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Aus der Stadt Flüchtling attackiert Security mit Gabel
Hannover Aus der Stadt Flüchtling attackiert Security mit Gabel
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20:51 07.05.2015
Von Michael Zgoll
Im Ahlemer Schulgebäude und der Turnhalle leben viele Flüchtlinge. Quelle: Uwe Dillenberg
Hannover

„Die Situation im Schulzentrum Ahlem ist noch akzeptabel, aber nicht gut.“ So diplomatisch umschrieb jüngst ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes die Zustände im Flüchtlingswohnheim an der Petit-Couronne-Straße. Dort leben, in ehemaligen Klassenzimmern und Turnhallen, rund 300 Menschen auf engem Raum. Bei einem beschleunigten Verfahren am Amtsgericht konnte man am Donnerstag erfahren, welches Konfliktpotenzial in Massenunterkünften schlummert.

Erst vor fünf Tagen, am frühen Sonntagmorgen, war der 37-jährige Samir C. verhaftet worden – in Ahlem, in der Turnhalle des Schulzentrums. Im Verlauf einer turbulenten Nacht hatte der Algerier einen Mann vom hauseigenen Sicherheitsdienst mit einer Gabel attackiert, hatte den 23-Jährigen getreten und leicht verletzt. Am Donnerstag bereits wurde der Asylbewerber verurteilt. Er muss wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und vorsätzlicher Körperverletzung eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 10 Euro zahlen. Wie Richter Nick Zänker entschied, darf C. die 900 Euro in monatlichen Raten von 25 Euro abstottern. Drei Jahre lang wird der Flüchtling nun an seine Tat erinnert.

In Algerien, so übersetzte der Dolmetscher am Donnerstag vor Gericht, lief es nicht gut für Samir C. Neun Jahre Schule, keine weitere Berufsausbildung, nur Gelegenheitsjobs auf Baustellen. Es war eine der klassischen Fluchtrouten zwischen Nordafrika und Europa, die er im vergangenen Herbst wählte. Von Libyen über das Mittelmeer, im gelobten Land gelandet in einem Seelenverkäufer. Italien, Frankreich, Schweiz waren nur Zwischenstationen. Deutschland erreichte C. im Dezember 2014. Er lernte die Erstaufnahmeeinrichtungen in Dortmund und Braunschweig kennen. Und die deutsche Justiz. Weil er mit falscher französischer Identitätskarte aufgegriffen wurde, ereilte ihn ein Strafbefehl von 300 Euro wegen Urkundenfälschung.

Nun also steht C. in Hannover vor Gericht. „Warum sind Sie nach Deutschland gekommen?“, fragt ihn der Richter. „Ich möchte mir hier eine Zukunft aufbauen“, antwortet der Algerier. Aber wie?

In der Tatnacht hat C. getrunken. Wodka, Bier, in großen Mengen. Gegen 3 Uhr morgens gerät er mit einem Marokkaner in Streit. So laut, dass es viele der 75 Turnhallenbewohner mitbekommen. Die Polizei erscheint, nimmt C. mit aufs Revier nach Limmer. Von dort lässt er sich, rund zwei Promille im Blut, mit einem Taxi zurück in die Ahlemer Unterkunft bringen. Doch bezahlen will er nicht. Trifft wieder auf den Marokkaner, beginnt sich erneut zu streiten. Zwei Sicherheitsleute stellen ihn zur Rede, der Algerier versucht zu flüchten, bedroht einen der Verfolger mit einer Gabel. Den stämmigen Männern fällt es nicht schwer, den trunkenen Tobenden zu bändigen. Es folgen vier Tage Haft. 900 Euro Geldstrafe und ein Hausverbot in Ahlem. Für diese Nacht zahlt Samir C. einen hohen Preis.

Politik und Verwaltung wissen, dass große Ballungen von Flüchtlingen verschiedener Nationalitäten Spannungen mit sich bringen. So propagieren die Offiziellen dezentrale Unterkünfte – und wissen sich doch aktuell nicht anders zu helfen, als bestehende Heime zu vergrößern. Am Rande des Prozesses erfährt man: Die große Ausnahme ist ein Exzess wie am Wochenende nicht. Immer wieder komme es im Schulzentrum zu Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern. Es sind fast immer junge Männer, die ihre Langeweile im Alkohol ertränken, Marihuana rauchen, vereinzelt sogar mit Drogen handeln. Oder sich abends darüber in die Haare bekommen, welche Fernsehsendung in welcher Sprache auf dem Gemeinschaftsapparat laufen darf. Doch die meisten Flüchtlinge, so heißt es, seien friedlich. Und es sind etliche, die hier bald ankommen wollen. Die schnell beginnen, Deutsch zu lernen.

320 Euro bekommt C. pro Monat ausbezahlt. Plus Verpflegung. „Der Sozialstaat garantiert Ihnen Ihre Existenzgrundlage“, ruft Richter Zänker dem Asylbewerber ins Gedächtnis. Doch nun sei es an ihm, das Beste aus seiner Situation als Flüchtling zu machen – und Konflikte anders zu lösen als mit Gewalt.     

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