer in die Stadien. Die besten Athleten werden wie Popstars gefeiert. Wettkampfgewinner streichen Siegprämien von 25. 000 Dollar ein. Konzerne wie der Sportartikelhersteller Reebok surfen auf der Crossfit-Welle und sponsern Athleten. „Profi-Crossfitter in den USA können von ihrem Sport gut leben“, sagt Benke. Davon sei man in Deutschland weit entfernt. Seine Trainingsprogramme für die Vorbereitung auf die Meisterschaft im Eisstadion lädt sich Benke aus dem Internet herunter. „Am Ende kommt es darauf an, dabei zu sein und alles zu geben“, sagt er.     

Liegestütze, Kniebeugen, Klimmzüge – mal 100

Crossfit ist wie ein Zirkeltraining alter Schule: Auf einem Parcours müssen verschiedene Übungen absolviert werden. Um in Crossfit-Wettkämpfen die Leistung zu bewerten, müssen die Teilnehmer entweder möglichst viele Wiederholungen in vorgegebener Zeit absolvieren, oder sie bewältigen eine festgelegte Zahl von Wiederholungen in möglichst kurzer Zeit. Das Bewertungssystem wird erweitert, wenn Kraftübungen hinzukommen, etwa das Kreuzheben, bei dem eine Langhantel mit gestreckten Armen vom Boden aufgehoben wird. Kräftige Athleten heben mehr als 200 Kilogramm, schwächere schaffen weniger Gewicht aber mehr Wiederholungen. Zur Bewertung werden die Wiederholungen mit dem Gewicht multipliziert und eine Punktzahl ermittelt.

Typische Übungsabfolgen („Workouts“) tragen oft Frauennamen. Ein Klassiker ist „Cindy“: Fünf Klimmzüge, zehn Liegestütze, 15 Kniebeugen, dann beginnt die nächste Runde. Zeit: 20 Minuten. Die meisten Freizeitsportler schaffen zwölf bis 15 Runden und bleiben danach auf der Matte liegen. Top-Athleten bringen es auf über 35 Runden. Berüchtigt ist „Angie“ mit vorgegebenen Wiederholungen: 100 Klimmzüge, 100 Liegestütze, 100 Bauchaufzüge („Sit ups“), 100 Kniebeugen. Trainierte Crossfitter schaffen das in 15 bis 20 Minuten, andere sind froh, überhaupt durchzukommen.

Der Verein Kenpokan, Jathostraße 11, bietet täglich Crossfit-Kurse an.

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