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Aus der Stadt Sprachlose Eltern
Hannover Aus der Stadt Sprachlose Eltern
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17:33 13.01.2015
Von Saskia Döhner
Mehr Migranten sollen Elternvertreter werden: Seyhan Öztürk von Fötev.
Mehr Migranten sollen Elternvertreter werden: Seyhan Öztürk von Fötev. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Sie will türkischen Eltern im ganzen Land eine Stimme geben - die hannoversche Rechtsanwältin Seyhan Öztürk ist Vorsitzende der Förderation türkischer Elternvereine in Niedersachsen (Fötev). Am Donnerstag eröffnet der Dachverband mehrerer Migrantenvereine, darunter auch der Türkische Elternverein in Hannover, dem Öztürk ebenfalls vorsteht, ein neues Verbindungsbüro in der Nordstadt. Gefördert wird das Projekt vom Sozialministerium und der Lotto-Sport-Stiftung.

Ob in Garbsen, Königslutter, Verden oder Hannover - die Probleme türkischer Eltern sind oft die gleichen. Mal sind es fehlende Informationen: Wie funktioniert das gegliederte Schulsystem? Was unterscheidet ein Gymnasium von einer Gesamtschule? Welche Bildungswege führen an die Hochschule? Sind Eltern bei der Schulwahl an die Laufbahnempfehlung der Grundschullehrer gebunden? Manchmal ist es der fehlende Kontakt zum Lehrer. Mütter und Väter trauten sich nicht, die Pädagogen anzusprechen, sagt Öztürk. „In der Türkei gelten Lehrer als hohe Respektspersonen, man widerspricht ihnen nicht, was sie sagen, ist immer richtig.“ Viele Eltern hätten deshalb Angst, zu Elternabenden oder Elternsprechtagen zu gehen, mitunter auch weil sie Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hätten und fürchteten, sich falsch auszudrücken. „Eltern öffnen sich besser gegenüber Eltern, die selbst Migranten sind oder als Kinder von Einwanderern Migrationserfahrung haben“, betont die Juristin, selbst Mutter einer vier- und einer 15-jährigen Tochter.

Eigentlich kann jede Schule, an der mindestens zehn Kinder ausländische Wurzeln haben, einen Elternvertreter für die Belange der Migranten benennen. „Aber leider wird dies viel zu selten wahrgenommen“, sagt Öztürk. Oft fehlten auch Freiwillige, die sich engagieren wollten. Daher sei es auch ein Ziel von Fötev, mehr Migranten für die Elternarbeit zu gewinnen. Grundsätzlich steht der Dachverband allen Migranten offen, nicht nur Türken.

Öztürk selbst hat sich schon als ihre älteste Tochter noch im Kindergarten war als Elternsprecherin engagiert. Vielleicht auch weil Bildung in ihrer Familie seit jeher einen hohen Stellenwert hatte. Ihr Vater, der in der Türkei als Lehrer gearbeitet hatte, wollte immer, dass seine vier Kinder einen guten Schulabschluss machen und studieren. „Das hat geklappt“, sagt Öztürk und lächelt. Nach dem Abitur in Salzgitter hat die heute 40-Jährige in Göttingen Jura studiert.

Auffällig sei, dass viele Migranten der zweiten oder dritten Generation sich verstärkt wieder den Wurzeln ihres Heimatlandes zuwendeten, sagt sie, „mehr als die ersten Gastarbeiter“. Oft treibe die Erfahrung von Frust und Diskriminierung zum inneren Rückzug: „In der Moschee ist man unter seinesgleichen und wird akzeptiert.“

Öztürk wünscht sich vom Land Infobroschüren in den gängigsten Landessprachen wie Türkisch, Russisch, Englisch und Polnisch. Sie sollten in einfachen Begriffen das komplizierte deutsche Schulwesen erklären. „Das wäre ein Anfang“, sagt die Anwältin.

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